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Montagsthemen (vom 18. September)

Ein Tor von Müller, zwei von Lewandowski, auch Gesamtleistung wieder top – schon fachsimpeln, Betonung auf »simpeln«, die »Experten«, wer denn nun was in der aufgeregten Bayern-Woche richtig gemacht hat. Im Zweifelsfall, lese ich hinter ihren Stirnen, sie selbst mit ihren hilfreichen Expertisen. Nicht im Zweifelsfall, sondern ganz sicher werden sie nach Schalke oder Paris neue aus ihrer gemeinsamen Schublade ziehen.
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Aber ich will nicht schon wieder das alte Lied anstimmen. Die alte Leier ist ausgeleiert. Zum Kehraus nur noch einmal die Geschichte meines Lieblings-Experten Guy, der sich bei der BBC in London als Buchhalter bewarb. Steht an der Rezeption, wartet, aufgerufen zu werden. Kommt ein Mann, fragt nach Guy. Guy meldet sich. Er soll mitkommen, schnell, schnell, es eilt. Wird in ein Zimmer geschoben, auf einen Sessel gesetzt, eine schicke Blonde sitzt vor ihm, stellt ihn als Herausgeber einer Technology-Website vor. Er soll ein Gerichtsurteil zum Downloaden von Musik kommentieren. Tut er auch. Beantwortet alle Fragen. Ausweichend, freundlich, ahnungslos, aber gutwillig und engagiert. Ist schließlich sein Bewerbungsgespräch als Buchhalter. Dann kommt der richtige Guy rein, ein Fachmann für Internet-Rechtsfragen. Verspätet. Und so hatte unser Guy seinen Auftritt als Experte im BBC-Fernsehen.
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Herrlich auch die trockene Antwort von Friedhelm Funkel (Quelle: FAS-Interview) auf die Frage, ob er, wie die angesagte junge Trainer-»Generation Y«, einen Matchplan habe: »Nein, aber ich habe einen Plan.« Niko Kovac, einer seiner Nachfolger in Frankfurt, hat ebenfalls einen Plan. Heimniederlage  gegen einen Kontra-Abstiegs-Konkurrenten, das ist zwar ein schmerzhafter Rückschlag, doch trotz des prompt alarmierten Panik-Bereitschaftsdienstes bleibe ich dabei: Was Kovac in Frankfurt gemacht hat und macht, gehört zu den besten Trainerleistungen dieser Jahre. Komme, was wolle.
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Die Loyalität mit Kovac ist keine emotionale, sondern eine sachlich begründete. Die mit Jan Ullrich dagegen könnte an Irrationalität grenzen. Aber nur, falls .. aber zunächst diese Mail von Walther Roeber aus Bad Nauheim: »Auch wenn Sie nichts auf ihn kommen lassen: dass JU bei 1,8 Promille und >50km/h Geschwindigkeitsüberschreitung so billig vor Gericht davonkommt, ist schon bedauerlich.« – Volle Übereinstimmung! Als Sportler lasse ich zwar in der Tat nichts auf ihn kommen, aber Fahren mit 1,8 Promille ist kein Kavaliersdelikt, sondern kriminell, vor allem bei einem Wiederholungstäter, zumal wenn man weiß und schon einmal getestet hat, wie viel man, sorry, saufen muss, um 1,8 Promille zu erreichen. Eine andere prominente Persönlichkeit der jüngeren deutschen Zeitgeschichte hat es trotz größter Bemühungen nur auf 1,5 Promille gebracht.
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Aua. Das tat schon beim Hinschauen weh. Als ein Bremer den eigenen Mitspieler am Kopf und ins  eigene Tor traf, zuckte man nur zusammen. Bei Keitas Tritt gegen den einschlägig erfahrenen Kramer (WM-Finale!) floss viel  Blut, es blieb aber weitgehend folgenlos. Als sich Kruse das Schlüsselbein brach, packte mich, einen erfahrenen   Schlüsselbeinbrecher, echtes Mitleiden. Aber was dem armen Christian Gentner widerfuhr, ist einfach nur schlimm. Mehrere Brüche am Kopf. Grauselig.
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Verletzungen, Blut, Brüche, – das schreit nach den Merseburger Zaubersprüchen. Kennen Sie nicht? Sie gehören zu den frühesten und schönsten Zeugnissen lyrischer deutscher Sprache: »Phol ende Wuodan vuorun zi holza. / du wart demo Balderes volon sin vuoz birenkit.« Da reiten also zwei in den Wald, des einen Pferd (volon/Fohlen) verrenkt sich den Fuß. Dann folgt der Zauberspruch: »sose benrenki, sose bluotrenki, sose lidirenki: ben zi bena, bluot zi bluoda, lid ze gelieden, sose gelimida sin.« Übersetzt sich fast von allein: Bei Bein-, Blut- und Glieder-»Verrenkung« möge Bein wieder zu Bein, Blut zu Blut, Glied zu Glied kommen, so wie sie »geleimt« sind. – Gute Besserung, Christian Gentner!
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Anderes Thema, aber noch so eins wie die »Experten«, es wird also ausgemustert: »Mohrenkopf.« Wegen Übersättigung. Beziehungsweise ausgeleierter alter Leier. Es ist ja auch fast schon politisch korrekt, sich über die politische Korrektheit der diversen Umbenamungen zu belustigen. Ein Interview mit einem österreichischen Sprachwissenschaftler in der Samstags-SZ bringt mich jedoch  auf eine neue Idee. Sie könnte mich reich machen, aber ich fürchte, sie lässt sich nicht patentieren. Angestoßen von einem Lübecker Kaffeehaus, das seine »Mohrenkopf«-Torte in »Othello«-Torte umbenannt hat, stellte sich auch die Frage, ob man nicht verdächtig rassistisch klingende Bergnamen wie den  »Mohrenkopf« in Vorarlberg umbenennen müsste. – Heureka! Warum nur Mohrenköpfe? Jeder Berg bietet sich an. Warum nicht den Sport als Beispiel nehmen? Wie das Volksparkstadion. Und viele andere, die wechselnde Sponsorennamen tragen. Oder die Hochs und Tiefs, die man sich kaufen kann. Wenn also der Mount Everest demnächst auf den Markt kommt, biete ich mit. Hundert Entenhausener Taler (ich bin nicht Dagobert) für ein halbes Jahr “Mount gw” – wer bietet mehr? (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle