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Dr. Sylvia Börgens: Biologisches und soziales Geschlecht

Die Dinge liegen so kompliziert, dass sie sich nicht in ein paar Sätzen abhandeln lassen. Ich will es trotzdem mal versuchen.
“Gender” ist die Bezeichnung für das soziale Geschlecht, also welche Verhaltensvorschriften wir als Gesellschaft Menschen machen, die als Mann oder als als Frau daherkommen. Hardcore-GenderistInnen gehen so weit, dass sie diese Vorschriften als (nahezu) ausschließliche Grundlage der beobachtbaren Verhaltensunterschiede von Männern und Frauen ansehen. Biologisch vorgebildete Wissenschaftspersonen (also auch ich) halten dies für Unsinn. Unbestritten ist, dass auf die biologischen Unterschiede noch Verhaltensmaßregeln aufgepfropft werden, z.B. “ein Junge/Mann weint nicht”. Dem ist, wo immer es geht, entgegenzuwirken.
Echte Intersexualität besteht da, wo ein Mensch zwar genetisch männlich ist (Chromosomenkombination XY), aber durch eine angeborene Stoffwechselstörung das Testosteron nicht an den Geschlechtsmerkmalen wirken kann (sog. testikuläre Feminisierung, s. den Wikipedia-Artikel). Dann kommen Babys zur Welt, die äußerlich als Mädchen erscheinen und so aufgezogen werden. Oft erst in der Pubertät stellt sich heraus, dass sie keine Eierstöcke haben, demnach unfruchtbar sind und von eher knabenhaftem Wuchs. Das vorhandene Testosteron lässt die Muskeln wachsen und steigert die Herzleistungsfähigkeit. So ein Fall ist Caster Semenya.  – Der umgekehrte, für den Sport relevante Fall wäre Chromosomenkombination XX, also genetisch Frauen, bei denen die Nebennierenrinde übermäßig viel Testosteron ausschüttet. Als Kinder schließen sie sich eher den Jungen an und machen bei deren wilderen Spielen mit (“Wildfang” sagte man wohl früher, englisch “tomboy”).
Von der biologisch verursachten Intersexualität sind alle Spielarten menschlichen Empfindens und Verhaltens zu unterscheiden, bei denen sich ein Mensch “im falschen Körper” fühlt. So war es wohl bei Balian/Yvonne Buschbaum, Caitlyn/Bruce Jenner oder Philippa York/Robert Millar. Mir fiel noch Dr. Renee Richards alias Dr. Richard Raskind ein, die nach der Geschlechtsumwandlung im Damen-Tennis mitmachen wollte, worin die anderen Damen eine erhebliche Wettbewerbsverzerrung sahen, denn der männliche Muskelansatz blieb ihr ja als Vorteil.

Dass Testosteron die körperliche Leistungsfähigkeit steigert, ist keine “bittere Erkenntnis für Feministinnen”. Echte Emanzipation werden wir erst dann erreichen, wenn jeder Mensch in seinem/ihren So-Sein als gleichberechtigt und gleichwertig anerkannt wird.

Soo verwunderlich finde ich nicht, dass kernige Sportsmänner die weibliche Seite in sich entdecken. Die strenge Trennung von männlicher und weiblicher Erfahrungswelt ist künstlich. Zuerst einmal sind wir alle Menschen. Die von mir sehr verehrte Lyrikerin Hilde Domin hat es auf den Punkt gebracht, als sie den FAZ-Magazin-Fragebogen so beantwortete: “Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einem Mann am meisten?” – Herz, Hirn, Rückgrat und die notwendige Portion Weiblichkeit! – “…bei einer Frau…” – Herz, Hirn, Rückgrat und die notwendige Portion Männlichkeit! (Dr. Sylvia Börgens, Dipl.-Psych./Wölfersheim)

Baumhausbeichte - Novelle