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Sport-Stammtisch (vom 8. Juli)

Mein lieber Herr Scholli! Für ungefähr 25 Millionen Euro im Monat als Fußball-Experte verpflichtet, sollte er – als ausgewiesener Laie dieses Metiers – beim Confed Cup auch über Doping in Russland dilettieren, also mit den Pawlowschen Hunden geifern, doch weigerte er sich, diese ihm artfremde Zusatzaufgabe zu erfüllen, maulte, das Thema öde ihn an, im Fußball bringe Doping sowieso nichts … und verschwand vom Bildschirm, wo der freundliche Herr Hitzlsperger für ihn einsprang, der Fußball-Mann für alle Fälle.
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Nun gibt es außerhalb der Pawlowschen Meute wohl niemanden, den Doping im russischen Fußball mehr interessiert als Reiskörner im nicht mal umkippenden Sack in China, und wer als Experte für flache Sechser und falsche Neuner engagiert wird, wundert sich zu recht, wenn er auch fachmännisch über falsche Fuffziger referieren soll. Die Fakten scheinen zudem für den Laien Mehmet zu sprechen: Wenn die komplette Nationalmannschaft der Russen gedopt war, muss Doping im Fußball ja sogar kontraproduktiv sein. Siehe die lange Liste der großen internationalen Erfolge des russischen Fußballs.
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Aber im Ernst: Natürlich ist es Quatsch, quätscher geht’s kaum, zu behaupten, Doping im Fußball bringe nichts. Dazu eine Runde »Wer bin ich?« außer Konkurrenz: »Ich kam als Supertalent, aber klein gewachsener, mickrig-schwächlicher Bub aus einem einzigen Grund nach Europa: Hier bekam ich eine sauteure Wachstumshormon-Kur spendiert, eine Manipulation mit dem Ziel, mich ein paar Zentimeter größer zu machen und dadurch meine Durchsetzungsfähigkeit im Fußball zu steigern. Kaum jemand brachte das mit Doping in Verbindung, obwohl der Einsatz von Wachstumshormonen in anderen Sportarten zu den schlimmsten Verbrechen zählt. Übrigens, die Kur hat gewirkt. Und wie!«
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Lionel Messi (ja, klar) wurde dennoch bestraft. Nicht wegen Dopings. Steuerhinterziehung. Die Strafe fiel milde aus, wahrscheinlich auch, weil die Richter erkannten, dass der Angeklagte im menschlichen Sinne völlig unschuldig war und keinerlei Ahnung hatte, was mit seinem Geld geschah. Er wollte und konnte doch nur (Fußball) spielen. Viel schlimmer kann es einem ergehen, wenn man als Superstar des Sports wähnt, auch als Geschäfts- und Finanzmann in der Weltspitze mitmischen zu können …
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Das Thema tut allen weh, die mit Bobbele groß geworden sind. Nehmen wir also ein anderes. Es gibt nämlich auch gute Nachrichten. Auch wenn’s ein Weilchen dauert. So wurde das olympische Dorf von 1936 gleich im Anschluss an die Spiele zum Ausbildungslager für Infanteristen, und nach dem Krieg übernahm es die Rote Armee, die es 1994 beim Abzug in einem maroden Zustand hinterließ. Das ehemalige Olympische Dorf in Wustermark verfiel immer mehr … bis an diesem Dienstag der erste Spatenstich für den Bau von 450 Wohnungen erfolgte, in denen die Gemeinde bald 3000 neue Bürger begrüßen will. Bald? Hoffentlich bälder als beim Flughafen-Bau.
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Die Spatenstich-Meldung lieh ich mir bei der FAZ aus, nur die Steigerung von bald zu bälder stammt von mir. Ein paar Seiten weiter, hinten im Wirtschaftsteil, lese ich in der FAZ, Becker »hatte auch Fiskusschulden zu bezahlen, da leihte er sich offenbar Geld«. Und wenn die FAZ leihen mit »leihte« ins Präteritum setzt, darf ich auch bald zu bälder steigern.
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Die Besserwisserei fliegt mir gleich um die Ohren. Aber vorher noch einmal kurz und schmerzhaft zu Boris Becker: Kann es wirklich wahr sein, dass er sich von einem englischen Milliardär 2,1 Millionen geliehen hat, zu einem Zinssatz von 25 Prozent im Jahr? Selbst ein Messi würde ihm davon abraten. Ich schrieb einmal, aus Boris Becker hätte, wenn er nicht solch ein wunderbarer Tennisspieler geworden wäre, ein tüchtiger und respektierter Filialleiter der Sparkasse Leimen werden können. Dort hätte er allerdings gelernt, dass man zu 25 Prozent Zinsen nicht leiht, sondern allenfalls verleiht. Und das auch nur als Kredithai, nicht als Sparkassen-Banker.
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Zur Besserwisserei. In den »Montagsthemen« erwähnte ich die russische Hündin im All, vergewisserte mich aber vorher, ob sie »Leika« oder »Leica« geschrieben wird. Nichts von beiden, googelte ich, »Laika« hieß sie natürlich. Und was schrieb ich dann wirklich? Dietmar Harbach (Gießen): »Leika?? Verflixt aber auch … da haben Sie die verschiedenen Schreibweisen noch gegoogelt und sich doch für die falsche Version entschieden.«  – Peinlich. Vor allem auch, weil ich in der folgenden »Ohne weitere Worte«-Kolumne das Impressum des Fachmagazins »textintern« kommentarlos veräppelte: »Druck und Vertrieb: Verlagsgesellschaft Ottensen UG (haftungsbeschrängt)«.
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Unser Leser tröstet mich in meiner Beschränktheit: »Trotzdem weiter so, denn Ihre Texte sind der Hauptgrund dafür, dass alle Werbeversuche einer konkurrierenden Zeitung immer wieder ergebnislos abprallen ;-))« – Danke. Sie lasen eine Kolumne von:
gw (haftungsbeschrängt)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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