Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Sonntag, 30. Juli, 6.45 Uhr

Vor ein  paar Tagen bin ich zufällig – wirklich! – auf einer Pornoseite gelandet. Wer an, was es auch geben soll, schmerzhafter Dauererektion leidet, für den gibt es nach meinen neuen einschlägigen Erkenntnissen ein sofort wirkendes Gegenmittel: Solch eine Seite anklicken, und der kleine Herr in Krieg und Frieden (war mal ein Titel von Zwerenz, glaube ich) gibt sofort Ruhe, rollt sich ein und verzweifelt als Winzling an der sexuellen Welt. Unansehnliche Männer und Frauen aus erkennbar unteren Bewusstseinsschichten, Typ Bahnhofspenner und Kollegin,  rammeln sich einen ab, jedwede Öffnung benutzend und missbrauchend, auf eine  derart abstoßende Art, dass jedem erotisch empfindsamen Zuschauer jeder Gedanke an Sex sofort und für mehr als ein Weilchen vergeht.

Jedes Kind kann mit einem Klick problemlos diesen Dreck anklicken, und ich dachte früher, das und die diversen Totmacher- und Ballerspiele führten zu Verrohung und innerer Verwahrlosung. Aber nun lese ich, dass unter Jugendlichen eine neue Keuschheit verbreitet sei, und da macht es bei mir Klick: Wenn ich mich in einen Jugendlichen versetze (und ich glaube, das kann ich gut), der von der großen Liebe träumt (tun sie doch immer noch alle, oder?) und der in dieser  aufregenden, geheimnisvollen, herzerfüllenden Zeit des Hoffens und Bangens noch vom  ersten Kuss, diesem weltbewegenden, welterschütternden Ereignis träumt und dann diesem ekelhaften, seelenlosen Treiben widerwärtiger Menschen zusieht, der muss sich fühlen wie jemand, der eine Klotür öffnet, die jemand abzuschließen vergessen hat, und plötzlich hautnah sieht und hört und riecht, wie dort jemand mit seinem Durchfall kämpft. Rummms! Tür zu und angeekelt nix wie weg!

Ob Homöopathie heilen kann, ist ja ein großes Thema. Na ja, auch Placebos können “heilen”. Aber das ist jetzt nicht das Thema, sondern: In der Homöopathie wird mit Verdünnung bis zur fast vollständigen Verdünnisierung gearbeitet.  Diese Pornos heilen mit der entgegengesetzten Methode. Mit buchstäblich vollem Rohr wird Dreck auf empfindsame Seelen gespritzt (ebenfalls buchstäblich), was immun dagegen macht und aus Abscheu das neue Pflänzlein Keuschheit wachsen lässt.

Oha. Da ist meinem angeschlagene Kopf (Familienfeier) in seinem frühmorgendlichen Rohzustand fast ein Wörtchen zum Sonntag entschlüpft. Für die Kanzel müssten nur ein paar derbe Wörter rausredigiert werden, und schon könnte sie in der Kirche gegenüber als erbauliche Predigt gehalten werden. Als Stein(es)bruch für die Montagsthemen taugt es aber nichts. Da muss ich andere Dinge “verhandeln”, zum Beispiel das “verhandeln”, das ich am Samstag als eins (oder eines?) der mich nervenden Modewörter vergessen habe. Eines (oder eins?) nervt mich dagegen nicht mehr: der “Narrativ”, zeitweiliges Lieblingsmodewort besserer schreibender Kreise, ist plötzlich spurlos verschwunden. Vermisst wird er oder das nicht.

Im dicken Kopf hat es der Flow schwer, da fließt er nicht, da bleibt er stecken. Leichte Panik, wenn ich auf den Themenzettel schaue. Voll wie Flasche leer. Ob das heute noch was wird? Schaun mer mal. Ma gucke. Bis dann.

 

 

Baumhausbeichte - Novelle