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Montagsthemen (vom 28. August)

Der Vorteil des Kolumnisten: Auch wenn er manchmal Irrwitziges schreiben sollte, darf er den Irrwitz anderer ignorieren. Nachteil des Sportredakteurs: Er muss ihn ins Blatt bringen. Chronistenpflicht. Zu lesen an anderer Stelle. Hier also nichts zu dem absurd aufgebretzelten Boxkampf des einen gegen jenen anderen, dessen Namen der gewöhnliche Sportinteressierte jetzt schon vergessen hat und den ich mir erst gar nicht gemerkt hatte.
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Der Sportkolumnist darf auch abschweifen und auf anderen Feldern dilettieren. Aber auch dort spielt Sport immer eine Rolle. Beispiel Wahlkampf. In diesem bekommt ein Kandidat keine hundert Punkte, sondern Prügel für den flachen Wortwitz, er interessiere sich mehr für Golffahrer als für Golfspieler. Dass er damit zwischen Autofahrern und Autobossen unterscheiden wollte, geht medial unter. Hauptsache Aufregung. Doch sich über den flachen Gag aufzuregen, das ist … noch viel flacher. Und so stellt sich bei meiner nicht ganz repräsentativen Umfrage heraus, dass sich nicht die Golfer aufregen, sondern müde abwinken, und nur die Medien Aufregung der Aufregung wegen schüren. Sehr flach das alles.
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An Golf musste ich auch denken, als ich die Frankfurter Eintracht spielen sah. Was recht erfreulich wirkte, zumal mit einem neuen Stürmer, der ein echter und fast buchstäblicher »Knaller« werden könnte. Man beachte den Konjunktiv, denn die Wirklichkeitsform scheiterte am Golfloch-Syndrom, an dem aber alle Frankfurter litten. Und hier kommt endlich einmal eine psychologisch-statistische wissenschaftliche Studie ins Spiel, die ich empirisch bestätigen kann: Erfolgstypen sehen das Golfloch, den Basketballkorb, das Fußballtor riesengroß, mikroskopisch winzig dagegen kommt das Ziel den Grübelnden vor, die ihre Zweifel mit in den Wettkampf nehmen. Dann kommt eher ein Kamel durchs Nadelöhr als ein Golfball ins Loch oder der Fußball ins Tor
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Die empfohlene Gegenmaßnahme hilft grübelnden Eintrachtlern nur sehr bedingt. Wer sich ein großes Golfloch oder ein scheunengroß offenes Fußballtor vorstellen kann, der trifft es auch, heißt es. Aber nur wer ungrüblerisch trifft, dem kommt es  groß vor. Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Und Haller und Co. in den Po.
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In den beißt sich Thomas Müller schon seit Monaten. Er trifft kaum noch, weil Ancelotti ihn kaum noch aufstellt. Oder umgekehrt? Was ist Ursache, was Wirkung? Müller weiß es aber auch nicht so genau: »Meine Qualitäten sind scheinbar nicht gefragt.« Wenn sie nur scheinbar nicht gefragt sind, sind sie anscheinend doch gefragt. Nur Tore geben die Antwort. Einer wie Müller weiß am besten, was und wer das Golfloch-Syndrom von Stürmern heilt: die Zeit. Kommt sie, kommt Rat, kommt Tor.
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Nicht nur das Golfloch, auch der Hockeyschläger, um mal wieder vom Fußball loszukommen, macht außerhalb des Sports Karriere. Seine Erfolgsbilanz ist jedenfalls größer als die der goldverwöhnten deutschen Hockey-Asse an diesem Wochenende bei der EM (auch für sie: Kommt Zeit, kommt Rat, kommt Gold). Also, der Hockeyschläger: Mit ihm schlugen sich Verkünder und Bestreiter des Klimawandels die Köpfe ein, aber mittlerweile scheint allen klar, dass die Kurve der Erderwärmung einem liegenden Hockeyschläger gleicht (mit langem Griff und kurzer, steiler Kelle). Nur ob und falls ja wie sehr sie menschgemacht ist, wird noch mit Hockeyschlägern ausgefochten.
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Dass die Creutzfeld-Jacob-Krankheit durch Löcher im Gehirn gekennzeichnet ist, die wie ein kleiner Hockeyschläger aussehen, führt uns in den medizinischen Bereich. Bei einer »Ureterektomie mit Blasenmanschette« erfolgt der »Hockeyschläger-Schnitt«. Weiter im gegoogelten Text: Vorsicht beim Holzlatten-Schnitt im Baumarkt! »Meist werden sie im Handel stehend gelagert, und wenn dies zu lange geschieht, krümmt sich das untere Ende unter der Last; man spricht vom Hockeyschläger-Effekt.« Den »hockey stick« gibt’s auch als buchhalterischen Begriff, gemeint ist das plötzliche Ansteigen einer (Umsatz-)Kurve. Fehlt noch das »Kampfmittelräumgerät TREX 204«, ein »neuer Hockeyschläger mit Metallunterscheidung und Bodenkompensation«.
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Das Allerletzte dazu: In kanadischen Nationalparks soll man bei Begegnungen mit den riesenhaften  Wapitis einen Hockeyschläger über dem Kopf schwenken, um als Geweihträger ernst genommen zu werden.
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Frage an Radio Eriwan: Wie könnte ich als Kolumnist ernst genommen werden? Antwort: Vor dem Leser keine Hockeyschläger mehr schwenken. (gw)
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(www.anstoss-gw.de  gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle