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Sonntag, 13. August, 6.40 Uhr

Ausgerechnet der Mayer-Wechsel! Schade. Aber die deutschen Sprinterinnen haben in London dennoch ein weit besseres (“schöneres” stimmt auch, wäre aber missverständlich) Bild abgegeben als ihre männlichen Kollegen. Bei denen durfte der zweitbeste Deutsche gar nicht erst mit zur WM, ein Hesse, was nicht nur Landespatrioten verärgert (wie einige alte LA-Kumpel und FB-Freunde). Die deutschen Sprint-Szene scheint wie eine geschlossene Gesellschaft, die gleichen Namen seit Jahren, die gleiche (Nicht-)Entwicklung: Im Vorfeld ordentliche Zeiten und Vorschusslorbeeren, wenn es darauf ankommt aber, nun ja, Abkacken auf breiter Front. Fehlt nur noch, dass sie, wie der Hürdler, über fehlende Unterstützung klagen.

Dazu habe ich in der Samstags-Kolumne einiges geschrieben, was offenbar bei den Lesern, zumal alten Leichtathleten, gut angekommen ist. Die Mails sind aber eher private Mitteilungen, daher kommen sie nicht in die Mailbox. Aber Danke! Allerdings hat Speer-Weltmeister Vetter die Aussagen und Forderungen des Hürdensprinters in einem Wort drastischer und treffender kommentiert als ich mit meinen vielen Sätzen: “Bullshit!” Die beiden Jungs werden sicher keine Freunde fürs Leben.

Ach ja, Freunde fürs Leben. Die (für mich hoffentlich nicht zu unangenehme) Story, die auf dem “Sport-Leben” basiert bzw. durch seine Lektüre angestoßen wurde, soll Anfang September im “Zeitmagazin Mann” erscheinen. Die Zeit-Autorin mailt, sie (die Story) sei in der Redaktion sehr gut angekommen. Es geht um unsere (Ralf + ich) Freundschaft, nehme ich jedenfalls an, denn meine Story alleine ist bestimmt keine große Magazin-Geschichte wert. An Ralf denke ich auch nach 20 Jahren immer noch oft, zum Beispiel vor ein paar Tagen, als ich über den Ortsnamen “Stumpertenrod” stolperte. Sofort lief die Erinnerungsmaschine an: Wie er, als ich ihn bei unseren fast täglichen Telefonaten abwimmeln wollte, weil er kurz vor Redaktionsschluss anrief, wissen wollte, warum ich keine Zeit habe, und ich ihm, zu seinem allergrößten Vergnügen, sagte, ich müsse jetzt in einem Vereinsheim anrufen, wo mir der Pressewart des Dorfklubs das Ergebnis und die Torschützen eines Kreisliga-Nachholspiels durchgeben soll, was immer schwierig ist, im alkoholgetränkten Stimmengewirr, und ich müsse dann schnell einen Kurzbericht dazu schreiben, und er, Ralf, dann fragte, wer denn spiele, was so wichtig sei, dass ich keine Zeit für ihn habe, und ich antwortete: Stumpertenrod-Köddingen gegen die FSG Eifa-Lingelbach. “SAG DAS NOCH MAL!” Stumpertenrod-Köddingen gegen Eifa-Lingelbach. “NEIN! Doch. Tags darauf musste ich diese Paarung noch ein paar Mal bestätigen, und in Berlin machte die Geschichte die Runde: Stellt euch vor, was Steini da unten macht. Schreibt Storys über ein Fußballspiel STUMPERTENROD-KÖDDINGEN gegen EIFA-LINGELBACH! Und wenn er nicht so was macht, fährt er mit dem Traktor über die Felder.

Stimmte übrigens. Ich hatte einen Traktor, fuhr mit ihm über die Felder und mähte mit dem Balkenmesser Futter für die Pferde. Auch das steter Quell der Freude für die Jungs in Berlin, die mich ganz anders kannten.

Übrigens hatte ich nie den journalistischen Hochmut (Stichwort: Kaninchenzüchter) über die “Niederungen” des Regionalpressewesens. Eine Begegnung Bayern München gegen Borussia Dortmund ist für mich nicht mehr oder weniger wert als Stumpertenrod-Köddingen gegen Eifa-Lingelbach: Jeweils nur Bausteine für die Zeitungsseite, an deren Inhalt und Aussehen ich arbeitete wie ein Schreiner an einem Stuhl oder Tisch.

Ach ja, da fällt mir aber wieder die Geschichte ein, für die ich jeden (für mich unerreichbaren) Grimme-Preis hergeben würde: Ich saß mit Uwe Bein in … Ha!, Jetzt fällt mir ein: in der Gaststätte, die vor ein paar Tagen abgefackelt wurde! … einer Pizzeria, seinem Stammlokal in seiner Gießener Zeit, um mit bzw. über ihn und seine späten Jahre beim VfB 1900 Gießen eine Zeitungsseite zu machen, das DIN-A-3-Blatt hatte ich dabei, mit Stichworten und dem Kolumnenkopf von “Gerds Sport-Stammtisch”. Wir unterhielten uns, ich war sehr konzentriert, zumal es keine Aufnahmegeräte gab, sondern nur den Kuli zum Mitschreiben. Da beugte sich ein an und für sich sehr nett wirkender Mann vom Nebentisch herüber, sagte, “Entschuldigen Sie, wenn ich störe, aber …”

… und ich denke: Mist, schon wieder einer, der ein Autogramm von Bein will und womöglich auch mit ihm schwätzen. Und Bein denkt das Gleiche, greift zu meinem Kuli …

“… sind Sie nicht “gw”, der diese Kolumnen schreibt? Ich wollte Ihnen nur sagen, wie gerne ich Sie lese.”

Uwe Bein beachtete er gar nicht. Vielleicht hatte er ihn nicht einmal erkannt. Mich aber am Kolumnenkopf auf der Seite. Das Gesicht von Bein! Unbezahlbar.

Noch schnell, bevor ich an die Montagsthemen muss, eine Textbaustein-Deponierung im Blog, der nicht nur ein Stein(es)bruch für die Kolumnen ist, sondern auch Notizbuch, das nicht verloren geht. Bei der Vorbereitung der 40/30/20/10-Rückblick-Kolumne von letzter Woche stieß ich auch wieder auf den Text aus einem Untersuchungsbericht, den ich direkt aus dem Büro eines damaligen Verbandspräsidenten erhalten hatte und den wohl außer mir kein Journalist komplett gelesen hatte (2000 Seiten!). Er widerlegt die immer noch offizielle gültige Sportgeschichtsschreibung. Ohne weitere Worte (die mache ich vielleicht demnächst in einer Extra-Kolumne):

»Für den foudroyanten (schlagartigen) Verlauf des allergisch-toxischen Geschehens (…) war mit Wahrscheinlichkeit eine überdosierte intravenöse Zufuhr von 5 g Metamizol in Form von zwei Ampullen des Präprates Buscopan compositum mitursächlich. Innerhalb von zwei Stunden nach Gabe dieses Schmerzmittels kam es zur Ausbildung eines Schocks, der zum Multiorganversagen führte. Die Indikation war fragwürdig; die Dosierung war überhöht und entsprach nicht dem Empfehlungen des Herstellers.

Buscopan compositum wurde 17 Tage nach B. D’s Tod vom Bundesgesundheitsamt wegen mehrerer ähnlicher Todesfälle aus dem Handel genommen. Der Inhaltsstoff Metamizol allein wurde rezeptpflichtig, blieb aber im Handel.

 

Kenner wissen, warum es geht. Mehr später, vielleicht. Jetzt aber: KKKK. Kaffee, Kuchen, Knicks und Kuss.

 

 

 

Baumhausbeichte - Novelle