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Sport-Stammtisch (vom 2. September)

Jetzt ist er vorbei, der Sommer, der ein nasser war. Viel Regen, wenig Sonne. Heißt es. Ich schaue meine Knie an und kann es nicht bestätigen. Dunkelbraun. Typische Radfahrerbeine. Nur in deutschen Landen gefahren! Fast täglich, und selten nass geworden. So schlecht kann der Sommer nicht gewesen sein.
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Braunere Knie kann auch Jan Ullrich nicht haben, obwohl er jetzt vorzugsweise auf Mallorca tourenradelt. Und damit zum Thema Anstand, um den Übergang buchstäblich übers Knie zu brechen. Der große Kolumnist Axel Hacke schreibt in einem Essay in der Zeit, »es schwappt seit einer Weile nicht bloß eine Woge der Anstandslosigkeit um die Welt – es tobt ein Ozean.« – Sag ich doch. Mein Thema. Nur schrieb ich statt Anstandslosigkeit »innere Verwahrlosung«. Aber zurück zu den Knien. Denen von Jan Ullrich. Und zu seinem Anstand. Leser, die mit mir älter werden, erinnern sich an mein bedingungsloses Zu-ihm-Halten bei gleichzeitiger Verachtung seines größten Konkurrenten. Falls ich die Gründe dafür nie verständlich habe ausdrücken können, übernimmt dies Hacke für mich, denn Ullrich dient ihm als Beispiel für echten, ehrenvollen Anstand.
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Erinnern Sie sich an die Szene in der Tour 2003, als Armstrong stürzte, Ullrich auf ihn wartete und  Armstrong dessen  Zögern kaltblütig  zu Flucht und Sieg nutzte? Hacke: »In dieser einen ikonischen Geste des Wartens auf einen Gestürzten und dem Verzicht, dessen Pech zum eigenen Vorteil auszunutzen, zeigte sich ein tiefes Verständnis dafür, dass der eine den gleichen Kampf führt wie der andere, dass man ihn mit denselben Voraussetzungen führen möchte und vor allem: dass es Werte gibt, die über denen des Besserseins, des Triumphs stehen.«
Werte, die ein Armstrong nicht kennt (ein anderer Ami erst recht nicht, aber das ist ein anderes … nein, das ist das gleiche Thema). Jetzt aber zum Fußball. Auch hier tobt der Ozean. Wer immer noch gegen die Video-Hilfe kämpft, dem ist spätestens seit Papadopoulos’ grotesker Anstandslosigkeit nicht mehr zu helfen. Bricht schreiend in gespieltem Schmerz zusammen und windet sich am Boden, Sie haben es ja gesehen … aber auch der Video-Assistent hat es gesehen. Papadopoulos hat noch eine Schippe auf Timo Werners Schwalbe draufgelegt, jetzt lacht sich die Fußball-Welt über ihn schippelig. Das Ding wird der Grieche nicht mehr los. Gerechte Strafe.
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Wohlmeinende könnten ihm mildernde Umstände gewähren. Er tat doch nur das, was ihm seine heimatliche Politiker-Gilde vormacht: Vom europäischen Gegner scheinbar böse gefoult, winden sie sich schmerzgequält am Boden, wie kurz vor dem Exitus, und linsen dabei spitzbübisch zum EU-Schiedsrichter, ob der auch darauf reinfällt. – Notwendiger Zusatz des philhellenischen Kolumnisten: Gilt nur für die besagte Gilde, nicht für das Volk.
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Der Dortmunder Grieche Sokratis kehrt das Papadopoulos-Prinzip um: Nicht er windet sich am Boden, sondern sein Gegenspieler, und Sokratis steht über ihm, ein Bild lammfrommer Unschuld, und signalisiert dem Schiedsrichter mit verständnislos weit geöffneten Armen und Augen: War doch nix! Hab ihn nicht mal berührt!
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Ach ja, der BVB. Erinnern Sie sich an meine Verteidigung von Dembele? Wer kann diesem Jungen mit den staunenden Augen böse sein, fragte ich rhetorisch, wenn um ihn herum und mit ihm der Millionen-Wahnsinn tobt? Besonders übel genommen wurde ihm sein »Streik«, obwohl er gar nicht gestreikt hatte, sondern suspendiert wurde. Die Bosse und mit ihnen die Presse kriegten sich kaum noch ein wegen des »Streiks« und geißelten die Anstandslosigkeit des Spielers. Jetzt aber verpflichtet der BVB anstandslos das junge Talent Jadon Sancho von Manchester City. Und Sancho hatte tatsächlich gestreikt und damit den Wechsel zum BVB erzwungen. Der Ozean tobt.
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Selbst wenn Sokratis eine Riesenkrake wäre, könnte er mit der Spannweite seiner unschuldig geöffneten Arme nicht die Lücke zwischen empörter und praktizierter Moral schließen. Um tierisch zu bleiben: Auf dem Schweinemarkt machen Rosstäuscher die besten Geschäfte (Ha! Ein Übergang wie mein braunes Knie!). Und damit zu Ewald Lienen. Der Sportboss von St. Pauli, früher Trainer in Griechenland, verharmlost den Pyro-Wahnsinn: »Damals musste man hoffen, nicht auf der Tribüne abgestochen zu werden. Dagegen ist so ein bisschen Rauch in der Nase doch gar nichts.« Er zeigt auch väterliches Verständnis für das eklige Transparent der Ultras (»Schon eure Väter haben für Dresden gebrannt«). Lienen: »Besser so über die Stränge schlagen, als sich gar nicht zu engagieren und zu Hause vor dem Computer zu verkommen.« (Quelle: Hamburger Abendblatt).
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Was das mit dem Schweinemarkt zu tun hat? »Ablösesummen sind mit der Menschenwürde nicht zu vereinbaren. Freilich passt das eigentlich logisch zu unserer Leistungsgesellschaft. Das ist wie auf dem Schweinemarkt. Man zieht sich ein Schwein groß, und dann verkauft man es teuer.« – Worte des Bundesliga-Profis Ewald Lienen im Revolutionsjahr 1980. Er wollte aus dem »Schweinemarkt« aussteigen und Sozialpädagogik studieren, aber als er mit einem Bauherren-Modell (!) eine sechsstellige Summe verlor, musste er das viele schöne Geld im Schweinemarkt wieder reinkicken, in dem er bis heute sein Geld verdient.
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Linker mit Bauherrenmodell gelinkt – zu grotesk, um es zu ersinnen, aber wenn die Fantasie versagt, springt das wahre Leben ein. Echte Linke würden sagen: Geschieht ihm recht.
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Übrigens haben sich Lienen und sein Kult- und Kiez-Klub, so weit ich weiß,  nicht zu den Verbrechen am Rande des G20-Gipfels geäußert. Mein Vorschlag, um es sich mit seinen Ultras und Chaoten nicht zu verderben: »Die Jungs wollten doch nur spielen!«  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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