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Montag, 11. September, 10.25 Uhr

Ich bin halt doch ein echter Demokrat. Noch mal den Wahlomat angeklickt und ernsthaft alle Fragen beantwortet. Sechs Parteien ausgewählt. Übereinstimmungen: keine mehr als 60, keine unter 40 Prozent. Was wählt man da?

Ich glaube, die tonangebenden Politiker und Medien irren sich, wenn sie annehmen, die an der Oberfläche abebbende Flüchtlingsdiskussion werde nicht entscheidend in die Wahlschale (huch, Wortwitz) fallen. Versuch der unemotionalen Annäherung eines national Ungesinnten an das wahre Problem: Die Mitglieder des Vereins A haben sich, durch Glück, Können und Fleiß, eine interne Infrastruktur geschaffen, von der andere Vereine nur träumen können (und träumen). Ich bin Mitglied des Vereins, seit Geburt, also durch unverdientes Glück. Darüber bin ich froh. Viele Mitglieder anderer Vereine wollen in den Verein A wechseln, um an dessen Vergünstigungen teilzuhaben. Die einen, weil ihr Vereinsheim abgebrannt ist, die anderen einfach so. Klar ist: Der überalterte Verein A, dessen Senioren die Vergünstigungen erarbeitet haben und nun genießen wollen, benötigt neue Mitglieder, die anpacken wie früher die Alten. Die sollte man natürlich aufnehmen, im Rahmen der Kapazitäten des Vereins. Auch den Mitgliedern der Vereine, deren Vereinsheim abgebrannt ist, sollte vorübergehend Hilfe angeboten werden. Aber was tun mit denen, die “einfach so” kommen und unsere Infrastruktur nutzen wollen, zu ihrem Erhalt aber nichts beitragen wollen oder können? Vermutlich ist das der bei weitem größte Teil derjenigen, die Aufnahmeanträge stellen (die gleich über den Zaun steigen und sich illegal einnisten sind ein anderes Thema). Wenn alle, die in den Verein wollen, auch aufgenommen werden, kann das durchaus funktionieren – aber nur im Sinne kommunizierender Röhren. Die Infrastruktur, also die Lebensverhältnisse, in Verein A werden signifikant schlechter, bleiben aber signifikant besser als in den früheren Vereinen der Neumitglieder. Für sie bleibt Verein A daher im Vergleich zu ihren früheren Klubs ein Ideal, während die Altmitglieder von Verein A, auf deren Ansprüche und Verhältnisse die Infrastruktur zugeschnitten war, ohnmächtig und zunehmend ängstlich mitansehen, wie ihr Vereinsleben immer ungemütlicher und, ja, auch gefährlicher wird. Manche fürchten sogar Kollaps und Konkurs, eine Angst, die eine noch kleine, aber schon sehr laute Opposition für ihre Zwecke nutzen will.

Na ja, oder so. Aus dem Stegreif geschrieben, vielleicht mit schiefen Bildern, sicher nicht ganz zu Ende gedacht. Aber immerhin jenseits von nationaler bis nationalistischer und von gefühlsbetonter bis gefühlsduseliger Verzerrung der Lage.

Baumhausbeichte - Novelle