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Samstag, 22. Juli, 16.30 Uhr

Es hat nur wenige Sekunden gedauert. Gestern, auf dem Rückweg nach längerer Tour in Wetzlar beim früheren Royal-Kino auf den Lahnradweg einbiegend, komme ich an einer Frau vorbei. Aus den Augenwinkeln fällt mir auf, dass mit ihr irgendetwas nicht stimmt. Ich bin schon an ihr vorbei, da setzt sich das Bild in der nächsten Sekunde in meinem Kopf zusammen: Sie geht unsicher, in sich gekehrt, leicht schwankend. Wirkt in der belebten Gegend mitten in Wetzlar wie ein Fremdkörper. Niemand beachtet sie. Wohl ein Junkie. Nicht weit von hier, unten an der Lahn, treiben sich Dealer herum, das weiß ich.

Nächste Sekunde, ich bin 20, 30 Meter weiter, kurz vor dem Domizil der Rudergesellschaft: Hat sie nicht geweint? Still vor sich hin geweint? Hat sie nicht die Hände vors Gesicht geschlagen? Wirkte sie nicht verzweifelt?

Nächste Sekunde: Ich wende, fahre die paar Meter zurück. Sehe sie sitzen, vor dem Ex-Kino, nun Anwaltskanzlei. Auf einem Bänkchen, einem Podest, was weiß ich, mein Hirn realisiert es nicht, ich sehe nur das Gesicht: tränenverschmiert. Dem Augenschein nach eine nicht mehr ganz junge Frau, vielleicht um die 40. Kein Junkie. Wahrscheinlich migrantische Wurzeln, vielleicht in zweiter oder dritter Generation. Schlank, unauffällige Kleidung. Offenbar, in anderer Situation, gut aussehend, vielleicht attraktiv. Keine Unterschicht. Integriert wirkend. In hoffnungslosem Schmerz versinkend.

Alles das reimt sich mein Kopf in der einen Sekunde zusammen, bevor ich sie frage: “Kann ich ihnen helfen?” Sie reagiert kaum, blickt nicht hoch, wischt sich Schmodder und Rotz vom Mund und sagt, in akzentuiertem Hochdeutsch: “Nein. Ich will jetzt nicht reden. Danke.” Und versinkt wieder in ihre eigene Schmerzenswelt.

Niemand hat die Szene beachtet. Die Menschen gingen an uns vorüber, an der derangierten Frau und dem alten Radfahrer. Der nickt der Unglücklichen noch einmal zu und fährt los.

Wie lange hat das alles gedauert? 15, 20 Sekunden? Höchstens eine halbe Minute. Seitdem muss ich immer wieder an diese Frau denken. Sie muss Schreckliches erlitten haben. Kam sie vom Arzt, mit einer katastrophalen Diagnose? Ist ihr Kind, ihr Mann gestorben oder schwer verletzt?

Ich werde es nie erfahren. Auch nicht, ob ich die Situation überinterpretiert habe.

Hätte ich insistieren sollen? Dennoch mit ihr reden? Hätte ich ihr helfen, ihr meine Hilfe aufdrängen sollen? Aber was für eine Hilfe? Was hätte ich zu bieten, um ihr helfen zu können?

Ich hoffe, ich habe mich getäuscht und ihr geht es gut.

 

Baumhausbeichte - Novelle