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Sport-Stammtisch (vom 29. Juli)

Leipzigs Red-Bull-Trainer Ralf Hasenhüttl findet Promotion-Tourneen wie die der Bayern in Asien »sportlich problematisch«. Münchens Mit-Boss Kalle Rummenigge findet das »zynisch und unsolidarisch«, was ich wiederum ziemlich problematisch finde. Denn wahr ist, dass die Bayern-Ware Abstriche am wahren Sport machen muss, der Saisonvorbereitung. Das wissen sie selbst am besten, vielleicht daher die aggressive Überreaktion des ewigen Junior-Chefs des Hoeneß-Klubs.
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Dass die Ware Sport nicht der wahre Sport ist, war nie (m)eine Tatsachenbehauptung, sondern nur wortspielerisches Wunschdenken. Widerlegt von Real Madrid, den Bayern und anderen globalen Geldspielern, die Verluste in der Vorbereitung mit ihrer Finanzkraft kompensieren. Wer massenhaft Klasse einkaufen kann, gewinnt dann eben auch gegen sportlich vernünftiger vorbereitete Massenware. Und dass die Ware im Sport nicht das Wahre ist, war sowieso schon immer höchstens halb wahr. Siehe Ur-Olympia, das seinen Siegern lebenslangen Reichtum verhieß, oder Turnvater Jahn, der in der Hasenheide menschliche Kriegsware gegen den welschen Erzfeind generierte.
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Und nächstes Jahr, Fortsetzung des Booms vorausgesetzt, schlägt wohl auch Leipzig redbullend in Asien auf. Längst hat die normative Kraft des Faktischen den wahren Sport verdrängt, so wie auch, siehe oben, das Verb »generieren« sein urdeutsches Synonym »erzeugen«. – »Aufschlagen« und »generieren«, da fehlt doch noch was aus der sprachlichen Modekiste? Auch der wahllos eingestreute Doppelpunkt: boomt. Er gilt als stilistisch: schick. Aber das ist ein anderes: Thema.
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Ein ganz anderes. Sooo große Home-Story im Spiegel, beziehungsweise Road-Story: Sahra Wagenknecht fährt Rad. Ein Reporter begleitet sie und ist beeindruckt. Sie wirkt ja auch ziemlich sportlich und »taff«, kein Zweifel. Ihr Ehemann bleibt zu Hause. Diesmal nur, sagt er. Denn Oskar Lafontaine, 73, fährt ebenfalls Rad (kein Pedelec, ein »richtiges«). Manchmal 120 Kilometer am Stück. In fünfeinhalb Stunden. Sagt er. Da kommt er auf einen Schnitt deutlich über 20 km/h. Respekt!
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Das erinnert mich an seinen alten Freundfeind Gerhard Schröder. Dem »Spiegel« erzählte er einmal, er sei mit 49 die 100 Meter bei einer Sportabzeichenprüfung in 12,6 Sekunden gelaufen. Damit hätte er  in der deutschen Bestenliste seiner Altersklasse zu den Top 100 gehört. Ich erwähne jetzt nicht die Glaubwürdigkeitskrise der Politik. Aber ich schmunzle.
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Ich schmunzelte auch, als … aber von vorn: Lafontaine ist ein alter Bekannter von mir. Vor Jahren machte ich Urlaub mit ihm in Ägypten. Vor dem Abflug in Frankfurt saßen wir nebeneinander und lasen die Bild-Zeitung, bei der Ankunft in Luxor standen wir gemeinsam am Gepäckband.   Nun ja, Oskar weiß nichts davon, wir sind eben nur sehr weitläufige Bekannte. Aber in Theben-West, wo die alten Ägypter ihre Pharaonen bestatteten, dachte ich wieder an ihn. Denn die meisten Prachtsarkophage im Tal der Könige sind leer, aber nicht groß genug für das Ego heutiger Pharaonen.
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Alte Geschichte. Yesterday war’s. Da fällt mir ein: Angeblich hat Paul McCartney, nach einer Nacht bei seiner Freundin,  in der ersten Fassung geschrieben: »Scrambled eggs / oh my Baby / how I love your legs«. Er soll es auch heute noch manchmal singen. Vielleicht sang es auch der Schüler, der laut Bild online »Sex mit seiner Lehrerin (28)« hatte. Auf der Flugzeug-Toilette. »Nach Exkursion zum Teilchenbeschleuniger.« Fällt das unter die Rubrik »Nachbereitung physikalischer Experimente«?
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Ich war noch nie auf einer Flugzeugtoilette. Aber wenn ich mal müsste, fliegt hoffentlich Thomas Gottschalk mit und geht vor mir aufs Klo. Als er einmal bei einem Lufthansa-Flug auf die Toilette musste, hatte sein Vorgänger diese total verdreckt hinterlassen. Gottschalk putzte und schrubbte das Klo von oben bis unten, bis es wieder picobello aussah. Hätte er das nicht getan, sagte er, hätte der nächste Klo-Besucher die Bescherung geknipst und die Aufnahme verkauft: »So sieht ein Klo aus, wenn Gottschalk drauf war.«
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Aber warum wabert jetzt wieder ein vorpubertär gehörter Satz durch den spätpubertären Kopf: »Stewardessen fliegen durch die Luft. Vögeln gleich« – gab es wirklich mal einen Softsex-Film der späten Sechziger mit diesem Titel, fragt sich der später Sechziger?
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Entschuldigung, da ging wohl mein wahres Alter mit mir durch. Das ich immer zu verbergen suche. Wie mein Alterskamerad Alec Guinness. Der große Schauspieler kam sich sein Lebtag vor wie ein Kind, das einen Erwachsenen spielt, und hatte stets Angst, dass man ihm auf die Schliche kommen könnte.  (gw/14)
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(www.anstoss-gw.de gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle