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Sport-Stammtisch (vom 15. Juli)

Phänomenal, was Marcel Kittel bei der Tour de France leistet. Aber Sprinter schreiben nun mal nicht die Heldengeschichten. Und in der Heimat von Sagan und Cavendish stänkern sie sowieso schon, nur weil zwei sich stritten, könne sich der Dritte freuen. Doch auch wenn nun alle Aufmerksamkeit den Rundfahrt-Größen gilt (und dabei vielleicht etwas mehr verdiente Beachtung für Emanuel Buchmann abfällt): Kittel bleibt eine echte Sprint-Granate.
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Dass die von Uli Hoeneß angekündigte Bayern-»Granate« nur Ersatzspieler von Real Madrid war, blieb bei den bombastischen Feierlichkeiten zu Ehren des Neuzugangs James Rodriguez dezent unerwähnt. Ob er als »Rohrkrepierer« endet oder sich doch als »Volltreffer« erweisen wird? Aber diese Frage soll uns nicht interessieren, sondern: Warum wird solche Bomben-und-Granaten-Sprache nur dem Sport verübelt? Niemand hat »Tagesschau«-Sprecher Jens Riewa einen martialischen Macho geschimpft, als der sich einst schwadronierend anti-outete: »Michelle ist eine Granate im Bett.«
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In Frankfurt werfen sie Heribert Bruchhagen keine Bomben oder Granaten hinterher, sondern Giftpfeile. »Bobic kann nicht in einem Jahr all das verändern, was über Jahre hinweg versäumt wurde«, schreibt die FR,  und im selben Blatt rühmt Aufsichtsratschef Wolfgang Steubing den Bruchhagen-Nachfolger, bei dem er einen »Unterschied wie Tag und Nacht« zur Vergangenheit entdecken will. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt? Nein. Das IST böse.
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Auch ich kann Giftpfeile werfen. Sogar ebenfalls bis nach Hamburg, so weit fliegt selbst Johannes Vetters Speer nicht. Hat sich dort eigentlich schon ein gewisser folkloristischer Verein der Herzen artikuliert? Jener, in dem Fußball, Hafenstraßen-Romantik und Rote-Flora-Sympathie einen Dreier-Bund fürs Leben geschlossen haben?
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Immer wieder ist von »Aktivisten« die Rede, für oder gegen was auch immer. Ich kannte die Aktivisten vor ihrem Medien-Boom nur aus dem Fußball, genau gesagt aus dem DDR-Fußball mit seinen aparten Vereinsnamen wie »BSG Aktivist Schwarze Pumpe« oder »Aktivist Briesge-Senftenberg«.
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Bei der »Welcome to Hell«-Demo gingen »Aktivist*innen aus verschiedenen Ländern gegen Globalisierung, Kapitalismus, staatliche Repression, Sexismus und Homophobie, Rassismus, Antisemitismus und Alte wie Neue Rechte« auf die Straße. Kein Übel dieser Welt fehlte, denn Randale, Zerstörungslust und Gewalt bis hin zu versuchtem Mord kamen unangemeldet hinzu.
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Ein Konzert »Rock gegen Links« wäre nur das gleiche – der eigenen Moralüberhöhung dienende – Gesellschaftsspiel wie »Rock gegen Rechts«. Rechte Gewalt? Linke Gewalt? Die Schuldwegweisungen von sich und die Schuldzuweisungen an den jeweiligen Gesinnungsgegner füllen die Talkshows, zu deren Manege es alte Zirkuspferde zieht wie ihre anderen Artgenossen in den Stall. Was wären die Bosbachs ohne die Ditfurths und umgekehrt?
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Um in keinen falschen Verdacht zu geraten: Die Ideologie des grenzenlosen Wachstums, die ich auch schon »den Fetisch von schnöselbürschlingsglatten Flachseelen des Neo-Liberalismus« genannt habe, ist für mich der fatale Systemfehler unserer Zeit und die »Gewinnwarnung« ihr perverses Symptom.
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Dazu die aktuelle Realsatire: »Die Aktien von Schaeffler brachen zeitweise um mehr als zwölf Prozent ein«, weil: »Statt der angepeilten Umsatzrendite von zwölf bis 13 Prozent erwartet der fränkische Konzern nun eine Marge von nur elf bis zwölf Prozent« (Süddeutsche Zeitung).
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Dies ist doch eine Sport-Kolumne, oder? Ach so, ja, zurück zum Fußball. Und zur Eintracht. Nicht mehr ganz junge Leser wissen, dass der Untergang von »Fußball 2000« schon vor dem Jahr 2000 begann, nämlich 1994 mit der Verpflichtung des jungen Jupp Heynckes (den »alten« Heynckes habe ich später gebührend gewürdigt). Doch erst jetzt erfahre ich aus einem Zeit-Interview, dass damals Peter Neururer Trainer werden sollte. Sagt Neururer. Er sei wegen Überbuchung seines Fluges mit einem Tag Verspätung aus den USA zur Verhandlung nach Frankfurt gekommen, und da war »Jupp Heynckes schon Trainer«. Man stelle sich bloß vor, der Trainer »mit der meisten Ahnung in Deutschland« (Neururer über Neururer) hätte den Klub mit der noch höheren Selbsteinschätzung trainiert … die Fraktion Frankfurter Fußball-Fantasten (FFFF) wäre vollends ausgeflippt.
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Noch ein Wort zur Genderisierung im Sport, Stichwort Caster Semenya. Denkt man das Problem zu Ende, gäbe es keine zwei Geschlechter mehr im Sport, keine 50 und auch keine 2000, sondern mehr als sieben Milliarden. Denn jeder ist eine Klasse für sich. Nur gäbe es dann keinen Wettkampfsport mehr – beziehungsweise nur noch den Wettkampf mit sich selbst. Unrealistisch, aber mir menschlich sehr sympathisch. Wie so vieles in der Welt. Aber das ist ein anderes Thema und hat mit Sport eventuell nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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