Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Sonntag, 10. September, 6.15 Uhr

Herbstlich wallen Nebel ums Haus. Kühl, klamm, dunkel. Sommer vorbei. Obwohl es heute noch mal sommerlich werden soll. Morgen ist der 11. September. Beliebtes Gesellschaftsspiel: Wo waren Sie …? Ich auf Kreta. Im südöstlichsten Zipfel. Kein Einheimischer nahm groß Notiz vom Weltereignis. Wäre schön, jetzt dort zu sein.

Mehr als es uns in die Ferne zieht, zieht es die Ferne zu uns. Mit recht. Denn das Paradies, das sind wir. Das menschlich möglichste. Im Gemeindeblättchen geblättert. Anzeige eines Bürgermeisteranwärters. Auf Kreta stolzieren sie am Abend vor der Wahl über die Platia oder an der Paralia entlang, auf und ab, hin und her, halten Hof und versprechen Pfründe, Stellungen, Zuwendungen. Bei uns werben sie im Gemeindeblättchen. Wie dieser Kandidat, der seine ehrenamtlichen Tätigkeiten auflistet: Vorsitzender der Vereinsgemeinschaft Weihnachtsmarkt, 2. Vorsitzender des Heimatvereins, Vorstandsmitglied des Sportvereins, Mitglied im Förderverein Sozialstation und der Freiwilligen Feuerwehr, und: “Kassenprüfer bei der Niederwaldbewirtschaftungsgemeinschaft Krumbacher Hecken.” Wer darüber spottet, weiß Heimat nicht zu schätzen. Auf Kreta gibt es solche Vereine gar nicht (Ausnahmen wie Sportvereine bestätigen die Regel). In Griechenland ist jeder sein eigener Verein, sein eigenes Ehrenamt. Zur Wahl stehen aber auch zwei Frauen. Als Mitglied im Förderverein Matriarchat tendiere ich zum Kreuzchen bei einer von ihnen.

Ab in den Stein(es)bruch für die Montagsthemen. Streich klatscht höhnisch Beifall, als der Schiedsrichter nach dem Brutal-Foul an Schmelzer und Rücksprache mit dem Video-Kollegen Rot zieht. Tut so etwas ein Spieler, sieht er ebenfalls Rot. Warum nicht auch der Trainer? Streich gilt nach einigen nachdenklichen (Sonntags?)Reden als Gewissen der Liga und überhaupt als humaner Mahner in inhumanen Zeiten. Im ersten Moment wirkte es in Freiburg, als demonstriere er gegen das eigene Image. Nach dem Abpfiff hatte er sich wieder im Griff.

Behäbiger und einfallsloser als Dortmund in Freiburg spielte nur … München in Hoffenheim. Anfangs dachte ich noch: Wie souverän der Hummels spielt! Wie großartig er sich entwickelt hat, vom Möchtegern-Beckenbauer, inklusive seiner Fehlerhaftigkeit (die meistens ein Schwarzenbeck ausbügelte, den Hummels nicht hat) zum fast fehlerfreien … besten Innenverteidiger der Welt? Und dann gerät er, tändelnd und zögernd, in unnötige Not, schlägt den Ball, schon im Aus, hauruckartig weit weg, trottet im typischen Hummels-Laufstil behäbig zurück auf seine Position – und hinter ihm hat der Balljunge dem Hoffenheimer fix einen Ball zugeworfen, und hinter Hummels geht die Post ab. Niemand werfe dem Balljungen Unsportlichkeit zu. Er hat nur seinen Job gemacht. Dazu ist er ja da: Bälle wieder fix ins Spiel bringen. Nun ja, allerdings auch für den Gegner. Dass es daran oft hapert, steht auf einem anderen, dem unsportlichen Blatt. Hat aber mit der Hummels-Szene nichts zu tun.

Wenn mein Eindruck nicht täuscht, hätte Dortmund gewonnen, wenn Sokratis nicht den sterbenden Schwan gespielt hätte. Aubameyang schießt ein regelgerechtes Tor, doch im selben Moment pfeift der Schiedsrichter fürsorglich, weil sich Sokratis, kaum berührt, am Boden windet. Eine gerechte, fast schon zu harte Strafe für dreiste Schauspielerei.

In München bzw. Hoffenheim gibt Ancelotti dem deutschen Druck und Drang nach Müller nach und stellt ihn wider seine Überzeugung in die Startelf. Ob er sich insgeheim ins Fäustchen lacht? Das habt ihr nun davon!? Müller, immer noch einer meiner Favoriten, steckt schon lange in einem, nun ja, nicht unbedingt Formtief, sondern in einer Phase der Hilf- und Glücklosigkeit, in der einer wie er, kein Filigraner, kein begnadeter Techniker, sondern im Idealfall ein unkalkulierbarer Irrwisch und, ja, das Wort trifft es wirklich gut, ein “Raumdeuter” (wer hat das eigentlich erfunden? Meine Anerkennung!), und wenn ein raumdeutender, unkalkulierbarer Irrwisch in eine glücklose Phase kommt und dadurch auch noch das Selbstverständnis für seine selbstverständlichen und für die Gegenspieler unverständlichen Aktionen verliert, fehlen ihm die elementaren fußballerischen Mittel konventioneller Weltklassespieler (oder ist das ein Widerspruch in sich?), um schnellstmöglich wieder Tritt zu fassen. Aber Müller kommt wieder, keine Frage. Er wird früher wieder da sein, als Ancelotti weg sein wird. Und dessen Verweildauer bei den Bayern könnte eine der kürzeren sein. Seine Körpersprache wirkt schon, als packe er die Koffer, stoisch und gemütlich. So angenehm gelassen er nach dem manischen Computerspieler Guardiola auch wirkte, fußballerisch inspiriert er nicht. Im Gegenteil. Aber einer wie er scheint zu denken: Inspiriert euch gefälligst selbst, ihr Weltstars! Falls ihr das nicht könnt, seid ihr keine. Aber was er nicht einkalkuliert: Was für Ibrahimovic oder Ronaldo gilt, begnadete und von sich selbst inspirierte Ausnahme-Könner und -Individualisten, gilt nicht für deutschsozialisierte Mannschaftsspieler, die sich vom Trainer inspirieren lassen wollen.

Bruchstücke für die Montagsthemen? Streich? Balljunge? Hummels? Sokratis? Müller? Ancelotti? Spontanidee: Rein oder raus, das bzw. was können frühe Blogleser entscheiden. Liegen nach der KKKK-Pause schon Mails vor, richte ich mich danach. Obwohl – so fix können Leser gar nicht sein, denn so lange ist die Pause nicht. Allenfalls ein Hoffenheimer Balljunge wäre fix genug für einen gemailten Einwurf.

Und sonst? In den Meldungen der Nacht fällt mir die apokalyptische auf, dass der Klimawandel schuld ist am Braunbärenschwund. Braunbären? Ich dachte, nur Eisbären leiden darunter? Aber dann lese ich: Die Braunbären schwinden schon seit 12000 Jahren, seit der letzten Eiszeit.

Das Letzte: Die Türkei warnt ihre Bürger vor Reisen nach Deutschland. Humor haben die Erdogans ja. Mann beißt Hund!

 

 

Baumhausbeichte - Novelle