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Sport-Stammtisch (vom 12. August)

Fangfrage der Woche: Beim Marathon überholen Sie den Letzten, wievielter werden Sie? Die Antwort ist nicht so eindeutig, wie am Donnerstag behauptet. Doch zunächst zur Woche der Empörung. Über Dembele, über Scholl, über das ZDF, über die Sportförderung. Wellen der Empörung schwappen durchs Land. Ich paddle lieber gegen den Strom
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Ousmane Dembele ist 20 und wirkt selbst für seine jungen Jahre noch ziemlich unreif. Wer kann diesem Jungen mit den staunenden Augen böse sein, wenn um ihn herum und mit ihm der Millionen-Wahnsinn tobt? Ich nicht. Falls Sie dennoch auch von mir Empörung verlangen, dann kann ich sie nur, wieder einmal, im Sinne meines Lieblings-Cartoons bieten. »Ist das noch Fußball!?« Das Bild zum empörten Ausruf: Ein Mann auf Skiern mit Taucherbrille und einer Hantel in den Händen springt vom Zehnmeterturm ins Wasser.
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Auch fast aller Welt ehemaliger Liebling Mehmet Scholl bekommt die Macht eines Meinungskartells zu spüren. Aus und raus ohne Applaus! Weil der als Fußball-Experte engagierte Scholl sich weigert, in der ARD auch als Doping-Experte aufzutreten. Mensch, Mehmet, warum so pingelig? Das tun doch alle! Je weniger Ahnung, desto mehr Meinung.
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Empörung auch über das ZDF, das am Dienstag statt Leichtathletik-WM ein belangloses Fußballspiel zeigte. Die Freunde der Leichtathletik, denen die bösen Fußball-Kapitalisten ja schon das Berliner Olympiastadion wegnehmen wollen, schäumen vor Wut über diese neuerliche Missachtung. Aber warum bloß? Eurosport überträgt alles live und kostenlos. Reicht doch.
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An Empörung nicht zu übertreffen ist der Leichtathlet Matthias Bühler, der im ZDF über die Sportförderung lamentierte. An der gibt es in der Tat viel auszusetzen, was schon oft »Anstoß«-Thema war. Aber dass der Hürdensprinter in diversen Zeitungs-Interviews nachlegt, ein Athlet müsse »uneingeschränkt so gefördert werden, dass er sich das ganze Jahr über auf seinen Sport konzentrieren kann, egal, wo er ihn ausübt«, das ist schon ziemlich frech. Ein Rund-um-sorglos-Paket, möglichst fürs ganze Leben?
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Der Hürdensprinter studiert Maschinenbau. Gefördert wird er nicht. Keine Sporthilfe, kein Sponsor. Erst als er Spitzenzeiten läuft, gibt es etwas Geld vom Schuhfabrikanten. Bei Olympia ist er erst 19, wird Vierter, startet auch im Zehnkampf (!) und wird dort Fünfter. Vier Jahre später, mittlerweile Weltrekordler, aber geschwächt von einer langwierigen Verletzung, wird er wieder Vierter und gewinnt Gold mit der Staffel.
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Mittlerweile weiß der sportinteressierte Leser: Es handelt sich um Martin Lauer, später ein erfolgreicher Diplom-Ingenieur. In der Staffel lief auch Armin Hary mit, ebenfalls Weltrekordler, ein gelernter Feinmechaniker, der in Rom 100-m-Gold holte. »Nur« Silber über 400 m gewann Carl Kaufmann, studierter klassischer Tenor, in einem epischen Duell mit Otis Davis. Die Bestzeiten: Hary 10,0, Kaufmann 44,9, Lauer 13,2.  Bühlers Zeit in London: 13,79.
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Wer in Zeiten aufkommender Kunststoffbahnen in der Leichtathletik groß wurde, erinnert sich an das herrliche Gefühl, von einer Tartanbahn getragen zu werden, statt über eine weiche Aschenbahn zu stampfen. Nimmt man die nachgebenden Startblöcke hinzu, die schweren Spikes und die noch nicht praktizierten modernen Trainingsmethoden, heben diese Handicaps den Vorteil der Handstoppung mehr als auf (zumal es noch keine Anabolika gab …), und man kann ohne verklärende Nostalgie behaupten: In die Gegenwart gebeamt, würden Lauer, Hary und Kaufmann wieder Medaillen gewinnen. Ohne Rund-um-sorglos-Paket.
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Aus (m)einer alten Kolumne: »Jeder kann und darf Sport treiben, niemand wird zu Spitzenleistungen gezwungen. Wer dennoch Einmaliges vollbringen will, muss sich, wie in allen anderen Gebieten auch, über die Risiken im Klaren sein. Der Erfolg kann süß sein, Misserfolg sehr bitter.  Chancen und Gefahren spornen aber auch zu großen Leistungen an, die Sporthilfe-Rentnermentalität bisher noch verhindert.« (Dez. 76). Ohne weitere heutige Worte.
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Zur Fangfrage. Klar, den Letzten kann man beim Marathonlauf gar nicht überholen. Eigentlich. Aber Uwe Lemke (Wöllstadt) hat eine Lücke in der Logik gefunden. Denn vor vielen, vielen Jahren gab es Marathonläufe in der Halle, vor allem in den USA, und auf einem mehrmals zu absolvierenden Rundkurs »wäre es durchaus denkbar, dass die Letzten von den Führenden überrundet, also überholt, werden.« Danke für die alternative Überraschungs-Lösung.
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Ein Veranstaltungstipp: Im Mai hatte ich einige Sätze über die hoch interessante Entstehungsgeschichte von »You’ll never walk alone« geschrieben. Da wusste ich nicht, dass das »Bildungsforum Friedberg« daran arbeitete, einen großen Dokumentarfilm über die Fußball-Hymne ins heimische Kino zu bringen. Am vergangenen Mittwoch gab es nun die ersten beiden Aufführungen, am nächsten Mittwoch (16. August) folgen die beiden letzten (Kinocenter, 17.00 und 20.00 Uhr).
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Prof. Peter Schubert, der mich informiert hat, ist nicht nur für das Bildungsforum aktiv, das sich »seit nahezu zehn Jahren bemüht, etwas für Bildung und Kultur in unserer Stadt zu tun«, sondern auch eine im mittelhessischen Sport bekannte Persönlichkeit … und einer der Bestplatzierten in der »Wer bin ich?«-Rangliste. Er hofft, dass die nächste Folge nicht in der Zeit zwischen dem 26. 8. und 8. 9. erscheint »während der meine Frau und ich mit dem Fahrrad von München zur Biennale nach Venedig unterwegs sind« – Die nächste Folge kommt später, versprochen. You’ll never ride alone! (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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