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Montagsthemen (vom 11. September)

Hessen vorn, zumindest in dieser Kolumne: Was Niko Kovac (leider kein Hesse, aber ehrenhalber eingemeindet) aus dieser bunten, scheinbar zusammengewürfelten (richtig: geschickt ausgewählten) Gruppe legal Eingewanderter gemacht hat und wieder macht, gehört zu den besten Trainerleistungen dieser Jahre. Dabei bliebe ich, selbst wenn es eine Niederlagenserie und Abstiegsangst gäbe. Der doppelte Konjunktiv steht hier fußballgrammatisch für die hessisch beschworene Unmöglichkeitsform.
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Nach diesem lokalpatriotischen Bekenntnis kommen wir zu den neutral bewerteten Auffälligkeiten dieses bemerkenswerten Spieltages. Die jeweiligen Fans mögen es anders sehen. Zum Beispiel in Freiburg: Trainer Streich klatscht höhnisch Beifall, als der Schiedsrichter nach dem Brutal-Foul an Schmelzer und Rücksprache mit dem Video-Kollegen Rot zieht. Macht so etwas ein Spieler, sieht er ebenfalls Rot. Warum nicht auch der Trainer? Streich gilt nach einigen nachdenklichen (Sonntags?)Reden als Gewissen der Liga und überhaupt als humaner Mahner in inhumanen Zeiten. Im ersten Moment wirkte es in Freiburg, als demonstriere er gegen das eigene Image. Nach dem Abpfiff hatte er sich wieder im Griff.
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Wenn mein Eindruck nicht täuscht, hätte Dortmund gewonnen, wenn Sokratis nicht den sterbenden Schwan gespielt hätte. Aubameyang schießt ein regelgerechtes Tor, doch im selben Moment pfeift der Schiedsrichter fürsorglich ab, weil sich Sokratis, kaum berührt, am Boden windet. Gerechte Strafe für dreiste griechische Schauspielerei à la Papa (-stathopoulos wie -dopoulos)
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Behäbiger und einfallsloser als Dortmund in Freiburg spielte nur … München in Hoffenheim. Anfangs dachte ich: Wie souverän der Hummels spielt! Wie großartig er sich entwickelt hat, vom Möchtegern-Beckenbauer, inklusive dessen Fehlerhaftigkeit (die ein Schwarzenbeck ausbügelte, den Hummels nicht hat), zum fast fehlerfreien … besten Innenverteidiger der Welt? Doch  dann gerät er, tändelnd und zögernd, in unnötige Not, schlägt den Ball, schon im Aus, hauruckartig weit weg, trottet im typischen Hummels-Laufstil behäbig zurück  – und der Balljunge wirft Kramaric fix einen Ball zu, und hinter Hummels geht die Post ab. Niemand werfe dem Balljungen Unsportlichkeit vor. Er hat nur seinen Job gemacht. Dazu ist er ja da: Bälle wieder fix ins Spiel bringen. – Allerdings auch für den Gegner. Dass es daran oft hapert, steht auf einem anderen Blatt.
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In Hoffenheim gibt Ancelotti dem deutschen Gefühlsdruck und -drang nach Müller nach und stellt ihn wider seine Überzeugung in die Startelf. Ob er sich insgeheim ins Fäustchen lacht? Das habt ihr nun davon!? Müller steckt schon lange in einem, nun ja, nicht unbedingt Formtief, sondern in einer Phase der Hilf- und Glücklosigkeit. Und wenn einer wie er, der kein Filigraner ist, kein begnadeter Techniker, sondern im Idealfall ein unkalkulierbarer Irrwisch und, ja, das Wort trifft es wirklich gut, ein »Raumdeuter« (wer hat das eigentlich erfunden? Meine Anerkennung!), in eine glücklose Phase kommt und dadurch auch noch das Selbstverständnis für seine selbstverständlichen und für die Gegenspieler unverständlichen Aktionen verliert, fehlen ihm die elementaren fußballerischen Mittel »gewöhnlicher« Weltklassespieler, um schnellstmöglich wieder Tritt zu fassen.
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Aber Müller kommt wieder, keine Frage. Er wird früher wieder da sein, als Ancelotti weg sein wird. Und dessen Verweildauer bei den Bayern könnte eine der kürzeren sein. Seine Körpersprache wirkt schon, als packe er die Koffer, stoisch und gemütlich. So angenehm gelassen er nach dem manischen Computerspieler Guardiola auch wirkt, fußballerisch inspiriert er nicht. Im Gegenteil. Er scheint zu denken: Inspiriert euch gefälligst selbst, ihr Weltstars! Falls ihr das nicht könnt, seid ihr keine. Was er nicht einkalkuliert: Was für seine Fürsprecher wie Ibrahimovic oder Ronaldo gilt, begnadete und von sich selbst inspirierte Ausnahme-Könner und -Individualisten, gilt nicht für deutschsozialisierte Mannschaftsspieler, die sich vom Trainer inspirieren lassen wollen.
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Ancelotti wirkt manchmal wie ein gemütlicher, gut genährter und deshalb aggressionslos in sich ruhender Braunbär. Aber diese Spezies ist stark gefährdet. Manche werden abgeschossen, wie Bruno, der Problembär. Das droht dem Trainer zum Glück nur metaphorisch. Den Tieren aber geht es tatsächlich an den Kragen, auch wenn sie keinen haben wie der schwarze asiatische (Kragen-)Bär. Schuld ist der Klimawandel, lese ich. Und lese weiter: am Klimawandel seit der letzten Eiszeit. Vor 12 000 Jahren. Ganz so viel Zeit bleibt Ancelotti in München nicht.
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Und sonst? Die Türkei warnt ihre Bürger vor Reisen nach Deutschland. Die Erdogans haben Humor. Meldung Marke »Mann beißt Bär«. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle