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Sonntag, 17. September, 6.40 Uhr

Schock in der Morgenstunde. Ich will die FAS aus dem Briefkasten holen, da sehe ich im Dunkeln (oder im Dunklen?) einen großen weißen Fleck mitten auf der Straße. Unsere kleine, zarte weiße Katze? Überfahren in der Nacht? Sie muss schon einmal überfahren worden sein, war tagelang verschwunden und kehrte mit verschorften Wunden und verformtem Köpfchen zurück, seitdem gibt sie beim Essen und Trinken gräuliche Geräusche von sich. Aber Entwarnung: Es ist ein weißes Kleidungsstück. Hat wohl ein Kneipenbesucher verloren, der oben auf der Burg zu heftig  gefeiert hat.

Christian Gentner hat es nicht ganz so schwer erwischt wie damals die Katze, aber schwer genug. Diverse Brüche am Kopf. Kruse bricht sich das Schlüsselbein. Keuta tritt Kramer gegen den Kopf, ein Bremer trifft den eigenen Spieler am Kopf und gleichzeitig das eigene Tor. Verletzungen, Brüche, Blut – das schreit nach den Merseburger Zaubersprüchen. Ben zi bena usw., muss ich nachher aus dem Archiv klauben, “schönes” Thema für die nachher zu schreibende Kolumne.

In den Meldungen der Nacht lese ich, dass sich Hamas  und Fatha einigen wollen. Fatha ist die ältere palästinensische Gruppe, ich kenne sie seit … ha, ich schaue mal nach, im “Sport-Leben” (Link rechts), denn ich erinnere mich, mein Kennenlernen der Fatah dort beschrieben zu haben. Moment … voila, hier ist es:

Im Studentenhochhaus wohne ich in einem Zimmer mit Abdullah, einem Jordanier, der mir stolz zu verstehen gibt, daß er Al-Fatah-Mitglied ist. Ich interessiere mich im Sommer 1970 nicht für den israelisch-arabischen Konflikt und weiß kaum etwas über Al Fatah. Abdullah will mich über den Kampf seines Volkes aufklären, doch da er dies regelmäßig erst ab drei Uhr morgens tut, stößt er auf wenig Gegenliebe. Abdullah stellt mittags den Wecker, schläft bis in die Nacht und reißt sich und mich um Punkt drei aus dem Schlaf. Er schaltet das Licht ein, öffnet das Fenster, setzt sich an seinen Schreibtisch und sucht in seinem Weltempfänger den Al-Fatah-Sender. In Minutenschnelle ist die Zimmerdecke schwarz von Fliegen und Faltern. Ich grunze Abdullah grimmig an, wenn er seinen Al-Fatah-Vortrag halten will, drehe mich auf die andere Seite und gleite, von aufgeregten arabischen Stimmen und orientalischer Musik sowie Knarz-, Piep- und sonstigen Kurzwellen-Störungen geleitet, zurück in den unsanft unterbrochenen Schlaf. Ich mache im Dienste der Völkerverständigung zunächst gute Miene zum nächtlichen Spiel, doch als ich erstmals Stagnation auf der Waage feststelle, ist meine Toleranzgrenze überschritten. Schlafmangel zehrt am Gewicht und damit an der Leistung, Schluß mit Völkerverständigung. Als in der nächsten Nacht der Wecker rappelt, schreie ich Abdullah wütend an: »Noch einmal, und ich schmeiße ihn aus dem Fenster!« Abdullah reagiert nicht, fummelt am Radio. Ich schlafe ein. Plötzlich kniet Abdullah auf meinem Bett, rüttelt mich, brüllt mir begeistert ins Ohr: »Hör zu, das ist beste jordanische Sängerin.« Aus Nahost schallt eine klagende Stimme an mein Ohr, angereichert mit dissonantem Wellensalat. Unwillig schüttele ich den Schlager-Fan ab, das Leichtgewicht Abdullah kullert auf den Boden. Ich schlummere endlich wieder ein. Plötzlich tobt der Wecker erneut los. Ich springe auf, schnappe ihn mir und werfe ihn im hohen Bogen aus dem neunten Stock. Abdullah schaut entgeistert zu, funkelt mich furchtsam-böse an und stürzt zur Tür hinaus. Am nächsten Morgen ist Abdullah verschwunden. Er kommt nicht wieder, jedenfalls nicht, wenn ich im Zimmer bin. Manchmal treffe ich ihn noch im Flur, Abdullah scheint bei einem Landsmann Asyl gefunden zu haben. Ich kann wieder schlafen, nehme zu und bleibe guten Mutes.

Das “Sport-Leben” war auch die Grundlage für den Artikel der Zeit-Autorin Anna Kemper im “Zeitmagazin Mann”. Das mit Tuchel auf dem Titel. In meinem gebeamten Text vermisse ich eine andere Erinnerung an Abdullah: Nach dem Attentat in München 1972 glaubte ich auf den Fernsehbildern ihn unter den Attentätern zu entdecken. Vermutlich aber eine Fata Morgana. Eine Fatah Morgana.

Na ja, die heutigen Abdullahs sind leider nicht so leicht zu beeindrucken wie meiner von mir.

Für die Montagsthemen habe ich schon einige Stichworte auf dem Zettel. Jetzt kommen die Merseburger Zaubersprüche hinzu. Außerdem Kovac, Ullrichs 1,8 Promille, Rad-WM und neue EPO-Studie, Lewandowskis Kernaussage im Spiegel-Interview usw., aber alles bringe ich sowieso nicht unter, zumal ich mich jetzt weiter inspirieren lasse – von FAS, Samstags-SZ und KKKK. Bis dann.

Baumhausbeichte - Novelle