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Blog + Mailbox (“Anstoß” vom 7. September)

Im Internet begleitet »Sport, Gott & die Welt« die »Anstoß«-Kolumnen von »gw«. In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen wir im »Rück-Blog« kurze Auszüge – heute mit Beispielen, wie sich Schreiber und Leser ergänzen.
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Auf einer Radtour biege ich in Wetzlar auf den Lahnradweg ein. Viele Menschen, daher Schritttempo. Da fällt mir eine Frau auf, unsicher gehend, leicht schwankend. Niemand beachtet sie. Wohl ein Junkie, denke ich. Aber hat sie nicht still vor sich hin geweint? Wirkte sie nicht verzweifelt? Ich halte an, fahre zurück. Jetzt sitzt sie auf einem Bänkchen. Tränenverschmiertes Gesicht. Offenbar migrantische Wurzeln. »Kann ich ihnen helfen?« Sie wischt sich Schmodder und Rotz vom Mund und sagt, in akzentuiertem Hochdeutsch: »Nein. Ich will jetzt nicht reden. Danke.« Und versinkt wieder in ihre eigene Schmerzenswelt. Ich fahre weiter, muss aber immer wieder an sie denken. Hätte ich ihr meine Hilfe aufdrängen sollen?
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Antwort von Dr. Sylvia Börgens, Diplom-Psychologin aus Wölfersheim: »Sie haben – soweit ich das beurteilen kann – alles richtig gemacht. Es lag keine körperliche Notsituation vor. Sie haben der Frau in ihrer Seelennot Ihre Hilfe angeboten, und sie hat sie klar und unmissverständlich zurückgewiesen. Aus ihrem Dank können Sie ersehen, dass es sie ein klein wenig getröstet hat, wahrgenommen worden zu sein. Ich habe solche Situationen als Leidende und als Hilfe Anbietende erlebt, und die Frage ›Kann ich Ihnen helfen?‹ stellt immerhin eine mitmenschliche Verbindung her.«
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Bei der Vorbereitung der 40/30/20/10-Rückblick-Kolumne stieß ich wieder auf jenen Untersuchungsbericht, der mir aus dem Büro eines damaligen Verbandspräsidenten zugespielt worden war und den wohl außer mir kein Journalist komplett gelesen hatte (2000 Seiten!). Er widerlegt die offizielle Sportgeschichtsschreibung, die Siebenkämpferin Brigit Dressel sei an den Folgen von Doping gestorben. Entscheidende Stelle: »Für den foudroyanten (schlagartigen) Verlauf des allergisch-toxischen Geschehens (…) war mit Wahrscheinlichkeit eine überdosierte intravenöse Zufuhr von 5 g Metamizol (Anm.: in der Klinik) in Form von zwei Ampullen des Präparates Buscopan compositum mitursächlich. (…) Die Indikation war fragwürdig; die Dosierung war überhöht und entsprach nicht dem Empfehlungen des Herstellers.« – Ein glasklarer Befund. Buscopan compositum wurde 17 Tage nach Dressels Tod wegen mehrerer ähnlicher Todesfälle aus dem Handel genommen. Der Inhaltsstoff Metamizol wurde rezeptpflichtig, blieb aber im Handel.
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Sollte ich dazu eine Extra-Kolumne schreiben? Bernd Schieferstein (Gießen) ermunterte mich. »Allein die Wikipedia-Lektüre der Todesumstände und die unzureichende Aufarbeitung hat mich emotional sehr beschäftigt: https://de.wikipedia.org/wiki/Birgit_Dressel Zum weiteren Verkauf des umstrittenen Schmerzmittels in sogenannte Entwicklungs- und Schwellenländer und den damit verbundenen Folgen gibt es einen interessanten Beitrag des ARD-Magazins Report Mainz: https://www.swr.de/report/schmutziges-geschaeft-pharmakonzern-verkauft-in-deutschland-verbotenes-medikament-in-brasilien/-/id=233454/did=10484464/nid=233454/1kew7tx/index.html Ob ich die Kolumne schreiben werde, weiß ich noch nicht, aber wer sich für das Thema interessiert, wird schon mit den Links von Bernd Schieferstein interessante Informationen finden.
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Einmal brach es aus mir heraus: »Vor ein paar Tagen bin ich zufällig – wirklich! – auf einer Pornoseite gelandet. Unansehnliche Männer und Frauen aus erkennbar unteren Bewusstseinsschichten rammeln sich einen ab, jedwede Öffnung benutzend und missbrauchend, auf eine derart abstoßende Art, dass jedem erotisch empfindsamen Zuschauer jeder Gedanke an Sex sofort und für mehr als ein Weilchen vergeht.« – Dazu schreibt Paul-Ulrich Lenz, Pfarrer im Ruhestand aus Schotten: »Im vorigen Jahrtausend hat ein sehr berühmter Theologe, Lehrer der Kirche hat man ihn genannt, geschrieben: ›Koitus ohne Koexistenz ist dämonisch.‹ (Karl Barth, Kirchliche Dogmatik). Es ist nicht meine und wohl auch nicht Ihre Sprache. Sie würden wohl eher schreiben: ›Koitus ohne Koexistenz ist Rammelei.‹ Eine andere Stimme fällt mir ein: Viktor Frankl, Überlebender des KZ und seitdem und deshalb Erforscher der Tiefen und Untiefen der menschlichen Seele, Begründer einer psychologischen Schulrichtung, schreibt einmal: ›Wem es nur um die Lust geht, dem vergeht sie auch schon.‹ Lust ist kein Selbstzweck. Sie wird immer erst sinnerfüllt in einem größeren Zusammenhang. So etwas sagt und schreibt heute keiner mehr, kein Professor und auch kein Kirchenführer. Weil der Mut dazu fehlt? Wer will sich schon den Vorwurf einhandeln, lustfeindlich, ein Lustverderber zu sein.«
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Fast tausend Mails dieses Niveaus, auf das ich sehr stolz bin, haben sich in der Mailbox angesammelt. Um keine jener unwillkommenen Gäste anzulocken,die sich im Netz millionenfach, sorry, auskotzen, habe ich immer alle Angebote abgelehnt, den Blog zu verlinken. Jetzt fragte ich die Leser: Vielleicht doch?, notierte aber auch: »Ich tendiere dazu, ›unter uns‹ zu bleiben.« – Es gab einhellige Zustimmung. Werner Haaser (Gießen): »Ich stimme Ihnen unbedingt zu, was das Nicht-Öffnen des Blogs angeht. Stellen wir uns nur mal vor, was dort jetzt aufgeführt würde nach Ihrer Gegenüberstellung von Putin und Trump.«
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Der Leser spielt auf diese Blog-Stelle an: »Wen würden Sie wählen, wenn nur Trump und Putin zur Wahl stünden? Ein verhaltensgestörtes aggressives Kind oder einen eiskalten Schachspieler? Der eine berechnet seine Züge voraus, taxiert den Gegner und nutzt jede seiner Schwächen gnadenlos, hält aber die Regeln des Schachspiels ein. Der andere kennt die Regeln gar nicht, schmeißt mit den Figuren um sich und kräht: ›Gewonnen!‹«
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Oha. Bleibt nur der aus meiner Sicht sehr versöhnliche Schluss: Wer vom »Duell« Schulz vs. Merkel enttäuscht war, es langweilig, vorhersehbar und schlecht moderiert fand, hat zwar recht – aber wenn er sich vorstellt, Putin und Trump wären die Kontrahenten und wir ohne Alternative zu ihnen, möchte er Merkel und Schulz am liebsten knuddeln, denn dann weiß er, Leibniz’ Theodizee nur unwesentlich umformulierend: Wir in Deutschland leben in der besten aller real existierenden Welten.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle