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Paul-Ulrich Lenz: Dieses Rammeln ist kein Privileg der Proleten

Ihre frühsonntägliches Erleben reizt mich zu Kommentaren. Der Erste. Im vorigen Jahrtausend hat ein sehr berühmter Theologe,   Lehrer der Kirche hat man ihn genannt, geschrieben: „Koitus ohne Koexistenz ist dämonisch.“ (Karl Barth, Kirchliche Dogmatik). So etwas sagt und schreibt heute keiner mehr, kein Professor und auch kein Kirchenführer. Weil der Mut dazu fehlt? Es ist nicht meine und wohl auch nicht Ihre Sprache. Sie würden wohl eher schreiben: „Koitus ohne Koexistenz ist Rammelei.“

Eine andere Stimme fällt mir ein: Viktor Frankl, Überlebender des KZ und seitdem und deshalb Erforscher der Tiefen und Untiefen der menschlichen Seele, Begründer einer psychologischen Schulrichtung, schreibt einmal:  „Wem es nur um die Lust geht, dem vergeht sie auch schon.“ Lust ist kein Selbstzweck. Sie wird immer erst sinnerfüllt in einem größeren Zusammenhang. So etwas sagt und schreibt heute auch keiner mehr, kein Professor und auch kein Kirchenführer. Weil der Mut dazu fehlt? Wer will sich schon den Vorwurf einhandeln, lustfeindlich, ein Lustverderber zu sein, eine Spaßbremse.

Weshalb ich an Ihren Überlegungen auch hängen geblieben bin, ist dieser Satz: „Unansehnliche Männer und Frauen aus erkennbar unteren Bewusstseinsschichten, Typ Bahnhofspenner und Kollegin, rammeln sich einen ab.“ Ich sage es einmal sehr einfach: dieses Rammeln ist kein Privileg der Proleten, des Prekariats, der Unterschicht. Der Krimi-Autor Andreas Frantz ist kein Meister der Sprache – seine Sprache ist oft eher auf der Ebene der  erkennbar unteren Bewusstseinsschichten. Aber seine Gesellschaftsbeobachtung ist messerscharf. Er analysiert die tödliche Langweile derer, die alles haben und glauben, alles zu dürfen, die nur sich selbst und ihren Kick finden.  Diese Leute findet er in der feinen Gesellschaft, der high society, der Leute, die die Oper bevölkern, die sich bei Wohltätigkeitsfesten sonnen im eigenen Glanz. – Banker; Wissenschaftler, Politiker, Kirchenführer – alles ist vertreten, männlich und weiblich. Ein  Mittel gegen die Langweile: Sex. Unverbindlich, ohne Koexistenz. In freier Wildbahn.

Meine Folgerung aus seinen Analysen: Sinnfreies Rammeln ist kein Privileg derer “da unten”. Es ist – laut Frantz, und andere Krimi-Autoren ticken ähnlich, auch “da oben” weit verbreitet. Das kommt dabei heraus, wenn der Mensch nur noch einen Maßstab hat, an dem er sich ausrichtet – sich selbst in seiner Lust.   (Paul-Ulrich Lenz, Pfr.i.R./Schotten)

Baumhausbeichte - Novelle