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Sport-Stammtisch (vom 16. September)

Typischer Bosz-Fußball. Rassig, rasant, mit viel Risiko, weil fehlerfördernd. Wie bei den beiden Gegentoren. Dann aber: Herrliches Tor von Aubameyang, Ausgleich, den Schwung mitgenommen und mit einem späten Tor gewonnen. Klasse Leistung! Wie gut, dass es den Video-Schiedsrichter gibt! Ohne ihn hätte der BVB wohl verloren …
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… oh, Moment, da bin ich in die falsche Zeitschleife geraten. Die Video-Korrektur gibt es in der Champions League noch nicht. Daher werten Experten das Spiel auch um: Missglückter internationaler Einstand des Trainers, falsche Taktik, naiv gespielt, »lieb in die Falle gelaufen« (SZ). – So viel für heute zu den Themen »Experten« und »Anti-Video-Traditionalisten« (Stichwort: Salz in der Suppe).
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Das Thema »Bayern und Ancelotti« lasse ich ganz aus. Das haben alle schon abgegrast. Ich bin kein Wiederkäuer. Besorgte und/oder kritische Stimmen haben ja recht. Ancelotti inspiriert nicht, er verwaltet nur. Übrigens ähnlich wie Hitzfeld. Muss also kein schlechtes Prinzip sein. Unter dem Strich steht ja auch: Kein deutscher Klub hat gewonnen. Nur die Bayern.
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Besonders kritisch ging Arjen Robben mit seiner Mannschaft um. Er fordert mehr Gemeinschaftsdenken. Die Fachwelt würdigt diese Einsicht des als »Alleinikow« verrufenen Holländers. Jedoch fehlinterpretiert sie ihn. »Mehr Gemeinschaftsdenken« bedeutet bei Robben, ins Deutsche übersetzt: Die Gemeinschaft möge gefälligst mehr an ihn denken. Jeder Ball jenseits der Mittellinie sofort zu Robben! Seine Mitspieler vergessen zu oft, dass das »ius primae noctis« aus dem Feudalismus für ihn noch gilt: »Feudalinski« Robben hat immer das Recht auf den ersten Schuss.
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Schluss mit lustig. Als ich die Bilder vom Kölner Fan-Sturm sah, hatte ich gleich ein anderes Bild vor Augen, das des Ameisenvolkes, das nach dem Hurrikan »Harvey« im überschwemmten Texas treibt, ineinander verklammert, »ein rotes Rettungsfloß. Es ist die beste, die einzige Überlebenstaktik« (Welt). Denn sie minimiert die Verluste: Statt des gesamten Volkes sterben nur ein paar Individuen, die am äußersten Rand des Klumpens ertrinken.
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»Viele dumme Ameisen ergeben einen schlauen Haufen. Ein Haufen schlauer Menschen dagegen kann ein ziemliches Chaos anrichten« (Welt). Damit zu den Kölner Fans. Nicht, weil sie schau wären, sondern wegen des Chaos und dessen oft tödlichen Folgen, die diesmal zum Glück ausblieben. Die Ameise kennt solch ein menschliches Chaos nicht. Sie stellt sich selbst in Panik diszipliniert in der Schlange hinten an, denn das Tempo der Schlange ist umso größer, je weniger die einzelne Ameise drängelt.
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Der Ameise geht es um das Überleben ihres Volkes, nicht um das eigene. Wir aber wollen nicht am äußersten Rand des Klumpens ertrinken. Daher paniken wir. Schiller läutet die Glocke dazu: »Alles rennet, rettet, flüchtet.« Dennoch balle ich lieber Goethes Faust und bleibe »Mensch, hier kann ich’s sein«. Die Ameise taugt zwar in der Schlange zum Vorbild, doch kennt sie nur Sekundärtugenden der »Emsigkeit« für das Volk. In ihm aufzugehen, ohne jegliche Individualität, ist ihr Lebenssinn. Das kommt zwar auch beim Menschen vor – doch davor warnt Schiller: »Gefährlich ist’s, den Leu zu wecken, verderblich ist des Tigers Zahn, jedoch der schrecklichste der Schrecken, das ist der Mensch in seinem Wahn.«
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Um mich nicht als Bildungshuber zu verkleiden: Das »Lied von der Glocke« habe ich nie auswendig gelernt, ich hab’s vorsichtshalber gegoogelt. Auch den »Taucher« habe ich nie komplett aufsagen können,  nur in der Kürzest-Version eines Schülers (in einem Kästner-Roman?), der drankommt, aufsteht, sagt: »Der Taucher …«, nicht weiter weiß und mit den Worten«… gluck, gluck, weg war er«, in der Bank versinkt. Nur die »Bürgschaft«, die habe ich »by heart« gelernt – allerdings erst im reifen Alter, als Graue-Zellen-Erhaltungstraining.
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Abgeschwiffen. Wieder zum Fußball. Eine  Szene, von der ich in dieser Kolumne schon mehrmals fairness-phantasiert habe: Ein Spieler stürzt im Strafraum, der Schiedsrichter pfeift Elfmeter, nimmt die Entscheidung aber zurück, weil ihm der Spieler erklärt, nicht gefoult worden zu sein. Und das, obwohl seine Mannschaft zurück liegt. Jetzt Wirklichkeit geworden durch den Bochumer Felix Bastians beim Stande von 0:1 in Darmstadt. – Ich würde allerdings gerne wissen, wie fair Mitspieler und Fans reagiert hätten, wenn Bochum nicht mit einem Sieg  belohnt worden wäre. In jedem Fall aber, trotz seiner eher bescheidenen Karriere-Bilanz: Felix Bastians ist ein großer Fußballer.
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Zu guter Letzt noch einmal die Aussage des bekennenden Feministen Vedad Ibisevic nach dem Bibiana-Steinhaus-Debüt: »Ich hätte nichts dagegen, wenn es mehr Frauen als Schiedsrichter gäbe.« Am Dienstag titelgemäß »ohne weitere Worte« zitiert, heute mit weiteren, denn der doppeldeutige Satz dokumentiert auch die vielseitigen grammatischen Verwendungsmöglichkeiten des Wörtchens »als« (haben Sie’s ..?).
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Kleiner Kalauer. Mache ich gerne. Nicht nur als Hesse als ema, wie über den Elfmeterschinder, der immer aus Alsfeld kommt (»Als feld er!«), sondern als un als. Wie lange noch? Als weider! (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle