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Montagsthemen (vom 10. Juli/hier die überlange Rohfassung

Ausgerechnet männermordendster Sport bringt meine Gender-Welt in Unordnung. Aber von vorn: Viele schöne Leistungen bei den deutschen Leichtathletik-Meisterschaften, vor allem auch im sogenannten »zweiten Glied«, aber fehlte in Erfurt nicht etwas? Nein? Dann aber nur, weil »Es« schon immer fehlte. Die Krone der Leichtathletik, und mit ihr die Könige der Athleten. Der Zehnkampf fehlt auch bei den großen Meetings, er existiert öffentlich eigentlich nur noch in Götzis oder Ratingen, ansonsten bleiben seinen Spitzenstars nur die Bühnen von WM oder Olympia. Selbst dort wird er aber an den Rand gedrängt, sein traditionelles, langwieriges und für den Laien schwer nachvollziehbares Punkte-Procedere passt nicht ins Event-Schema. Womöglich wird der Zehnkampf irgendwann sogar aus dem olympischen Leichtathletik-Programm ausgegliedert und davor oder danach separat über eine kleinere Bühne gehen, wie ein Moderner Fünfkampf, aber unter dem Namen Antiker Zehnkampf. Oder er wird komplett eliminiert, zugunsten eines neuen Ex-und-Hopp-Trendsports.
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Dass der schleichende und bezeichnenderweise ziemlich unbeachtete Niedergang des Zehnkampfs plötzlich aktuelle Schlagzeilen schreibt, hat er Paul Meier zu verdanken. Der ehemalige Weltklasse-Zehnkämpfer und heutige Präsident des deutschen Zehnkampf-Teams schlägt zur Auffrischung und Verschlankung unter anderem eine Reduzierung auf acht Disziplinen vor – was seine aktiven Nachfolger entsetzt aufstöhnen lässt, als würden ihnen, den männlichsten aller Männersportler, gleich zwei Glieder amputiert.
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Aber warum nicht? Warum nicht noch mehr Glieder? Warum kein Drei-, Vier- oder maximal Fünfkampf, Schlag auf Schlag, integrierbar sogar in ein Zwei-Stunden-Programm der Diamond League? Für das man sich, zur Ehre der Tradition, zuvor in einem echten Zehnkampf qualifizieren müsste? Der Möglichkeiten sind viele, moderate wie extreme. Wie sagt der »Leopard« im Roman von Tomasi di Lampedusa? »Wenn wir wollen, dass alles bleibt wie es ist, dann ist nötig, dass sich alles verändert.« Der alte sizilianische Adel tat es nicht und ging unter. Was tut der Zehnkampf-Adel?
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Wann ist ein Mann ein Mann? Fragen wir einen ehemaligen Stabhochspringer (Meier will diese Disziplin ebenfalls streichen). Er preist die Segnungen des Testosterons: »Ich spürte förmlich, wie sich überall Muskeln bildeten und wie sich deren Form und Struktur veränderten. Auffällig entwickelten sich meine Waden, der Stiernacken und die Oberschenkel. Ich nahm auch schnell zehn Kilo zu, und mein Unterhautfettgewebe verschwand. Obwohl ich nur noch etwa ein Drittel meines früheren Pensums trainierte, wurde ich viel, viel besser.« (2010/aus einem FR-Interview).
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Balian Buschbaum wurde also viel, viel besser als Yvonne Buschbaum, die vor ihrer Geschlechtsumwandlung eine der besten deutschen Stabhochspringerinnen war und der jetzt als Balian von den Wonnen des Stehend-Pinkelns schwärmt. Er genießt sein Leben als Mann, unter dem er als Frau gelitten hatte. Es ist ihm von Herzen zu gönnen. Ich erinnere auch nur aus aktuellem Anlass an seine Geschichte, denn in diesen Tagen ging das Ergebnis einer Studie der IAAF fast unter: Frauen mit hohem Testosteronspiegel haben einen Wettbewerbsvorteil bis knapp fünf Prozent gegenüber weiblichen Konkurrentinnen mit normalem Androgenspiegel.
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Anlass der Studie war Caster Semenya. Sie ist hyperandrogen, »hat eine Vagina, aber keine Gebärmutter, sondern im Bauch liegende Hoden« (Welt). In diesem vielschichtigen und menschlich so tief gehenden Fall verdeckte simples Freund-Feind-Denken lange Zeit die komplizierte Gemengelage und den sportlichen Knackpunkt, die Chancengleichheit. Um diese zu gewährleisten, gibt es überhaupt erst »Männer« und »Frauen« im Wettkampfsport (die unterschiedlichen Gewichtsklassen haben den gleichen Grund). Semenya lief zu Beginn furchteinflößende Zeiten und wurde Weltmeisterin, dann entdeckte man ihre genetisch weit überhöhten Testosteronwerte, ein Grenzwert wurde festgelegt. Semenya musste ihren Hormonwert pharmakologisch quasi runterregeln wie bei einem übermotorisierten Auto und lief nur noch hinterher. AktivistI*nnen sorgten aber dafür, dass das Sportgericht diese Regelung für zwei Jahre aussetzte, in denen eine wissenschaftliche Expertise erhoben werden sollte. Prompt lief Semenya wieder in die absolute Weltspitze. Jetzt ist die Studie da. Was nun?
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Traurig, aber wahr. Nicht überraschend für die sportliche Lebenserfahrung. Bittere Erkenntnisse für Feministinnen, schwierigste Problematik für den Frauensport. Von Yvonne zu Balian, das schien folgerichtig, ebenso wie Casters Berg- und Talfahrt. Warum aber meine Gender-Welt dennoch in Unordnung geraten ist: Als Bruce Jenner, Zehnkampf-Olympiasieger und Weltrekordler, dieses Bild von einem männlichen Mann, unter den Augen des weltöffentlichen Boulevards zu einer reifen Frau mutierte, staunte ich nur, wollte es nicht glauben, dachte eher an einen Publicity-Gag oder an eine geniale Veräppelung. Und nun lese ich, dass Robert Millar, ein (auch mein) Tour-de-France-Held vergangener Zeiten, der jahrelang aus der Öffentlichkeit verschwunden war, nun als geschlechtsumgewandelte Philippa York wieder aufgetaucht ist. Erst Jenner, jetzt Millar, erst der Super-Zehnkämpfer, dann der Super-Bergfahrer, beide Ikonen der Männlichkeit, beide jetzt Frauen. Sie müssen also schon als kernige Sportmänner sehr viel Frauliches an und in sich gehabt haben. Wie passt das mit unserer, mit meiner Leistungs-Theorie zusammen? Ich habe keine Ahnung. Ich staune nur.
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Fassungsloses Staunen auch bei den Bildern aus Hamburg. Geniale, aber gemeine Schlagzeile, gestern auf Bild online gelesen: »Scholz, der Tor zur Welt«. Nein, ist er nicht. Wir alle sind die Toren der Welt, weil wir diesem Unwesen (bitte nicht verwechseln mit: den Flüchtlingen) in unserer spätbundesrepublikanischen Dekadenz Tür und Tor geöffnet haben. Das ist zwar ein anderes Thema, hat aber mit Sport zu tun, denn ähnlich hobbykriminelle Hohls toben sich ja oft genug auch in der Fußball-Bundesliga aus. Käme kurz vor der Wahl noch ein islamistischer Terrorakt hinzu, gäbe es bei der ersten Hochrechnung ein böses Erwachen …
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Schleicht euch, ihr bösen Gedanken! Nach diesem sehr ernsten Thema zu guter Letzt eine weitere Fehlermeldung aus meinem fehlerreichen Kolumnisten-Leben. Am Samstag schrieb ich, Mehmet Scholl verdiene bei der ARD ungefähr 25 Millionen pro Monat, was zwei Leser per Mail anzweifelten. Zu Recht natürlich. Berichtigung: Scholl verdient nicht 25 Millionen im Monat, sondern 25 Fantastillionen. Pro Tag.
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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