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Sonntag, 3. September, 6.15 Uhr

Letzte (EIL-)Meldung der Nacht um 5.50 Uhr: Erdbeben in Nordkorea, Stärke 5,6, womöglich wg. Atomtest. Am anderen Ende der Bandbreite ein aparter sportlicher Wettkampf in Ungarn: Totengräber schaufeln um die Wette in der Disziplin “Wer hebt am schnellsten ein Grab aus?” Bild online lockt mit einem Interview von Kati Witt mit dem angesagten FDP-Model und einem Zitat als Schlagzeile: “Mit 14 wog ich 100 Kilo.” Er, nicht sie. Bei den Plakaten mit dem FDP-Chef muss ich übrigens immer wegschauen, ich weiß nicht warum. Sind mir peinlich, diese Posen. Wie heißt der Mann eigentlich? Kubicki Junior? Demnächst Außenminister?

Sehr hübsch auch die Sportmeldung über jenen italienischen Tennisprofi, der disqualifiziert wurde, weil er den Schiedsrichter ein “hässliches Eichhörnchen” schimpfte. Wie heißt das in der Fachsprache? Contradictio in adverbio? Ich habe noch nie ein hässliches Eichhörnchen gesehen. Gestern aber ein rabenschwarzes. Die dunkelbraunen kennen wir ja, die robusten Einwanderer, die unsere roten verdrängen. Moment mal, da fallen mir Ahörnchen und Behörnchen ein, die beiden putzigen aus Entenhausen. Waren die nicht rot, die Nüssleinsammler aus Donalds Vorgarten? Dass ich das nicht mehr weiß! Eine Schande. O, noch mehr Schandbares fällt mir ein: Wie hieß der kleine Indianerjunge des dicken Häuptlings? Und warum waren die Geschichten vom lieben kleinen Wolf und dem bösen Vater mit “Der kleine böse Wolf” überschrieben? Oder täuscht die Erinnerung? Noch mal zum rabenschwarzen Eichhörnchen: Es lief über die Straße, vom Flüchtlingscontainer in einen Vorgarten. Was das nun wieder zu bedeuten hat?

Etwas seriöser bitte. Also: Zuletzt gab es wieder einige Zuschriften, die ich mit Stolz auf meine Leser in die Mailbox stellen konnte. Da ich gebeten wurde, in dieser Woche einen Extra-Anstoß zu schreiben, denke ich daran, statt Rück-Blog eine Kolumne zu schreiben, in der ich Beispiele anführe, wie sich Blog- und Lesergedanken ergänzen und inspirieren können.

Auch kritische Beiträge sind mir immer willkommen. Wie der letzte (Stand heute früh) in der Mailbox zum Sport-Stammtisch und dem Ullrich-Armstrong-Thema. Schlecht recherchiert? Nein, überhaupt nicht recherchiert, nur aus der Erinnerung geschöpft. Klicken Sie doch bitte mal kurz rein (Link rechts) … haben Sie? Einwand von mir: Täuscht mich die Erinnerung auch hier, oder war es nicht so, dass Armstrong sich diese generöse Geste erlauben konnte, weil er im Gegensatz zu Ullrichs Warten zu diesem Zeitpunkt die Tour praktisch schon gewonnen hatte? Falls nicht, hat der Leser recht mit seiner Kritik.

Manche  Erinnerung aber trügt auf keinen Fall. Gestern in der Süddeutschen Zeitung lese ich die Überschrift: “Melodien für Milliarden – ‘Despacito’ soll der größte Sommerhit aller Zeiten sein.” Despacito? Nie gehört. Glaube ich. Jedenfalls habe ich den Titel nie bewusst registriert.  Ist aber auch egal. Gestolpert bin ich über den Satz: “Andere erinnert ‘Summer in the City’ von Mungo Jerry an Nächte auf der Spanischen Treppe, mit Wein aus dem Pappbecher.” Wie bitte? ‘Summer in the City’ von Mungo Jerry? Da hat der SZ-Kollege aber in der falschen Erinnerungskiste gekramt. “Summer in the City”, einer meiner Lieblingssongs, hat einen magischen Sound und wird von Loving Spoonfull gesungen, von Mungo Jerry dagegen stammt der lästig unangenehm gedudelte Ohrwurm “In the Summertime”. Bei den wirklich wichtigen Dingen kann ich mich auf meine Erinnerung verlassen!

Kurze Unterbrechung. Das muss ich doch noch mal verifizieren. Und habe ich Loving Spoonfull richtig geschrieben? Und an was erinnert mich die Spanische Treppe? Ach so, ich weiß, mein “Italienisches Tagebuch” von der WM 90. Ich speichere jetzt den Blog ab, schaue im Archiv nach, überprüfe Loving Spoonfull und beame als Zugabe “meine” Spanische Treppe in den Blog. Bis gleich.

Wieder da. O weh. Lovin’ Spoonful. Zwei Fehler. Peinlich. Die Spanische Treppe hat es leider nicht ins elektronische Archiv geschafft. Beamen kann ich also nicht, aber in meinem Papier-Archiv habe ich es gefunden. Ich schreib mal ein paar Sätze ab:

Eine Stufe tiefer hat sich ein Spanier niedergelassen und spielt Flamenco-Rhythmen. (…) Angenehme Klänge. Auf der Spanischen Treppe gibt ein spanischer Gitarrist  einem sonnenanbetenden Deutschen eine Flamenco-Solovorstellung. (…) Die traute Zweisamkeit  wird von zwei kleinen Italienern und einem Japaner gestört, die sich links und rechts neben den Spanier setzen. Sie reden über Fußball. Musikbanausen! Sie rattern Namen herunter, zu mehr reichen die gegenseitigen Sprachkenntnisse nicht.  Gullit, mhhm. Baresi sisi. Serena wauh, Maradona! Der Zuhörer fühlt mit dem Spanier, als dieser scheinbar entrüstet die Gitarre zur Seite legt und verstummt. Doch der Spanier ist weder entrüstet noch Spanier, sondern entpuppt sich als echt italienischer Tifoso, der jetzt seine Namen ins Gespräch bringt: Donadoni! Zenga! Buggno! Leicht indigniert verlässt der enttäuschte Zuhörer diese Namedropping-Runde der Fußball-Experten. Nicht einen deutschen Spieler haben sie genannt, die “Experten”. Ihr werdet euch noch wundern!

Quod erat demonstrandum. Summer in the City kommt in die Montagsthemen, die Spanische Treppe vielleicht auch, passt vielleicht als Pausenfüller zwischen die beiden Länderspiele. Aber jetzt die vier K, die wieder komplett sind: Kaffee, Kuchen, Knicks und Kuss.

 

 

 

Baumhausbeichte - Novelle