Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Sonntag, 27. August, 6.10 Uhr

So früh, weil als Stallwache allein mit Hund und dieser zwischen Blog und KK (ohne Knicks und Kuss) ausgeführt werden muss. Draußen nur Kännchen … quatsch, noch dunkel, und auch wenn der Sommer einen letzten schwülen Anlauf nimmt, liegt schon Herbst in der Luft. In dieser wittere ich nicht die redensartlich zuversichtliche Morgenluft, sondern Apokalyptisches. Seit Jahrzehnten wohne ich, wohnen wir hier oben auf dem Berg, und mehr als 30 Jahre davon habe ich nie die Haustür und auch sonst nichts abgeschlossen. Selbst wenn wir in Urlaub fuhren, war das Haus ohne Bruch eingehbar. Ich kam nie auf die Idee, dass sich Einbrecher hierher verirren könnten. Die brauchen die Stadt oder zumindest eine schnelle Fluchtroute, dachte ich. Stimmt vielleicht immer noch, dennoch schließe ich seit ein paar Jahren alles ordentlich ab. Warum? Weil ich mich verändert habe – oder die Welt, in der ich lebe? Ich fürchte, wir beide.

Finis Gemaniae. Das Buch, über das so viel geschrieben und geredet wird, das aber trotz der Bestsellerlisten-Farce kaum jemand gelesen hat (ich auch nicht), trifft, wenn ich die vielen ausführlichen Rezensionen lese (was ich getan habe), einige wunde deutsche Gegenwartspunkte, die so wund sind, dass die einen sie tabuisieren und die anderen genüsslich-hämisch-furchtsam in der Wunde bohren. Mein Stich(el)wort: Deutschland schafft den Sozialstaat ab.

Nationale Gefühle sind mir fremd. Aber ich bin sehr froh, ohne mein Zutun qua Geburt Mitglied des Vereins Deutschland zu sein. Dessen Mitglieder haben durch eifriges Schaffen eine Vereinskultur geschaffen, in der es mir besser ging als den meisten Vereinsmitgliedern anderer Klubs und in dem ich später selbst meinen Mitgliedsbeitrag bezahlte. Je besser es uns in unserem Verein ging, desto neidischer und sehnsüchtiger schauten sie in den anderen Klubs zu uns herüber … und immer mehr wollten auch zu uns herüber. Wir brauchen ja auch neue Mitglieder, denn unsere Vereinsstruktur bringt immer weniger eigene hervor. Daher: Wer einen Antrag stellt, seinen Mitgliedsbeitrag zahlt und für den Verein arbeitet, ist herzlich willkommen, zumal wir auch immer mehr Altmitglieder haben, die sich auf Kosten der Aktiven auf die faule Haut legen. Dennoch darf der Verein nicht überbelegt werden, daher müssen die Neuzugänge quotiert werden.

Unabhängig davon sollten wir Mitgliedern anderer Vereine, denen es sehr schlecht geht, zum Beispiel, weil ihr Klubhaus gerade abbrennt (zumal auch Mitglieder unseres Vereins zu den Brandstiftern gehörten), selbstverständlich und vorübergehend bei uns Obdach geben, wir können es uns ja leisten, weil wir so gut vorgearbeitet haben und wir die notwendige Infrastruktur dafür haben.

Aber was tun wir? Unsere gewählte Vereinsvorsitzende öffnet … in einem Moment der …  ja was? Der Verirrung? Der Verwirrung? … Vereinstür und -tor für alle, die die Vorzüge unseres Klubhauses anzieht. Das sind Mühselige und Beladene, das sind arme Menschen, die im letzten Moment aus ihrem brennenden Vereinsheim flüchten konnten, das sind Faulpelze, die für ihren Verein nichts getan haben und für unseren erst recht nichts tun werden, das sind Kleinkriminelle, für die unser Verein leichte Beute bietet, zumal, bei Erwischtwerden, mit Strafen, die im Vergleich mit den drakonischen im Heimatklub gar keine Strafen sind, und das sind ein paar Schwerkriminelle, die unser Vereinsheim in die Luft sprengen wollen. Mittlerweile sind die Tore zu unserem Vereinsgelände wieder einigermaßen verschlossen, aber draußen vor der Tür rütteln viele an ihr, und noch mehr sind auf dem Weg zu uns.

Mittlerweile scheint sich die anfangs chaotische Lage im Klub beruhigt zu haben. Dank unserer Mitglieder, auch dank des Vorstandes, auch dank der angebotenen und zum Teil schon vollzogenen Mitarbeit vieler, die Antrag auf Mitgliedschaft stellen oder schon angenommen worden sind.

Aber die Ruhe ist trügerisch. Zu viele der Gekommenen gehören zu denen, die sich ein Beispiel an den trägen Altmitgliedern nehmen und sich zu ihnen in die bequeme Hängematte legen, die wir engmaschig gestrickt haben. Wenn aber immer mehr immer weniger stricken, wird diese Hängematte immer löchriger. Unsanft durchplumpsen werden – oder sind schon – die Altmitglieder, für die das Netz gestrickt wird. Zum Beispiel, um das Bildhafte zu beenden, Alleinerziehende ohne Anhang, Alte und Kranke. Für Neuhinzugekommene, deren soziales Netz im eigenen Klub nur die Familie war, bleibt unser gestricktes auch weitmaschiger werdend ein sehr komfortables.

Und was hat das alles mit dem Haus zu tun, das ich  mittlerweile sorgfältig abschließe, statt sorglos offen zu lassen? Was mit dem Sozialstaat, der abgeschafft wird? Was mit der Apokalypse? Was mit Alterspessimismus? Und was mit den Montagsthemen?

Mit denen schon mal gar nichts. Nichts auf dem Zettel, heute keine KK-Inspiration (nur Kaffee und Kuchen), keine Idee, und den Irrsinn, der gerade in den USA tobt oder schon vorbei ist … Moment, ich schau mal nach … ist vorbei, Mayweather gewinnt durch technischen K.o. … , werde ich ganz gewiss nicht montagsthematisch beehren. Aber irgendwie kriege ich das schon hin. Wie immer. Ich schaffe das. Statt Apokalypse zu rufen, gehe ich jetzt schnell ein Apfelbäumchen pflanzen. Das freut auch den Hund. Irgendwo muss er ja das Bein heben. Ist zwar eine Hündin, aber Beinchenheben wollen mittlerweile alle.  Bis dann!

 

Baumhausbeichte - Novelle