Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Sport-Stammtisch (vom 22. Juli)

Wir könnten ja auch über Fußball reden. Zum Beispiel über die Eventisierungsmanie, simple Vorbereitungsspiele – bei denen manches wichtig ist, aber nie das Ergebnis – zu Großereignissen mit Finalcharakter aufzublasen und, absurder geht’s immer, sogar durch Elfmeterschießen zu entscheiden. Oder Sammers Sticheleien, Müller genieße bei den Bayern nicht den ihm gebührenden Sonderstatus. Das ist ein nickliges Foul in der Nachspielzeit, aber das Perfide daran: Sammer hat recht. Unter dem Systemfreak Guardiola und von dem Traditionalisten Ancelotti wurden Müller, diesem Vogel Freigeist, der überall herumflattert, die Flügel gestutzt.
*
Oder über Inklusion. Wäre ich nicht zu feige, würde ich eine falsche Entwicklung kritisieren, eine Bevorzugung. Inklusion bedeutet aber nicht Bevorteilung, sondern Gleichstellung. Außerdem muss klar sein, dass Inklusion nicht grenzenlos möglich ist. Aber das auszusprechen, bin ich zu feige. Daher zitiere ich aus einem FAZ-Interview mit Niko Kappel. Der darf das, denn er ist gerade Paralympics-Weltmeister im Kugelstoßen geworden. Kappel ist zu klug, um nicht zu wissen, dass auch über seinen WM-Titel diskutiert werden kann.
*
Reden wir also darüber: Kappel ist 1,40 m groß und hat mit der 4-kg-Kugel (also  mit dem Frauen-Gewicht) 13,81 m gestoßen. Damit wäre er gegen einen 1,60-m-Mann genauso chancenlos wie gegen ihn ein 1,25-m-Athlet. Für sie müsste es daher eigene »Schadens«klassen geben. Übrigens auch für Menschen unter 1,85 m oder 90 Kilo, zumal das Gewicht beim Kugelstoßen eine ähnliche Rolle spielt wie beim Boxen oder Gewichtheben. Zu Ende gedacht, führt das zum Schlusssatz des letzten Sport-Stammtischs: Jeder ist eine Klasse für sich. Dann gäbe es nur noch den Wettkampf mit sich selbst. Unrealistisch, aber mir menschlich sehr sympathisch.
*
Mir menschlich sehr unsympathisch ist die Häme, mit der über Boris Beckers finanzielle Kalamitäten gehöhnt wird. »Bild« hat ihn zum Abschuss freigegeben und munitioniert sich mit den Aussagen eines Großgläubigers. Seitdem macht ein böser Satz die Runde, den sich kein Blatt entgehen ließ (zugegeben: ich hiermit auch nicht), mit dem der Gläubiger Beckers Vorschlag, ihm seine Finca zu übereignen, beantwortet haben will »Boris, ich muss dich erinnern, die habe ich schon!«
*
Vermutlich hat ihm sein fataler »unforced error«, auch im Geschäftssport ein Weltklassespieler zu sein, die Probleme eingebrockt. Zumal ihm alle, die seine Nähe suchten, unter ihnen jetzige Gläubiger und Verächter, jahrzehntelang Zucker in den … apropos Zucker: Sooo großer Aufmacher in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: »Zu viel Zucker, Salz und Fett im Essen«. Sooo große Story im Spiegel über Boris Beckers Investments in Öl und Gas in Nigeria, als Beispiel für seine angebliche Unbedarftheit in Gelddingen. Boris und ich! Wir haben viel gemeinsam, angefangen bei den Haaren. Bei mir ist alles nur viele Nummern kleiner. Und hier treffen sich nigerianisches Öl und Gas mit deutschem Zucker und Salz. Denn auch ich habe investiert, bin Kleinaktionär von Südzucker und Kali+Salz. Seit vielen Jahren. Wenn alles zusammenbricht, dachte ich, sind Aktien dieser Lebens-Grundstoffe Gold wert. Und was passiert, seitdem ich Aktionär bin? Zucker und Salz werden verteufelt, die Kurse meiner Aktien haben sich mehr als halbiert. Boris und ich haben einfach kein Glück.
*
Im Ernst: Als Kleinaktionär erlebe ich am eigenen Leib, wie das Sein das Bewusstsein bestimmt: Zwar weiß ich, was zu viel Zucker und Salz anrichten können, aber dennoch ärgern mich die Warn-Schlagzeilen. Und die Umweltprobleme von Kali+Salz bei uns oben in Hessen … ach, alles aufgebauscht. Richtig schlimm sind nur diese miesen zuckerfreien Süßstoffe!
*
Kleiner Scherz. Kein Scherz: Im Zeit-Magazin lese ich, dass eine gewisse Partei bei ihrer Gründungsversammlung 2013 (bei uns in Hessen, in Oberursel!) ernsthaft den Namen »Anstoß« in Erwägung gezogen hatte. Puh! Gerade noch mal gutgegangen! Ich hätte unsere Kolumne umgetauft, wahrscheinlich in ihren Online-Titel: Sport, Gott & die Welt. Optisch ist der »Anstoß« sowieso nicht mehr das, was er einmal war: Ein Anstoß oben auf der ersten Seite für den Sportteil, ein Kasten in Gelb und Rot, den Farben der griechischen Götter. Ältere Leser erinnern sich vielleicht.
*
Tempi passati. Aber das erinnert mich an meinen Irrtum, als Schreiber in einer Alters-Kohorte, oder sagen wir, siehe oben: in einer Lebens-Schadensklasse mit den Lesern zu sein. Ein Trugschluss, wie mir zumindest ab und zu bestätigt wird. Wie jetzt von Christopher Stein: »Als waschechter wetterauer Bub (Rodheim v. d. Höhe) hatte ich das große Vergnügen, die gw-Kolumne schon sehr früh kennenzulernen. Mittlerweile bin ich auch etwas in die Jahre gekommen (30). Ich hoffe nur, dass ich noch lange die Möglichkeit habe, die Kolumne zu verfolgen. Sportlich interessiert bin ich sowieso, und die kleinen Nadelspitzen in Richtung Gesellschaft und Politik erfreuen mich ebenfalls ungemein (dürfen gerne noch mehr sein!).«
*
Dankeschön. Am meisten freut mich, dass unser Leser schon vor mehr als zehn Jahren den »Anstoß« zu lesen begann. Als Teenager! Aber mit 30 schon »etwas in die Jahre gekommen«? Auch das ist ein Trugschluss. Ihm unterliegen aber fast alle im Umfeld dieser dunkelmagischen Marke 30. Lasst euch trösten: Ihr seid nicht in die Jahre gekommen, sondern die besten kommen jetzt erst, und zwar viele, viele von ihnen. Es sei denn, die Erdogans oder Trumps haben etwas dagegen. Aber das ist ein anderes Thema. (gw)
*
(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle