Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Montagsthemen (vom 21. August)

222 Millionen sind … hach, da fällt mir ein schönes Rätsel ein: Wenn man von ihm spricht, dann meistens, weil es keiner ist. Hübsches deutsches Wort übrigens. Aber erst einmal zu den 222 Millionen, deren Kollateralschäden auch am ersten Spieltag zu spüren waren. Beziehungsweise nicht. Denn ohne die übersprudelnde katarische Geldquelle hätte Dembele zwar in Wolfsburg gespielt, aber der BVB bestimmt nicht besser. Pulisic ist jünger, reifer und – schon oder noch – besser als das überbordende und ungebändigte Talent Dembele.
*
Was sagt einer wie Pulisic nach solch einem Gala-Auftritt? »Ich habe es noch gar nicht realisiert. Als kleines Kind habe ich davon geträumt. Heute habe ich es geschafft.« Oder so. Das Übliche eben. Sagt aber nicht der in den USA aufgewachsene Pulisic, sondern in den USA der Dresdener Alexander Wolfe. Weil er soeben erster deutscher WWE-Champion geworden ist. Für nicht Eingeweihte: Die WWE  ist die Champions League der Wrestler. Versinnbildlicht: In bewegte Bilder und dröhnend-drohende Töne umgesetzte Fake News. Mithin der unserer Zeit angemessenste Sport. In dem ein Tim Wiese übrigens immer noch nicht so richtig mitspielen darf.
*
Von wo bin ich abgeschweift? Ach so, 222, Dembele. Wie beim Wrestling: Hinter der Bühne wird inszeniert, was auf der Bühne gespielt wird, zur Freude oder Empörung des Publikums. Bei Dembele wird empört, was das Zeug hält. Obwohl doch jeder weiß, wissen sollte, dass es nur darum geht, wie viele der 222 Neymar-Millionen via Dembele in die BVB-Kasse fließen werden. Pacta sunt servanda? Fast so »out« wie Latein in der Schule. Im Fußball werden Verträge nur geschlossen, um sie nicht einzuhalten. Das ist ein stahlbetonhartes Geschäftsprinzip, seit es Ablösesummen gibt. Die Spieler sind nur noch Handelsware, woran nicht die Ware, sondern der Handel schuld ist.
*
222 Millionen sind … kein Pappenstiel. Kommt nicht vom hessischen Babbedeggel, sondern vom Stiel der Pappenblume, besser als Pfaffenblume und allen als Löwenzahn bekannt. Als Unkraut verrufen, daher die Redewendung. Für mich aber als Pusteblume die schönste Blume meiner Kindheit.
*
Jetzt würde ich gerne weiter abschweifen zu den Pappenheimern, die Schillers Wallenstein (»Ich kenne meine P.!«) bekannt gemacht hat, aber Pustekuchen: zurück zum Sport. Wissen Sie, warum die Akteure Rückennummern tragen? Weil damit ihr Aktionsradius ermittelt wird. Die Zahlen kennen wir ja. Über zehn Kilometer pro Spiel und Bundesliga-Profi. Bei den Frauen bringt es die agilste gerade mal auf 720 Meter. Entfernung vom Schlupf. Denn sie ist eine Wildbiene, und der Arbeitsnachweis dieser gefährdeten Art wurde in München mittels winziger Rückennummern erforscht. Die Männer sind übrigens viel fauler.
*
Die Wildbienen-Meter wurden sozusagen handgestoppt, denn Bürger meldeten den Ort, an dem sie Wildbienen mit Rückennummern gesichtet hatten, an die Forscher weiter. Als Wildbiene hätte ich also Pech, wenn ich den 720-Meter-Rekord breche, mich aber niemand sieht und dem Schiedsrichter meldet. Im Fußball sieht dieser dank elektronischer Hilfe aber mittlerweile alles, und das ist auch gut so. Trotz einiger Anlaufschwierigkeiten mit der Video-Hilfe wird sie im Nu zur Selbstverständlichkeit werden, und niemand wird auch nur ansatzweise verstehen, dass und warum es sie einmal nicht gegeben hat.
*
Ich verstehe nicht einmal ansatzweise, was der dank der Stimmen Mainzer Ultras gewählte FSV-Vorsitzende Johannes Kaluza im taz-Interview über eine gemeingefährliche und ins Kriminelle ausartende Stadion-Unsitte sagt: »Aktuell gilt, dass Pyrotechnik im Stadion verboten ist, ich kann zwar verstehen, dass es zur Ultrakultur dazugehört, lehne Pyro derzeit aber auch ab.« – Nur derzeit? Nicht sehr präsidiabel. So schwurbelt herum, wer die Macht der Knallköpfe fürchtet. Oder mit ihnen sympathisiert.
*
Apropos Knallköpfe und Macht. Nach der greifen sie im Fußball trotz allem   noch nicht so erfolgreich wie in anderen Bereichen. Sie wissen schon. Die Pressefreiheit gehört zu den wenigen Mitteln, um die Macht der Knallköpfe zu brechen. Denn sie wird nicht geschützt, um zu amüsieren und Leser zu gewinnen, nicht um das Triviale und Sentimentale zu fördern, nicht um dem Publikum immer das zu geben, was es gerade will, sondern um über Gefahren und Möglichkeiten zu informieren, um aufzurütteln und zu reflektieren. Das bedeutet mehr Aufmerksamkeit und besseres Verständnis der Nachrichten sowie verbesserte Berichterstattung.
*
Sie lasen nicht mein aktuelles Wort zum Montag, sondern Auszüge der Rede eines Politikers. Von John F. Kennedy. Im April 1961. Aktueller denn je. Ich kannte die Rede nicht. Las sie erst jetzt. Im »Streetworker«, der »Zeitung von Obdachlosen für Jedermann«. Beim Lesen dachte ich auch an einen alten US-Folksong von Phil Ochs. »There but for fortune go you and I.« Aber das ist ein anderes Thema.
(gw)
*
(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle