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Sport-Stammtisch (vom 26. August)

Es kam, wie es kommen sollte. Dem etwas hinzuzufügen, was ich vorige Woche über den Dembele-Wahnsinn geschrieben habe, wäre penetrante Besserwisserei. Die lasse ich lieber. Nächstes Thema: »Kriegserklärung« der Ultras gegen den DFB. Auch hier lamentiere ich nicht. Die Ultras waren die Clowns im Bundesliga-Zirkus, gehörten als atmosphärische Zugabe zum Vermarktungskonzept, gegen das sie nun aufmucken. Sollen sie ruhig, es gibt ja genügend Gründe zum Aufmucken. Aber wenn es kriminell wird, und auch »harmlose Böllerei in Menschenmassen ist kriminell, muss das weh tun. Den Tätern. Mit saftigen Geldstrafen und Knast im Rahmen des Strafgesetzes. Punkt.
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Kollektivstrafen wie »Geisterspiele« sind ein anderes Thema und dem Strafgesetz wurscht. Das muss der Fußball unter sich klären. Aber Kollektivstrafen sind immer ungerecht. Ungerecht ist es auch, jeden Ultra im Stadion als Verbrecher, jeden Linken beim G 20 als Randalierer, jeden Nationalgesinnten bei Demos als Neonazi zu kriminalisieren. Oder auch jeden Flüchtling, nur weil mit den Geistern, die sie rief, auch Gewohnheitskriminelle ein … nein, nicht sickerten, sondern strömten. Von den »Schläfern« zu schweigen. Was die echten, schwer geprüften und traumatisierten Flüchtlinge am meisten verstört. Nicht sie sind schuld am Dilemma, sondern wir. Und sie natürlich.
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Denn die Deutschen drängten sich an die Spitze der Humanität und Allgüte. Sie hatten doch seit Jahrhunderten danach gelechzt, beliebt zu sein. Und Humanität schien ihnen jetzt der bessere Weg zu diesem Ziel. So wurden die Deutschen die Erfinder der Ethik der selbstlosen Zudringlichkeit. – Sehr schön gesagt. Nicht von mir, sondern von Franz Werfel in seinem Roman »Der Stern der Ungeborenen«, in dem er sich in die ferne Zukunft beamt und von dort zurückblickt. Veröffentlicht 1945!
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Nicht alles war früher besser. Schon gar nicht der Fußball. Und damit zurück auf unvermintes Gelände. Der Spiegel hat statistisch ermitteln lassen, dass die Weltmeister von 1974 heute allenfalls in der fünften Liga schlagbare Gegner fänden. Na ja, Statistik … aber ich sehe es ja ähnlich, würde sie jedoch wenigstens in die dritte Liga stecken. Die Spiegel-Aktion erinnert mich an einen »Anstoß« aus dem Jahr 1979, als ich schrieb, dass es im Zuge der leistungssportlichen Entwicklung selbstverständlich sei, dass die aktuelle Nationalmannschaft die Helden von Bern hoch besiegen würde. Das kam Herbert Widmayer zu Ohren, dem Vorsitzenden des Verbandes Deutscher Fußballlehrer. Er schimpfte: »So was kann nur einer schreiben, der von Fußball keine Ahnung hat. Das muss ein ganz dummer Mensch sein.« Der arme Widmayer wurde vom DFB zu einer telefonischen Entschuldigung verdonnert. Wir verstanden uns prima und stimmten überein, dass zwar früher der schönere Fußball gespielt wurde, dass aber Fritz Walter und Co. gegen die athletischeren, schnelleren und ausdauernderen Bundesliga-Spieler von heute keine Chance hätten. – Und die von 1979 haben keine gegen die von 2017.
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Obwohl die heutigen Profis auch schönen Fußball spielen können. Wie Bayern München (leider nur) in Guardiola-Vorrunden. Oder Liverpool beim dritten Tor gegen Hoffenheim, als Klopp jauchzte: »That’s Football!«
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Was ist das, womit heute in Las Vegas Fantastillionen umgesetzt werden? Boxen sicher nicht. Mayweather gegen McGregor, den »Martial-Arts«-Champion, ist eher eine »martialische Kunst« des Geldmachens. Aber keine Erfindung der Neuzeit. Muhammad Ali kämpfte 1976 in Japan gegen den Catcher Inoki, ein peinlicher Klamauk, denn Inoki legte sich auf den Rücken und trat Ali, der dadurch keine Trefferfläche fand, unaufhörlich gegen die Beine. Unentschieden nach 15 ebenso irrwitzigen wie öden Runden. Zwei Jahre später kam Inoki in die Frankfurter Festhalle. »Kampf« gegen Karl Mildenberger. Ich saß am Ring. Peinliche Sache. Auch, dass ich überhaupt am Ring saß.
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Antonio Inoki nannte sich später um in Muhammad Hussain. So wie noch viel früher Cassius Clay in Muhammad Ali. Oder viel später Jay-Jay Okocha, obwohl Christ, in Muhammed Yavuz, als Verbeugung vor seinem Interims-Klub Fenerbahce. Dass Franck Ribery nach seinem Übertritt zum Islam Bilal Yusuf Mohammed heißt, weiß auch nicht jeder. Ich wusste es jedenfalls nicht, sondern las es in einer Mail von Zaky Hill (Gießen), der sich ärgert, dass über Riberys »Spaß« gelacht wurde, der Schiedsrichterin die Schnürsenkel aufzuziehen, statt dass er dafür Rot sah.
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Ja, Ribery hätte Rot sehen bzw. werden müssen. Vor Scham. Aber er findet sich ja selbst witzig. Sein Humor, vielfach bewiesen, ist nicht gewöhnungsbedürftig, sondern nur dürftig, gewöhnen kann man sich nicht daran.
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Auch ich habe umbenannt. Nicht mich, sondern die »Schuhbännel«. Erst in mittleren Jugendjahren entdeckte ich die »Schnürsenkel«, die mir zuvor ebenso unbekannt waren wie der Bürgersteig (für mich zuvor »Trottwa«). Ich sprach aber kein Oberhessisch, sondern das »Neuhessische, eine lautlich vereinfachte regionale Umgangssprache«, wie ich von Bernd Strauch (Gießen) erfahre, dessen »Digitales mittelhessisches Dialektwörterbuch« kostenlos im Internet zugänglich ist (www.oberhessisch.com).
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Da kommt man sich selbst auf die Sprachspur. Im echten Oberhessischen wird zum Beispiel der Doppellaut »au« zu einem Einzellaut, wie in Frau zu »fra«, brauchen zu »brache« oder laufen zu »lafe«. So red ich net, ich gemeiner hessischer Umgangssprachler.
Der bleib ich als unn als.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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