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Sport-Stammtisch (vom 9. September)

Ausgerechnet die hyperkommerzialisierte Premier League geht zurück in die Zukunft und verkürzt die Transferzeit: Demnächst gibt es in England nach Saisonstart keine Spielerwechsel mehr. Was hoffentlich Fußballschule machen wird. Aus sportlicher Sicht ist es sowieso ein Unding, dass noch in der Saison gewechselt werden darf. Liebe Kinder, gebt fein acht: Es war einmal … da durfte nur ein Mal im Jahr, nach der Saison, gewechselt werden (und im Spiel selbst überhaupt nicht!). Das hieß: Trainer und Verein konnten nach dem Stichtag keine Leistung mehr zukaufen und mussten aus eigenen Kräften schöpfen.
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Keine Leistung zukaufen und nur aus eigenen Kräften schöpfen, das ist auch eine, nein die Definition des sauberen Sports. Alles andere gehört zum Thema Doping, ob chemisch (= verboten) oder finanziell (= erlaubt und gewünscht). Apropos: Im Rück-Blog vom Donnerstag zitierte ich aus dem Untersuchungsbericht zum Tod der Siebenkämpferin Birgit Dressel vor 30 Jahren in einer Mainzer Klinik, wo sie wegen Rückenschmerzen behandelt worden war. Dressel gilt in der offiziellen Sportgeschichtsschreibung als Doping-Opfer, starb aber an einem allergischen Schock durch ein in der Klinik überdosiertes Schmerzmittel (Metamizol). Schon Jahre vorher war die Gefahr bekannt. Im Archiv stieß ich auf diese Zeilen aus dem Spiegel von 1981: »Unabhängig von der Dosis, von Alter, Krankheit und Geschlecht, nicht vorhersehbar nimmt Metamizol dem Patienten nicht nur den Schmerz, sondern auch das Leben«, denn »Metamizol kann einen allergischen Schock mit vollständigem Versagen von Herz und Kreislauf auslösen.« Alleine 1981 seien einige hundert Menschen durch dieses »russische Roulett« gestorben. Birgit Dressel war also kein Doping-, sondern ein Metamizol-Opfer. Zwar macht das die Sache nicht besser und Doping sowieso nicht, zumal schmerzhafte Verhärtung der Lendenmuskulatur zu den Anabolika-Nebenwirkungen gehören kann, aber an Rücken-Aua stirbt man nicht. Warum wird die Wahrheit immer noch verschwiegen? Weil sie nicht ins Kalkül passt?
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Zu angenehmeren Themen. Titelstory im Zeitmagazin Mann über Thomas Tuchel. Wie das in Hochglanz-Publikationen üblich ist, wurde Tuchel in verschiedenen Outfits fotografiert. Aus meiner naiven Sicht: Mit klobigen Sicherheits-Halbschuhen, ohne Strümpfe, in Schlafanzughose, verwaschenem Hemdchen und einem Fähnlein von Mantel aus der Kleiderkammer-Resterampe. Ist aber natürlich total angesagt und sauteuer, von Dolce & Gabbana, Prada, Armani und Co. An mir würde es saubillig und fürsorgebedürftig aussehen (»Komm, Alter, gib mir die Hand, ich bring dich zurück ins Heim«).
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Vor ungefähr hundert Jahren setzte sich ein junger freier Mitarbeiter auf (nicht an) meinen Schreibtisch, wir unterhielten uns, und ich dachte: ein richtig netter Kerl, kommunikativ, hellwach und vielseitig interessiert. Mittlerweile ist er längst weit über mich und Mittelhessen hinaus gekommen. Christoph Amend. In Gießen geboren und in Lang-Göns aufgewachsen (bei mir war’s umgekehrt). Den Tuchel-Text (große Klasse!) hat der Chef des Zeit-Magazins persönlich geschrieben.
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Ein hierzulande ebenfalls nicht unbekannter Medien-Mann erinnerte sich beim Lesen der »Montagsthemen« über die vielseitige Verwendung des Hockeyschlägers – wie die »Ureterektomie mit Blasenmanschette durch Hockeyschläger-Schnitt« – an seine Tanzstunde, denn ihm fiel ein, dass es da »auch eine Figur gibt, die Hockeystick heißt. Meine Frau und ich haben sie irgendwann mal bei unserem alten Tanzlehrer Gianni Parise gelernt.«
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Auch mir fiel eine weitere Verwendung des Hockeyschlägers ein. Im Versehrtensport gab es das Hockey-Zielschlagen, mit penibelsten Durchführungsbestimmungen und dem Zusatz: »Doppel-Oberarmamputierte (DOA) bzw. Doppel-Unterarmamputierte (DUA) schießen den Ball mit dem Fuß.« – Über so etwas macht man keine Witze, das darf allenfalls einer wie Matthias Beltz, unser Hesse im Himmel, der einst den Wiener Bürgermeister Helmut Zilk, den ein Briefbombenattentat die Hand gekostet hatte, in einen Second-Hand-Shop schicken wollte.
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Wenn ich mich lustig machen will, dann lieber über modische Verirrungen. Nein, nicht über Tuchel, sondern über neue Trends und Slogans wie »Sitzen ist das neue Rauchen«. Angeblich wird man durch jede Stunde Sitzen dümmer und dicker und stirbt 22 Minuten früher. Zwar glaube ich das nicht, denn dann wäre ich längst tot, gestorben schon früh als dümmster und dickster Mensch der Welt. Aber Trend ist Trend, und dem wird gefolgt, koste es, was es wolle. Buchstäblich. Denn jetzt müssen in den Büros die ergonomisch korrekten Hightech-Stühle raus und der »Uplift Motion Stool« oder ein »Stand-up« rein, beides eine Art Joystick, bei dem man sich, wenn überhaupt, auf den Bedienungsknüppel setzt und sich wie eine Blume im Wind zum Kollegen links und rechts wiegen lassen kann. Und schon sind wir wieder beim Hockeyschläger, denn auf solch einem Steh-Stuhl »sitzt« man wie auf der Kelle.
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Als investigativer Journalist habe ich aber den wahren Grund für den Steh-Trend  recherchiert. Fündig geworden bin ich in der »Encyklopädie der Leibesübungen« von Gerhard Ulrich Anton Vieth aus dem Jahr 1795. »Bey dem beständigen Sitzen, man möchte sagen, verwünschten Sitzen, werden die Geschlechtstheile in einer immerwährenden großen Wärme erhalten, und die Stellung des Sitzens ist an sich sehr geschickt, an diesen Theilen Reiz zu erregen. Laßt den Knaben den Tag über sich müde laufen, ringen, springen, voltigieren, usw. – wenn er ermattet am Abend auf sein Lager hinsinkt, so wird der Schlaf ihn überraschen, ehe er an etwas anderes denken kann.«
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Mein lieber Vieth! Schon damals hatten also die Erwachsenen nicht die geringste Ahnung von ihren Kindern, in diesem Fall von ihrer unerschöpflichen Natur – Sie lasen eine Kolumne, im Sitzen geschrieben von: (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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