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Montagsthemen (vom 3. Juli)

Das wahre Endspiel, das Finalissimo: DFB-Junioren gegen DFB-SoMa. – Na ja, stimmt nicht ganz. Das finalste Finale fand schon morgen statt. Morgen vor … Moment, mal ausrechnen: 4. Juli 2017 minus 4. Juli 1954 … 63 Jahren. Dreiundsechzig! Opas, wie die Zeit vergeht!
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Jetzt verabschiedet sich sogar Opa Ströbele in den Ruhestand. Hans-Christian, 78, lebt den Grünen auch sein eigenes Renteneintrittsalter vor. Und nicht nur das. Aber Politik spielt in unserer kleinen Sportkolumne keine Rolle, sondern mit Ströbele das finalissimoste Finale. Denn, wer hätte das gedacht, wenn er es nicht schon wüsste: Ströbele ist der Neffe des legendären Reporters Herbert Zimmermann und hält die Rechte an dessen Bern-Reportage. »Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen …« – wäre das Zitat nicht geschrieben, sondern O-Ton von Zimmermanns Radio-Ekstase, müsste ich Ströbele jetzt Tantiemen zahlen.
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Als Kind durfte das kleine Ströbelchen seinen Onkel sogar zu Interviews mit Fritz Walter und Sepp Herberger begleiten. Wem diese Gnade widerfuhr, der muss doch ein anständiger Deutscher geworden sein! Überhaupt scheint Grünen-Ultra Ströbele, und das ist meine Lieblingsgeschichte über ihn, ein Deutscher aus dem Vorurteils-Lehrbuch zu sein. Als dem passionierten Radler vor dem Reichstag das Fahrrad geklaut wurde, inklusive selbstgenähtem braunem (!) Sattelbezug, da wollte Ströbele, der Hardliner gegen Videoüberwachung, bei der Polizei die Video-Bänder  kontrollieren. Eine Story, so schön, dass sie hoffentlich stimmt, obwohl sie in der Bild-Zeitung stand.
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Wie der hoffentlich noch geneigte Leser merkt, erfüllen die Montagsthemen heute ihre Kernkompetenz, an den großen Themen haarscharf vorbeizuschrappen. Siehe Confed Cup. Bei ihm hatte ich ein kleines Och-jo?!-Erlebnis, als ich in einem Land-und-Leute-Artikel zum Veranstalterland las, dass das Wort »Blauer Planet« vom UdSSR-Kosmonauten Jury Gagarin kreiert wurde, der 1961 als erster Mensch im All war. Ist ja auch klar, fällt mir erst jetzt mit sehr langer Leitung auf: Niemand konnte zuvor gewusst haben, dass die Erde vom All aus so unfassbar schön blau aussieht. Oder konnten die ersten Sputniks schon vor Gagarin Farbfotos zur Erde funken? Glaube ich nicht. Ultralange Selfie-Stangen gab es auch nicht.
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Obwohl – eine wusste schon vor Gagarin, wie blau die Erde von oben ist. Sie konnte es uns nur nicht sagen. Beziehungsweise bellen. Leika. Das erste irdische Lebewesen im Weltall. Unsterblich geworden, weil sie zum Sterben in die Umlaufbahn geschossen wurde. Berühmt gemacht, um zu verglühen. Jetzt könnte ich menschliche Vergleiche ziehen, aber für Sonntagspredigten bin ich die falsche Besetzung, zumal am Montag. Ich bin schließlich keine Pfarrerstochter. Die vergangene Woche war für die berühmteste von allen sicher kein innerer RPT, auch kein … und hier hat der Leser das Wort. Stefan Seitz zum Sport-Stammtisch vom Samstag: »Bezüglich des inneren RPT hätte ich eine, mir als Pfarrerssohn geläufige, Variante anzubieten. Eine sicher nicht weniger umstrittene, dem Pietkong entstammende Formulierung eines ›inneren Missionsfestes‹. Und dieses sind mir eben immer wieder Ihre Beiträge.«
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Dankeschön dafür und für noch Schmeichelhafteres. Für Nachgeborene: Ein Pietkong ist kein falsch geschriebener Vietkong, sondern eine Schöpfung des wortgewaltigen Herbert Wehner, gemünzt auf den pietistischen Schwaben Erhard Eppler.
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Und die Tour? Sie begann mit einem Kraftwerk-Konzert vor 15 000 und einer Enttäuschung für Tony Martin vor … wie vielen Zuschauern? Wer weiß das schon bei solchen Veranstaltungen oder Demos. Da ist oft der Wunsch Vater der Zählung. Führe ich heute die Prolog-Strecke ab, hätte selbst ich in Düsseldorf gewaltige »Zuschauer«zahlen. Etwas wurde mir aber als fast echter (=Fernseh-)Zuschauer nicht klar: Warum wird, wenn schon aus PR-Gründen die Tour in Deutschland beginnt und Tony Martin unbedingt Gelb holen soll, das Zeitfahren angeblich auf ihn zugeschnitten, ist aber nur ein paar Kilometer lang? Da gibt es zu viele Unwägbarkeiten, als dass der beste Zeitfahrer automatisch gewinnen müsste. Eine längere Strecke  hätte den gewünschten Zweck besser erfüllt. Allerdings wären dann die Zeitabstände so groß, dass das Gelbe Trikot nicht, wie ebenfalls PR-eingeplant, in den ersten Tagen ständig wechseln würde.
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Na ja, nicht mein Problem. Aber noch einmal zu Leika, denn ihr Schicksal beschäftigte mich gestern mehr als der … nein, nicht mehr diese abschätzigen Töne. Also Leika: Ich vermute, wenn wir erst heute das All erkunden könnten und die ersten Satelliten nach oben schössen, würde es allenfalls Nordkorea wagen, einen Hund zum Verglühen an Bord festzuschnallen. Aber das ist ein anderes Thema.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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