Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Sport-Stammtisch (vom 5. August)

Sie erwarten doch bitte nicht, dass ich die »Krise« der Bayern erkläre oder mich entrüstet an der Zahl 222 abarbeite. Eine Krise kann es frühestens nach zwei, drei Spielen in der Saison geben, nicht zwei, drei Wochen vor Saisonbeginn. Und dass die Krise, die es (noch) nicht gibt, heute nach einem Spielchen um den Suppencup entweder für verschärft oder als beendet erklärt wird, … ach, geschenkt.
*
222. Plus ein paar Nullen bis zur Fantastillion. Aber egal wie viele Nullen, es endet immer bei einer – im Nullsummenspiel. Das Geld fließt nur im Kreislauf des Fußballs. Ein Neymar sind x Hinz- und y Kunz-Profis. 222 minus x minus y = null. Die Namen und Zahlen von heute sind morgen Schall und Rauch. Neymar? 222 Millionen? Bald nur eine Randnotiz des galoppierenden Wahnsinns unserer Zeit. Wir gewöhnen uns daran. Und der Wahnsinn von Paris ist, zum Beispiel, gegen den in Washington nur eine harmlose Schrulle.
*
Was im Fußball, im Sport, in der Welt geschieht, hat scheinbar viel mit Kontrollverlust zu tun. Aber hatten wir je die Kontrolle? Im SZ-Magazin las ich jetzt eine schöne Geschichte über das ebenso schöne Wort »Kontrollillusion«. In die Psychologie eingeführt hat es die Harvard-Professorin Ellen Langer bereits im Jahr 1975. Kurz gesagt: Wir handeln oft so, als könnten wir den Ausgang von Zufallsereignissen durch unser Einwirken kontrollieren und zu unseren Gunsten verändern. Unter dieser Kontrollillusion leiden Menschen um so mehr, je überzeugter sie von ihren besonderen Fähigkeiten sind.
*
Schon fallen mir extreme Beispiel ein. Guardiola! Tuchel! Sie glauben, das Zufallsspiel Fußball entschlüsselt zu haben, fuchteln, tänzeln, brüllen, dirigieren – und sind ebenso machtlos dem Zufall ausgeliefert wie ein Ancelotti. Nur weiß der, dass Kontrolle eine Illusion ist. Und strahlt das  aus. Aber mit »Laissez faire« alleine kommt man auch nicht weit …
*
Auch Medien und Fans unterliegen der Kontrollillusion, und der Fußball lebt davon. Es wird munter drauf los gefachsimpelt, vor dem Spiel wissen wir, wie es gewonnen wird, und nachher, warum es verloren wurde. Verlören wir diese Kontrollillusion, verlöre auch der Fußball viel von seiner Faszination. Die Kontrollillusion ist das wahre Salz in der Fußball-Suppe.
*
Ich habe einige Beispiel für den Denkfehler der Kontrollillusion gegoogelt. So fühlten sich viele Amerikaner nach 9/11 im Flugzeug unwohl und fuhren lieber auch weite Strecken mit dem Auto – und schon gab es im folgenden Jahr 1600 Unfalltote mehr als statistisch erwartbar.
*
Auch ich fühle mich ertappt: »Spieler neigen dazu, stärker zu werfen, wenn sie hohe Zahlen erzielen wollen, und sanfter für niedrige Zahlen.« Stimmt!  Wenn ich beim Würfeln einen Sechser-Pasch möchte, schmettere ich den Becher auf die Tischplatte, aber bei einer gewünscht niedrigen Zahlenkombination lasse ich die Würfel ganz sacht aus dem Becher kullern.
*
Oder an der Fußgänger-Ampel: Sie ist rot. Vor mir steht schon einer. Ich drücke dennoch den Knopf. Rot. Hinter mir kommt einer. Drückt den Knopf. Rot. Dann noch einer. Auch er drückt. Grün! Schnell geht er verächtlich an uns Banausen vorbei. Man sieht ihm an: Er hat die Sache unter Kontrolle
*
Eine Sache aber gibt es, die man wirklich unter Kontrolle haben kann: den eigenen Rücktritt. Drei Große des Weltsports verabschieden sich endgültig: Usain Bolt, Wladimir Klitschko und Prinz Philip. Letzterer mag an sportlicher Größe nicht ganz mithalten, er war aber ein passabler Polospieler und ein guter Fahrsportler auf dem Kutschbock. Schon sein zweiter Wettkampf sei eine Europameisterschaft gewesen: »Ich wurde nicht Letzter, aber fast.«
*
Sie erwarten aber doch bitte nicht, siehe Bayern und 222, dass ich mich an einer weiteren beliebten Beschäftigung beteilige, dem Schenkelschlagen über die Sprüche von Prinz Philip. Zwar musste auch ich lachen, als er über die Favoriten der Queen sagte: »Wenn etwas kein Gras frisst und nicht furzt, ist die Königin nicht daran interessiert.« Er sprach von Pferden, nicht von sich. Auch als er  als Schirmherr zum x-ten Mal eine Ausstellung eröffnete (»Ich erkläre das Ding für eröffnet – was immer es auch ist«), lachte ich mit. Aber in der Regel machte er seine Witzchen über Schwächere. Und das mag ich überhaupt nicht.
*
Zu tauben Jugendlichen: Kein Wunder, bei der lauten Musik. – Zu Arbeitslosen: Erst fordern sie Freizeit, dann beklagen sie sich darüber. – Besonders gefühllos: Als ihm ein 13-Jähriger verriet, dass er Astronaut werden wolle, beschied ihm der Prinz: »Du wirst nie fliegen, du bist zu dick.« – Wer so etwas sagt, hat kein Herz. Und wer darüber lacht, auch nicht. Der arme Junge.
*
Wladimir Klitschko hat ein Herz, und nicht nur »das Herz eines Boxers« (Max Schmelings Hit, übrigens mit selten dämlichem Text). Bei der Verkündung seines Rücktritts musste ich daran denken, was ihm zu Beginn seiner Karriere als Erstes in Deutschland aufgefallen war: Autos, die nachts um zwei einsam und allein vor roten Ampeln standen.
*
Die Fahrer hatten ja auch keinen Knopf zum Drücken …
*
Wie stehen wir an der Ampel, wenn wir wissen, dass wir mit der nie gehabten Kontrolle auch die Kontrollillusion verloren haben? Als Fatalisten? Warten, warten, warten? Aber was, wenn es die einzige Ampel ist, die wirklich nur auf Knopfdruck reagiert? (gw)
*
(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle