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Montagsthemen (vom 14. August)

Beiläufig schweift ihr Blick zum Fernseher. Speerwerfen Männer. »Was sind das denn für kleine Autos, die auf dem Rasen rumfahren?« Wenn Laien Fragen stellen, wundert sich der vermeintliche Fachmann – und weiß es nicht. Nächster Blick, nächste Frage. 1500 Meter der Frauen. »Warum dürfen da Männer mitlaufen?« Wie soll ich das in einem Satz erklären? Oder zwei? Oder drei? Oder vielen? Ich hole aus … und zucke ratlos mit den Schultern.
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Drama um Bolt/Farah. Tragisch? Nein. Beide haben genug Gold gesammelt, auf der Bahn und auf dem Konto. Am Ende überspurtet oder vom Krampf gepackt zu werden, ist spektakulär, aber nicht tragisch. Wirkt eher wie gelungene Drama-turgie, damit ihre Geschichten nicht allzu kitschig enden. Echte Tragik, nur sportliche natürlich, erlebte unsere Hindernisläuferin. Und vorne siegte eine Außenseiterin ihrer Preisklasse. Jammerschade. Aber Gesa Felicitas Krause jammerte nicht mal. Große Sportlerin.
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Ausgerechnet der Lisa-Mayer-Wechsel! Aber die deutschen Sprinterinnen haben in London dennoch ein weit besseres Bild (»schöneres« stimmt auch, könnte jedoch als jovialer Machismus abgestraft werden) abgegeben als ihre männlichen Kollegen. Bei denen durfte der zweitbeste Deutsche gar nicht erst mit zur WM. Michael Pohl. Ein Hesse! Und deutscher Vizemeister. Die DLV-Sprint-Szene wirkt wie eine geschlossene Gesellschaft, die selben Namen seit Jahren, die gleiche (Nicht-)Entwicklung: Im Vorfeld ordentliche Zeiten und Vorschusslorbeeren, aber wenn es darauf ankommt, nun ja, Abkacken auf breiter Front. Fehlt nur noch, dass sie, wie der lamentierende Hürdler, über fehlende Unterstützung klagen.
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Dazu habe ich in der Samstags-Kolumne einiges geschrieben, was offenbar bei den Lesern, zumal alten Leichtathleten, gut angekommen ist. Danke für die Mails, die aber privat bleiben sollen. Allerdings hat Speer-Weltmeister Johannes Vetter die Aussagen und Forderungen des Hürdensprinters in einem Wort drastischer und treffender kommentiert als ich mit meinen vielen Sätzen: »Bullshit!« Die beiden Jungs werden sicher keine Freunde fürs Leben.
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Nach der Blamage mit den kleinen Autos will ich auftrumpfen. Ich doziere, dass der Speer in der Mitte gefasst werden und beim Abwurf in Wurfrichtung zeigen muss. Warum? Frage ich rhetorisch, da sie nicht nachfragt. Ich antworte mir: Weil ein Spanier vor einem halben Jahrhundert hinten anpackte, sich drehte und den eingeseiften Speer hundert Meter weit flutschen ließ – unkontrolliert in alle möglichen Richtungen. Die Technik wurde verboten. Wegen Verletzungsgefahr. Für die Zuschauer. Der Salto-Weitsprung dagegen – Du erinnerst Dich an den Stierspringer in Knossos? – wurde nach seiner Wiederentdeckung, ebenfalls vor einem halben Jahrhundert, wegen des Risikos für den Springer verboten. – Reaktion: »Weiß ich doch alles. Hast du schon hundert Mal erzählt. Aber was ist nun mit den kleinen Autos?«
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Beim Zehnkampf-Finale ist sie zum Glück anderweitig beschäftigt. Was sollte ich auch auf die Frage antworten, warum ein Japaner vorneweg läuft, sich im Ziel aber die Geschlagenen freuen, als hätten sie die Medaillen gewonnen? Aber wenn der Zehnkampf optisch dramatisiert würde, mit den 1500 Metern als Verfolgungsrennen nach Punktabständen, so dass der Erste auch der Sieger ist, wäre er kein Zehnkampf mehr, sondern nur ein neunfacher Anlauf zu einer dadurch überbewerteten zehnten Disziplin.
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Auch der Trost für die deutschen Staffel-Mädchen, dass sie ihre Medaille dann halt bei der nächsten WM holen und dazu vielleicht noch nachträglich eine zweite, würde viel zu weit führen. Doch zum Glück ist die WM beendet, und mit ihr die peinliche Fragerunde.
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Jetzt also wieder Fußball. Da sind keine Fragen zu befürchten, denn da schaut sie nicht einmal beiläufig hin. Selbst mich lässt er zunehmend kälter. Wie auch die aufgeregten Diskussionen um den entfesselten Kapitalismus mit teilweise kriminellen Machenschaften und anderen unanständigen Begleiterscheinungen. Erstens gibt es das überall, und zweitens sind die empörten Fans selbst schuld. Sie demontieren das regelnde Gesetz von Angebot und Nachfrage, indem sie sich links empören (über das Angebot) und rechts das sie Empörende immer ausufernder konsumieren. Aber auch das ist kein alleiniges Fußball-Phänomen. Siehe Nutztierhaltung und Wurst & Fleisch im Supermarkt. Doch dieses Thema ist mir jetzt viel zu ernst. Lieber lobe ich mir und unserem Hund die Dogumenta in New York, eine Kunstausstellung für Hunde. Im Ernst! Objekte in Schnüffelhöhe arrangiert. Anpinkeln erlaubt. Was auch manchem Documenta-Besucher gefiele.
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Zuletzt ein letztes Mal zum Letzten, der im Marathonlauf nicht überholt werden kann. Leser haben einige originelle Ausnahmen beschrieben, doch nach der Logik der Fangfrage bleibt es dabei: Niemand kann den Letzten überholen. Es sei denn, er kommt aus einer anderen Dimension. Dann könnte er uns Erdlingen auch all die anderen Absurditäten des Daseins erklären. Aber das ist ein ganz anderes Thema und hat mit Sport nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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