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Montagsthemen (vom 7. August)

Vor fast 30 Jahren tauchten in dieser Zeitung die ersten vierfarbigen Seiten auf. Damals ein technisches Wagnis. Anlass: Olympia 1988 in Seoul. Oder »Souuuhl«, wie sich sprachambitionierte Reporter den Gaumen zerrten.
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Heute muss die Zeitung mindestens doppelt »farbig« sein, um im medialen Wettkampf nicht schon im Vorlauf gegen Twitter & Co. hoffnungslos hinterher zu hecheln wie »Exoten« bei Olympia. Und doch habe ich, ähnlich wie Forrest Gump den Hüftschwung von Elvis, auch das Twittern erfunden. Wegen Ben Johnson.
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Twittern nicht als Trump(f) wie heute, sondern mit klitzekleinen  Trumms. Was korrekt »Trümmer« heißen müsste, denn ein Trumm ist die Einzahl von »Trümmer«. Kommt vom mittelhochdeutschen »drum«. Ewwe drum!
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Nach dem Super-GAU des Sports gab es eine komplett getwitterte Kolumne. Trümmchen, also Gesteinesstückchen daraus: »Kann jemand gleichzeitig über Johnsons Doping und die Leistungen unserer Sprinter schimpfen?« Die schizophrene Gegenwart beweist: Man kann.
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Mögen die anderen alten »Tweets« im Archiv verstauben. Es gibt genügend aktuelle Trumms für die »Montagsthemen«. Was zu beweisen ist.
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Bolt gefeiert, Gatlin ausgebuht, Farah am gefeiertsten, trotz NOP und Salazar. Fast wie beim Wrestling. Gut gegen Böse als Inszenierung. Mit Zuschauern wie im Kolosseum. Der Narrativ des Dopings ist eher ein Narrhallamarsch.
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Selbst die sprachlichen Hochstapler haben gemerkt, dass der Narrativ eine Mode-Masche ist. Jetzt schreiben sie stattdessen »Erzählung«. Was auch nur eine Mode-Masche ist.
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Abgeschwiffen. Zurück zum Anlass: Bolt und Gatlin gehen miteinander um wie gute alte Kameraden. Denn sie wissen, was sie tun.
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Mitleid mit Gatlin? Einerseits ja. Andererseits: Er darf nur starten, weil er »gezinkt« hat. Als Kronzeuge. Eine Krähe hackte der anderen beide Augen aus.
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Gatlin verriet seinen Trainer Graham. Der hatte zuvor andere Sprinter verraten (Stichwort: »Balco«), Gatlin-Konkurrenten. Später wurde auch Graham verknackt. Eine ehrenwerte  Gesellschaft.
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Die »Balco«-Affäre löste in den zuvor dopingfreundlichen USA einen Domino-Effekt aus, an dessen Ende auch Armstrong fiel. Aber das nur am Rande.
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Vielleicht gewinnt Bolt doch noch. Heute sind aktuelle Siegerehrungen nur pompöse Generalproben für die endgültigen, ein paar Jahre später und viel unpompöser. Gestern standen in London 16 davon auf dem Programm. Wirklich die endgültigen?
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Die Sau, die durchs globale Dorf getrieben wird, stinkt manchmal (nach Abgas) oder ist einfach eine Schweinerei (Eier!). Und immer ein Skandal.
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Globales Dorf. 1960 erfunden von Marshall McLuhan, zusammen mit seinem geflügelten Wort »Das Medium ist die Botschaft«.
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Skandale sind da, um aufgedeckt zu werden. Es gibt mehr davon als Wollmäuse unter dem Erdteppich. Hervorgekehrt werden die wenigsten. Meist durch »Informanten« mit Eigeninteressen. Das »Balco«-Syndrom.
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»Skandal« stammt vom griechischen »skàndalon«. So hieß das Stellholz einer Falle. Von Luther als »Ärgernis« übersetzt. Das nur eintritt, wenn die Falle zuschnappt.
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Netteres Thema: Caro Schäfers Schritte-Technik. So ähnlich steigen Frauen vom Fahrrad ab. Sieht ulkig aus, kann aber für schlanke Siebenkämpferinnen sinnvoll sein. Die Angleittechnik ist vorteilhaft nur für »Trumms« mit doppelt so großem Oberschenkelumfang.
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Fußball gab’s ja auch. Supercup. Bayern und BVB. Beide auf gutem Weg. Die »Krisen« waren nur mediale Beschäftigungstherapie.
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Der Video-Nachweis ist also doch Beweis und keine Hilfe für den Schiedsrichter. Wer hört schon auf mich? Immerhin: Es WAR kein Abseits.
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Zu guter Letzt eine hübsche Schlagzeile. Gestern in der FAS zum »Schreiben nach Gehör«, der kritisierten Grundschul-Methode: »Liber papa ich wüsche dir fil Schpas bei der apeit.«
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Ausgetwittert. Dangeschöhn vür ihre Gedult!
(gw)
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(www.anstoss-gw.de  gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle