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Dr. Hans-Ulrich Hauschild: Huber, Luther und die Verhöhnung des Elends oder das zweifelhafte Jubiläum

Zum Lutherjubiläum kommen nicht nur die weithin bekannten Tatsachen aus der Geschichte der Reformation, wie Bekämpfung des Ablasshandels oder Kritik an dem Prunk der damaligen Kirche auf die Tagesordnung, sondern auch Luthers Theologie und Politik.

Luthers Theologie, von der die Kirche wenig redet, kann wohl nur als Theologie des Schreckens und Grauens bezeichnet werden. Grund ist die doppelte Prädestination, also notwendige Vorherbestimmung Gottes über das Seelenheil des Menschen im Guten (selten) und Bösen (also Verdammnis, häufig). Dass die Evangelische Kirche dennoch von sich selbst als „Kirche der Freiheit“ spricht, ist wohl erkennbar grotesk und höchst gefährlich. Denn die Theologie Luthers lässt alles Mögliche zu, aber moralisch zu verantwortende Grundentscheidung des Menschen nicht. Thomas Mann wies in Abgrenzung von Reformation und Humanismus darauf hin, wie wenig freiheitlich und wie stark rückwärts gewandt die Reformation war. Diese Auffassung kann man ironisch so mit Theodor Fontane so formulieren: „Es geht die Sage, dass mit dem Mann aus Wittenberg die Freiheit in die Welt gekommen sei. Was aber ist in die Welt gekommen: Unduldsamkeit und Hexenverfolgung“.   Nun, ich will nicht nur ironisch sein. Deshalb will ich es mit einer sachlichen Erklärung versuchen: was in die Welt gekommen ist, ist eine drastische Negation der menschlichen Willensfreiheit, wenn es eben um diese eine Grundentscheidung geht. Was aber auch in die Welt gekommen ist, ist die Wirtschafts- und Handelsfreiheit. Kaufleute und Kapitalinhaber profitieren langfristig von  dieser Art Freiheit.

Genau das aber wäre Freiheit, wenn die religiöse Grundentscheidung aus freiem Willen und in aller moralischen Verflechtung geschehe. Die Ev. Kirche ist also genau nicht „die Kirche der Freiheit“.

Und das führt zu einem Gottes- und Menschenbild, das seinerseits vor dem Elend der Welt nicht zu verantworten ist, weil die Angelegenheiten der Wirklichkeit fast als Schicksal verstanden werden, also in ein tiefes Mysterium getaucht werden. In einer solchen determinierten oder doch unerklärlichen Welt kann man nicht mehr verantwortlich handeln. Oder nur, wie neulich ein Theologe gesagt hat, darüber, ob man morgens Kaffee oder Tee trinken will.

Die Kirche nimmt diesen Fatalismus nicht zur Kenntnis und behauptet, dass die Freiheit, die aus dem geschenkten Glauben und damit aus der geschenkten, also nicht verantworteten, Tat kommt, eine wirkliche Freiheit im Sinne des Wortes, wie wir es verwenden, sei.

Damit redet sie nochmals Groteskes.

Wer wie Luther Willensfreiheit, wie schon sein geistiger Vater Augustinus, in der entscheidenden Frage von Prädestination und Verantwortung ablehnt, hat die philosophische Dimension des Freiheitsbegriffs nicht verstanden und die politische verfehlt. Mit dieser Theologie kann man alles rechtfertigen.

Hinzu kommt noch, dass auch sonst wenig Anlass zur Freude besteht, wenn man einmal von der in der Tat epochalen Leistung der Bibelübersetzung und der völlig berechtigten Kritik an der Verderbtheit der Akteure der damaligen allgemeinen (katholischen) Kirche absieht.

Der Kirche merkt man noch heute an, welche unheilvollen Ergebnisse Luthers Allianz mit den an Macht, nicht an Religion, interessierten Landesfürsten historisch hatte. In opportunistischer Weise hat er sich politisch den Fürsten in die Hand gegeben. Er behauptete, Politik sei nicht seine Sache. Und nicht die der protestantischen Religion. Aber Politik hat er gemacht: er hat seine Überzeugungen der Macht geopfert und z.B. die Bauern in ihren sozialen Bemühungen im Stich gelassen. Da konnte er ja doch Politik machen.

Diese Allianz besteht noch heute: Thron und Altar sind noch heute verbunden. Wir sehen es gerade heute wieder. Zum Glück aber hat die Kirche keinen Einfluss mehr und wenn der Zauber der aktuellen Politik vorbei ist, rückt sie wieder in das zweite oder dritte Glied.

Man müsse Luther aus seiner Zeit verstehen? Klar, aber dann dürfen wir diese Theologie nicht übernehmen.

Und außerdem: es gab schon damals ganz andere Akteure. Zu nennen ist hier nur sein großer Gegner, Erasmus von Rotterdam. Mit diesem hätte es wohl keine Glaubensspaltung gegeben, und ein rationalerer Umgang mit Glauben, Handeln und kirchlicher Praxis wäre heute Realität.

Heute ist in der  Nachfolge dieser Theologie von „globaler Menschenliebe“ Gottes und der Verpflichtung zur Nächstenliebe die Rede.  Wo bei dem moralischen Nihilismus der Protestanten plötzlich die Kategorie der Verpflichtung ihr Recht her bekommt, kann ich nur bei politischen Opportunismus – wie so häufig – vermuten.

Nein,  Luther ist auch im Lutherjahr einfach eine Zumutung  – und damit auch die Evangelische Kirche.  Auch theologisch ist die Lutherkirche  halbherzig und inkonsequent. Oder nur, wenn man die katastrophale Luther-Theologie zugrunde legt. Sicherlich verpflichtet das Gebot der Nächstenliebe, aber nicht uferlos und ohne jede Grenze für das Funktionieren einer Gesellschaft. Die Bergpredigt findet ihre Grenze darin, dass Jesus sie für eine christliche Gemeinde, für ihn gab es die aber noch gar nicht, d.h. also die Jüngergemeinde gehalten hat, also für Menschen, die rückhaltlos seine Gebote befolgen wollen. Das ist in der Gesellschaft aber nicht der Fall, so dass unbegrenzte Nächstenliebe diese zerstören würde. Es ist aber absurd, das zu zerstören, was für 80 Mio. Menschen politische und ökonomische Heimat ist, nur um den Willen einer Idee. Diese Zerstörung würde zudem die Basis für wirksame Hilfe für die Elenden dieser Welt nehmen.

Luther jedoch ist genau das Beispiel, das wir für globale Menschenliebe brauchen.

Wie die protestantische globale Menschenliebe aussieht, definiert ihr Erfinder, Martin Luther:

 

Was wir glauben sollen, muß verborgen sein. Am meisten verborgen ist das, was im Widerspruch steht zu Wahrnehmung und Erfahrung. Wenn daher Gott Leben schenkt, dann tut er das, indem er tötet. Wenn er uns rechtfertigt, dann tut er das, indem er uns zu Schuldigen macht. Wenn er uns in den Himmel erhebt, dann tut er das, indem er uns in die Hölle führt … So verbirgt er seine Güte und Barmherzigkeit unter seinem ewigen Zorn, seine Gerechtigkeit unter der Untat. Denn das ist die höchste Stufe des Glaubens, daß man glaubt, der sei gütig, der so wenige rettet und so viele verdammt, daß man glaubt, derjenige sei gerecht, dessen Willen uns mit Notwendigkeit zu Verdammenswürdigen macht, so daß es, wie Erasmus sagt, so aussieht, als freue er sich an den Qualen der Elenden und habe eher unseren Haß als unsere Liebe verdient. Wenn ich aufgrund irgendeiner vernünftigen Überlegung glauben könnte, dieser Gott, der solchen Zorn und Untat aufweist, sei barmherzig und gerecht, dann wäre kein Glaube nötig“. (Luther, Über den freien Willen). Damit haben die Elenden, Armen, Unterdrückten dieser Welt Gottes globale Liebe zu spüren bekommen. Sie haben ja, was sie wollten: einen  verborgenen Gott, der sie liebt, in dem er sie und ihre Kinder krepieren lässt. So einfach darf es sich selbst eine luthereuphorische kirchliche Gemeinschaft nicht machen. Wie man sieht, so einfach ist das nicht mit der globalen Liebe, wenn sie denn nicht nur im Verborgenen blüht. Mir kommt dies  eher vor wie  eine Vertröstung für Arme oder überhaupt wie eine Verhöhnung der Öffentlichkeit.   Mit dieser Art Religion ist ein Höchstmaß an Vertröstung und Disziplinierung erreicht. Da man damit alles rechtfertigen und erklären kann, versteht man, warum Machthaber aller Art von Anfang an hier religionspolitisch zugegriffen haben, und man versteht, warum Aufklärer wie Lessing und Kant gegen diese grauenvolle Lehre aufbegehrt haben.

 

Zum Zusammenhang:

 

Nachdem sich weder die „Naherwartung“  Jesu – das Reich Gottes sei schon angebrochen und er müsse das Volk Israel nur noch darauf vorbereiten bzw. darauf einstellen – noch, nach seinem Kreuzestod, er, was man erwartet hatte, sofort wiederkam, mussten die ersten Theologen, wollten sie für ihre Religion eine Zukunft schaffen, das Elend der Welt in das Innere legen. Jesus war nun nicht mehr gekommen, die Welt konkret zu verändern, sondern sein Opfertod wurde als Überwindung der Erbsünde begreifen. Das ist verständlich, denn sonst wäre Jesu Botschaft in das Gleichgültige versackt. Ab sofort war der Mensch mit seiner Sündigkeit  der Gnade bedürftig, denn das Elend der Welt konkret zu überwinden,war ja nicht möglich, also musste das Paradies wo anders gesucht werden.

Wem aber das Erlösungswerk Jesu – man dachte wohl eine Art Loskauf von der Macht des Satans – einen Sinn haben sollte, durfte der Mensch daran keinen Anteil haben, konnte er keinen Anteil  haben: alles ist Gnade: schon der Glaube, dann die daraus folgende „gute Tat“, also die Werke. Und um jedes Missverständnis zu vermeiden, erfand Augustinus 500 Jahre später die doppelte Prädestination. Der Mensch hat moralisch keinen Anteil an seiner Erlösung, an der Grundentscheidung, diese ist Gnade. Er kann sie nur annehmen, aber es bleibt ein Geschenk. Für Augustinus gab es letztlich keine Willensfreiheit, er konstruierte sie nur, bzw. behauptete sie, um den Menschen wenigstens für die erste, die Erbsünde, verantwortlich machen zu können. Dieses Konstrukt ist so ziemlich die grauenvollste Theologie, die man sich vorstellen kann. Danach ist etwas schon der Säugling sündig, weil er durch die Erbsünde sündig  gezeugt wurde. Selbst die Taufe nutzt nicht viel. Sie ist eine notwendige, aber keine hinreichen Bedingung. Die meisten Menschen sind von Anfang an – Prädestination – verworfen. Deshalb ist die Welt so schlecht. Was für ein Gottesbild, kann ich da nur sagen. Schon damals sagte  Bischof Julian über Augustus nicht viel Schmeichelhaftes. Er verstand nicht, wie ein Mensch derartig ungereimtes Zeug erzählen kann. Intellektuell minderwertig nannte er das. Die Alternative, die er vertrat, war der Pelagismus, nach Pelagius, einem schottischen Mönch, der zu dieser Zeit in Rom wirkte. Dieser lehrte die moralische Verantwortung des Menschen für seine Entscheidung  zum Glauben und für Gott und damit für seine Taten. Er anerkannte die Willensfreiheit aus der Überzeugung heraus, dass nur so ein guter Gott erklärt werden konnte. Pelagius wurde später von der Kirche – natürlich – geächtet. Augustinus heilig gesprochen und seine Lehre kanonisiert. Allerdings ohne Folgen. Die Theologen sprechen beim Katholizismus von Semipelagismus,

Luther hat, wie  man am oben aufgeführten Zitat sieht, das Ganze noch einmal in das völlig Unerträgliche gesteigert. Zu Luthers Zeit war der Gegenspieler Erasmus von Rotterdam. Die Auseinandersetzung aus dem 6. Jahrhundert wiederholte sich. Verschärft. Luther akzeptiert schlechterdings nur die Rechtfertigung vor Gott aus Gnade. Durch moralisches Handeln, das ja Willensfreiheit voraussetzt, niemals. Gerecht – also richtig – vor Gott wird man nur durch Gnade, durch ein Geschenk. Das hat Erasmus völlig anders gesehen und dem Menschen einen hohen Anteil an seiner Rechtfertigung zugesprochen. Luther konnte dies am Ende nur noch zusammenfassen mit: „Den Erasmus muss man zerdrücken wie eine stinkende Wanze“.

Sollen und wollen wir wirklich 500 Jahre einer solchen Religion der absoluten Unfreiheit feierlich begehen? Denn endlich wird ja durch diese Theologie sogar das Elend der Welt gerechtfertigt, politische Unfreiheit als notwendig betrachtete. Wenn dies auch in unserer Zeit abgemildert scheint, aber nur scheinbar. Noch vor 100 Jahren, 2014, zeigte auch die Ev. Kirche ihr wahres Gesicht, in dem sie den Kriegsausbruch als Willen Gottes  bezeichnete und die Opfer, ganz in der Manier Luthers, noch als „globale Liebe“, wie es Herr Huber 2017 ausdrückte, verstand. Auch 1932 zeigte diese Kirche noch einmal ihr Gesicht. Auch der NS-Staat wurde von Ev. Christen, nicht nur von Deutschen Christen, als Werk Gottes und Teil der Heilsgeschichte interpretiert. Man wird den Eindruck nicht los, als wolle sich die Ev. Kirche mit ihrer derzeitigen aggressiven Verhaltensweise gegen alle Andersdenkenden bei aktuellen politischen Fragen für ihre Vergangenheit entschulden. Nur, um fast wieder die selben Fehler zu machen. In ihrer grenzenlosen opportunistischen Anpassungssucht – ganz wie Luther – schwankt sie in ihrer Bibelauslegung: je nach kirchenpolitischer  Kassenlage wird das Neue Testament wörtlich, wie derzeit, oder symbolisch, wenn die Wort nicht passen wollen,  gelesen  und die daraus resultierenden „wissenschaftlichen“ Erkenntnisse dem staunenden Publikum verkauft. (Dr. Hans-Ulrich Hauschild/Gießen)

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