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Montagsthemen (vom 31. Juli)

Langsam, ganz langsam nähern sich die Testspiele der Fußball-Bundesligisten Mustern mit etwas mehr Wert. Die unterschiedlichen Ausgangslagen, Konzepte, Ein- und Ausgliederungen, Abstimmungen und Trainingszustände gleichen sich peu à peu an, bis zum Saisonstart alle Klubs auf der selben Startlinie angekommen sein werden. Dann … HALLO! Bitte nicht einschlafen! Vor allem Sie da hinten auf den Plätzen meiner liebsten Zielgruppe! Stay hungry!
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Wie Arnold Schwarzenegger, der gestern seinen 70. Geburtstag feierte. Nicht mehr ganz so hungrig wie früher, aber selbstironisch wie immer. Die Muskelberge sind weggeschmolzen wie Eisberge in Zeiten des Klimawandels, und da es diesen auch in der US-Politik gibt, mit gewaltigeren Brüchen als im Schelfeis, würden selbst seine früheren Verächter am liebsten die Verfassung ändern, damit »Arnold Strong, The Austrian Oak« diesen bizarren Typen aus dem Weißen Haus fegen könnte.
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Die neue Sehnsucht nach Schwarzenegger gleicht in Deutschland der nach KTG, jenem Mann, der nicht seine Muskeln, sondern sein Ego aufpumpte und die Großpackung Öl, die Bodybuilder auf ihre Körper schmieren, schon alleine bei den   Haaren verbrauchte. Guttenbergs Vorteil gegenüber Arnold Schwarzenegger: Er ist deutscher Staatsbürger. Auch ist ihm Selbstironie nicht fremd (»Man könnte fast eine Doktorarbeit darüber schreiben«). Aber ist er noch hungrig?
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»Stay hungry!« In diesem Film (deutscher Titel: »Mister Universum«) trat die österreichische Eiche erstmals unter ihrem, unter seinem richtigen Namen auf. Der Film kam nie in die deutschen Kinos, lief aber einmal im ARD-Nachtprogramm. Neben Schwarzenegger, der sich selbst mimte, wirkten ein sehr junger Jeff Bridges und eine noch jüngere Sally Field mit, außerdem erkannte ich in einer Nebenrolle »TC«, den späteren Krimiserien-Freund von »Magnum«. »Stay hungry« ist ein selten dämliches, amateurhaftes, aber irgendwie auch anrührendes Filmchen der C-Kategorie. In meiner Erinnerung haftet noch die bizarre Szene, als zum Schluss ein Pulk aufgepumpter Bodybuilder wie eine Amok laufende, blökende Schafherde in Minihöschen halbnackt über eine Kreuzung tobt.
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Wie bin ich darauf gekommen? Ach so. Hallo wach! Hoffentlich hat’s gewirkt. Ich wollte ja andere Dinge verhandeln, zum Beispiel das »verhandeln«, das ich am Samstag vergessen habe, den nervenden sprachlichen Modemarotten »generieren«, »aufschlagen« und dem wahllos verstreuten Doppelpunkt beizuordnen. Aber es gibt auch eine erfreuliche Meldung aus dem stilistischen Torheitsbereich: Der »Narrativ«, zeitweiliges Lieblingsmodewort besserer schreibender Kreise, ist plötzlich spurlos verschwunden. Niemand vermisst ihn.
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Wir verhandeln nun einen Narrativ, mit dem wir im Sport aufschlagen, um doch noch eine Kolumne zu generieren, die ihr Vorwort »Sport«: verdient hat. Die Leichtathletik-Weltmeisterschaften der Behinderten sind beendet, die der »Normalos« beginnen in Kürze. Vor einem Jahr in Rio kämpften die Besten von über sieben Milliarden Menschen um 47 Goldmedaillen. Eine im Vergleich – und zum Glück! – winzige Minderheit kürte bei den Paralympics 177 Leichtathletik-Olympiasieger, die männlichen Kugelstoßer alleine 14 von ihnen. Das mag durchaus der Chancengleichheit dienen, während manche Nicht-Para-Leichtathletin mit Recht bedauert, gegen Konkurrentinnen antreten zu müssen, die in eigene Klassen gehörten. – Schwieriges Thema, flächendeckend vermint. Denkt man es zu Ende, landet man bei der Erkenntnis: Jeder ist eine Klasse für sich.
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Ich weiß, den Satz hatte ich schon mal. Vorige Woche. Aber ich weiß keine praktikable Lösung für eine selektivere Lösung. Überhaupt habe ich mit der Weisheit eines Sokrates (der mit dem Schierlingsbecher, nicht im BVB-Trikot) nur gemeinsam, dass ich weiß, dass ich nichts weiß.
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Manches Wissen könnte ich mir aber im Selbstversuch aneignen. So bleibe ich seit Jahren, wenn ich am nahen Elektrozaun um die Pferdekoppel vorbeikomme, sinnierend stehen und frage mich: Soll ich? Und zwar schon, seit ich vor drei Jahren in der »Stimmt’s«-Kolumne der Zeit gelesen habe, dass man keinen Schlag bekommt, wenn man auf einen elektrischen Weidezaun pinkelt, da »der Urin zwar aufgrund der enthaltenen Salze den Strom hervorragend leitet, aber der Strahl sich schon in kurzer Entfernung von der Quelle in einzelne Tröpfchen auflöst. Dann gibt es keinen zusammenhängenden Leiter mehr. Folglich kann kein Strom fließen.«
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Soll ich? Zumal die Tröpfchen-Theorie in meinem Alter besonders überzeugt? Nein, lieber nicht. Ich halte mich an die Untertitelung im Fernsehen, die bei riskanten Stunts von Wrestlern aufploppt und die ich auch unseren Lesern dringend empfehle (Leserinnen nicht, die kennen derartige kindische Versuchungen erst gar nicht): »Don’t try this at home!« Dagegen bleibt  stets empfehlenswert: »Stay hungry!« (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle