Archiv für Juli 2017

Sonntag, 30. Juli, 6.45 Uhr

Vor ein  paar Tagen bin ich zufällig – wirklich! – auf einer Pornoseite gelandet. Wer an, was es auch geben soll, schmerzhafter Dauererektion leidet, für den gibt es nach meinen neuen einschlägigen Erkenntnissen ein sofort wirkendes Gegenmittel: Solch eine Seite anklicken, und der kleine Herr in Krieg und Frieden (war mal ein Titel von Zwerenz, glaube ich) gibt sofort Ruhe, rollt sich ein und verzweifelt als Winzling an der sexuellen Welt. Unansehnliche Männer und Frauen aus erkennbar unteren Bewusstseinsschichten, Typ Bahnhofspenner und Kollegin,  rammeln sich einen ab, jedwede Öffnung benutzend und missbrauchend, auf eine  derart abstoßende Art, dass jedem erotisch empfindsamen Zuschauer jeder Gedanke an Sex sofort und für mehr als ein Weilchen vergeht.

Jedes Kind kann mit einem Klick problemlos diesen Dreck anklicken, und ich dachte früher, das und die diversen Totmacher- und Ballerspiele führten zu Verrohung und innerer Verwahrlosung. Aber nun lese ich, dass unter Jugendlichen eine neue Keuschheit verbreitet sei, und da macht es bei mir Klick: Wenn ich mich in einen Jugendlichen versetze (und ich glaube, das kann ich gut), der von der großen Liebe träumt (tun sie doch immer noch alle, oder?) und der in dieser  aufregenden, geheimnisvollen, herzerfüllenden Zeit des Hoffens und Bangens noch vom  ersten Kuss, diesem weltbewegenden, welterschütternden Ereignis träumt und dann diesem ekelhaften, seelenlosen Treiben widerwärtiger Menschen zusieht, der muss sich fühlen wie jemand, der eine Klotür öffnet, die jemand abzuschließen vergessen hat, und plötzlich hautnah sieht und hört und riecht, wie dort jemand mit seinem Durchfall kämpft. Rummms! Tür zu und angeekelt nix wie weg!

Ob Homöopathie heilen kann, ist ja ein großes Thema. Na ja, auch Placebos können „heilen“. Aber das ist jetzt nicht das Thema, sondern: In der Homöopathie wird mit Verdünnung bis zur fast vollständigen Verdünnisierung gearbeitet.  Diese Pornos heilen mit der entgegengesetzten Methode. Mit buchstäblich vollem Rohr wird Dreck auf empfindsame Seelen gespritzt (ebenfalls buchstäblich), was immun dagegen macht und aus Abscheu das neue Pflänzlein Keuschheit wachsen lässt.

Oha. Da ist meinem angeschlagene Kopf (Familienfeier) in seinem frühmorgendlichen Rohzustand fast ein Wörtchen zum Sonntag entschlüpft. Für die Kanzel müssten nur ein paar derbe Wörter rausredigiert werden, und schon könnte sie in der Kirche gegenüber als erbauliche Predigt gehalten werden. Als Stein(es)bruch für die Montagsthemen taugt es aber nichts. Da muss ich andere Dinge „verhandeln“, zum Beispiel das „verhandeln“, das ich am Samstag als eins (oder eines?) der mich nervenden Modewörter vergessen habe. Eines (oder eins?) nervt mich dagegen nicht mehr: der „Narrativ“, zeitweiliges Lieblingsmodewort besserer schreibender Kreise, ist plötzlich spurlos verschwunden. Vermisst wird er oder das nicht.

Im dicken Kopf hat es der Flow schwer, da fließt er nicht, da bleibt er stecken. Leichte Panik, wenn ich auf den Themenzettel schaue. Voll wie Flasche leer. Ob das heute noch was wird? Schaun mer mal. Ma gucke. Bis dann.

 

 

Veröffentlicht von gw am 30. Juli 2017 .
Abgelegt unter: Blog – Sport, Gott und die Welt | Kommentare deaktiviert für Sonntag, 30. Juli, 6.45 Uhr

Sonntag, 23. Juli, 6.30 Uhr

Zum Füttern der Vögel früh raus in die klare, kühle Luft nach den Gewittern der Nacht. Auch mal schön. Gleich in den Meldungen der Nacht nachgelesen: Ja, überall waren Gewitter. Nicht nur direkt über meinem Kopf. Die grellen Blitze hatten mich geweckt, nicht der Donner. Sofort wälzte der schläfrige Kopf ein schweres Problem: Was tun, wenn der Kugelblitz durchs weit geöffnete Fenster ins Zimmer rollt? Darüber konnte ich lange nachdenken. So wach, das Fenster zu schließen, war ich aber nicht.

Vögel. Auch bei diesem Wort wabert immer ein vorpubertär gehörter Satz durch den spätpubertären Kopf: „Stewardessen fliegen durch die Luft. Vögeln gleich.“ Gab es wirklich mal einen Softsex-Film der späten Sechziger, fragt sich der später Sechziger, mit diesem Titel?

Vögel füttern. Mache ich zum ersten Mal in diesem Jahr auch im Sommer. Nicht an drei, wie im Winter, nur an einer Stelle. Sie futtern das Futter auch brav auf, bis auf den letzten Sonnenblumenkern. Sie nisten sogar direkt neben dem (natürlich selbst gebauten) Futterhäuschen im Gebüsch. Kleine Vögel. Kleiber? Keine Ahnung. Kenne mich mit Vögeln nicht aus … ehrlich, den Doppelsinn bemerke ich erst beim Schreiben. Noch mal: Mit Vögeln kenne ich mich nicht so aus, mehr als Amseln, Krähen, Elstern und Tauben kann ich kaum identifizieren. Doch, den Turmfalken erkenne ich auch, am Rütteln.

KKKK. Ein K hat sich seit einigen Wochen geändert. Zum Glück nicht Kaffee, Knicks und Kuss, sondern der Kuchen. Zu meiner großen Empörung hat der Bäcker, eine kleine lokale Kette, meinen geliebten Nussplunder aus dem Sortiment genommen. Den mit den vielen Riwweln (=Streuseln), dem Zuckerguss und der knackigen Umrandung. Den teigigen Inhalt habe ich immer herausgepuhlt, tranchiert und entsorgt. Zur Missbilligung der Allerliebsten meiner Zielgruppe. „Meine“ Bäckerei, die auch kurz im „Seemannsköpper“ auftaucht, hat noch mehr gesündigt: Erst geht „meine“ Helga in Rente, dann werden ihre drei mir ebenfalls ans gewohnheitssüchtige Herz gewachsene Kolleginnen peu a peu, aber jedes mal Knall auf Fall gekündigt, dann der Verlust des Nussplunders, und als auch noch meine beiden täglichen Käsestangen, wahrscheinlich aus Einsparungsgründen, Teigkonsistenz und Käsearoma sehr geschmacklos änderten, habe ich mich von meiner Bäckerei scheiden lassen, Jahre nach unserer Silberhochzeit. Jetzt bin ich einsam und heimatlos, und an meiner neuen Quelle, der Filiale einer anderen lokalen Kette bei uns im Supermarkt, fremdele ich noch. Die Damen dort kennen mich noch nicht, werden mich auch nie kennen, so wie Helga & Co., die meine Tüte schon gefüllt hatten, bevor ich kam, und die besorgt waren, wenn ich vergessen hatte, mich tags zuvor abzumelden.

Wie bin ich bloß auf Helga und meine Käsestangen-Tüten gekommen? Ich wollte doch nur das Vogelfüttern im Sommer thematisieren, über das die Gelehrten streiten, die Ornithologen. Aber das ist nun mal der Blog, Schreiben im schläfrigen Flow. Schnell noch die Stichworte auf dem Zettel: Stahl, Perkovic, Kolak, Niekerk, Bolt, also LA / Röhler, Hohn und das Steichholz, also ebenfalls LA / Olympia, Besserwisserei, Sublizenzen / Tour, Buchmann, Faltrad, drittbester Jungprofi / Fußball, Nagelsmann, Elegie / Frauenfußball-Delirium in der taz / Kempa, Frischauf, frühestes Fensehen / Paralympics: 177/47 und 528/306.

Zahlen für Experten. Sagen sie Ihnen etwas? ich habe sie gerade erst gegoogelt. Schluss jetzt, KKKK kommen.

Veröffentlicht von gw am 23. Juli 2017 .
Abgelegt unter: Blog – Sport, Gott und die Welt | Kommentare deaktiviert für Sonntag, 23. Juli, 6.30 Uhr

Samstag, 22. Juli, 16.30 Uhr

Es hat nur wenige Sekunden gedauert. Gestern, auf dem Rückweg nach längerer Tour in Wetzlar beim früheren Royal-Kino auf den Lahnradweg einbiegend, komme ich an einer Frau vorbei. Aus den Augenwinkeln fällt mir auf, dass mit ihr irgendetwas nicht stimmt. Ich bin schon an ihr vorbei, da setzt sich das Bild in der nächsten Sekunde in meinem Kopf zusammen: Sie geht unsicher, in sich gekehrt, leicht schwankend. Wirkt in der belebten Gegend mitten in Wetzlar wie ein Fremdkörper. Niemand beachtet sie. Wohl ein Junkie. Nicht weit von hier, unten an der Lahn, treiben sich Dealer herum, das weiß ich.

Nächste Sekunde, ich bin 20, 30 Meter weiter, kurz vor dem Domizil der Rudergesellschaft: Hat sie nicht geweint? Still vor sich hin geweint? Hat sie nicht die Hände vors Gesicht geschlagen? Wirkte sie nicht verzweifelt?

Nächste Sekunde: Ich wende, fahre die paar Meter zurück. Sehe sie sitzen, vor dem Ex-Kino, nun Anwaltskanzlei. Auf einem Bänkchen, einem Podest, was weiß ich, mein Hirn realisiert es nicht, ich sehe nur das Gesicht: tränenverschmiert. Dem Augenschein nach eine nicht mehr ganz junge Frau, vielleicht um die 40. Kein Junkie. Wahrscheinlich migrantische Wurzeln, vielleicht in zweiter oder dritter Generation. Schlank, unauffällige Kleidung. Offenbar, in anderer Situation, gut aussehend, vielleicht attraktiv. Keine Unterschicht. Integriert wirkend. In hoffnungslosem Schmerz versinkend.

Alles das reimt sich mein Kopf in der einen Sekunde zusammen, bevor ich sie frage: „Kann ich ihnen helfen?“ Sie reagiert kaum, blickt nicht hoch, wischt sich Schmodder und Rotz vom Mund und sagt, in akzentuiertem Hochdeutsch: „Nein. Ich will jetzt nicht reden. Danke.“ Und versinkt wieder in ihre eigene Schmerzenswelt.

Niemand hat die Szene beachtet. Die Menschen gingen an uns vorüber, an der derangierten Frau und dem alten Radfahrer. Der nickt der Unglücklichen noch einmal zu und fährt los.

Wie lange hat das alles gedauert? 15, 20 Sekunden? Höchstens eine halbe Minute. Seitdem muss ich immer wieder an diese Frau denken. Sie muss Schreckliches erlitten haben. Kam sie vom Arzt, mit einer katastrophalen Diagnose? Ist ihr Kind, ihr Mann gestorben oder schwer verletzt?

Ich werde es nie erfahren. Auch nicht, ob ich die Situation überinterpretiert habe.

Hätte ich insistieren sollen? Dennoch mit ihr reden? Hätte ich ihr helfen, ihr meine Hilfe aufdrängen sollen? Aber was für eine Hilfe? Was hätte ich zu bieten, um ihr helfen zu können?

Ich hoffe, ich habe mich getäuscht und ihr geht es gut.

 

Veröffentlicht von gw am 22. Juli 2017 .
Abgelegt unter: Blog – Sport, Gott und die Welt | Kommentare deaktiviert für Samstag, 22. Juli, 16.30 Uhr

Freitag, 21. Juli, 11.20 Uhr

So, fertig. Der Sport-Stammtisch ist leider ein Ausziehtisch geworden, aber heute habe ich keine Lust mehr, ihn noch mehr zu kürzen, als ich bereits getan habe. Liebe Jungs in der Redaktion (Mädels habt ihr ja immer noch nicht!), sorry. Mir hätte ich früher diesen Riemen um die Ohren geschlagen. Mich schützt die Ehrfurcht vor schneeweißen Haaren (alte Superschnulze von Camillo Felgen, Frank Elstners Mentor bei Radio Luxemburg – nur schneeweiße Haare erinnern sich).

Den Blog habe ich wieder einmal als Stein(es)bruch benutzt, ist ja auch einer seiner wichtigsten Lebenszwecke für mich. Wer parallel liest, erst den Blog und später die Kolumne, könnte darüber stolpern. Macht (mir) nichts. Mein oberster Grundsatz, im Gegensatz zum Zeitgeist: Wichtig ist nur, was in der Zeitung steht.

Wichtig ist aber auch, was bei mir am Hang und unten auf den Wiesen steht. Riesengewächse. Ist es Riesenbärenklau? Das giftige Zeug? Wo kommt das her? Früher war mehr Lametta, aber weniger Riesenbärenklau.

Veröffentlicht von gw am 21. Juli 2017 .
Abgelegt unter: Blog – Sport, Gott und die Welt | Kommentare deaktiviert für Freitag, 21. Juli, 11.20 Uhr

Sonntag, 16. Juli, 6.45 Uhr

Sooo großer Aufmacher in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: „Zu viel Zucker, Salz und Fett im Essen“. Sooo große Story im Spiegel über Boris Beckers Investments in Öl und Gas in Nigeria, als Beispiel für seine angebliche Unbedarftheit in Gelddingen. Boris und ich! Wir haben viel gemeinsam, angefangen bei den Haaren (Becker wird auch noch „blond“). Bei mir ist alles nur viele Nummern kleiner, vom Sport bis zum Geld. Und hier treffen sich nigerianisches Öl und Gas mit deutschem Zucker und Salz (Fett lassen wir mal außen vor). Denn auch ich habe investiert, bin Kleinaktionär von Südzucker und Kali+Salz. Seit vielen, vielen Jahren. Grund: Wenn alles zusammenbricht, dachte ich, sind ein paar Aktien dieser Lebens-Grundstoffe Gold wert. Und was passiert, seitdem ich Aktionär bin? Zucker und Salz werden verteufelt, die Kurse meiner Aktien haben sich peu a peu mehr als halbiert. Boris und ich haben einfach kein Glück.

Im Ernst: Als Kleinaktionär erlebe ich am eigenen Leib, wie das Sein das Bewusstsein bestimmt: Zwar weiß ich, was zu viel Zucker und Salz anrichten können, aber dennoch ärgern mich die Warn-Schlagzeilen, und die Umweltprobleme von Kali+Salz bei uns oben in Hessen … ach, längst nicht so schlimm. Aber richtig schlimm: Diese miesen Süßstoffe ohne Zucker!

Kleine Scherze erhalten die Freundschaft. Mit Leserinnen. Siehe Mailbox. Wie schön, dass ich mit meinem Jux und Dollerei auch Freude bereiten kann (siehe aktuelles Beispiel in der Mailbox). Allerdings lese ich jetzt auch, dass Humor, Sarkasmus und (Selbst-)Ironie sowas von out seien. „In“ sei … Pathos! Ausgerechnet Pathos. Das, was mir am wenigsten liegt. Wie gut, dass ich als altes Eisen mit solchen neuen Anforderungen nichts mehr zu tun habe.

Kleiner Spaziergang durch die Meldungen der Nacht: „Seespinnen pumpen Sauerstoff mit ihrem Darm durch den Körper.“ Na sowas! In der See pumpen Spinner andere Stoffe durch und aus ihrem Körper, aber das ist in manchen spanischen Urlaubsorten, so eine weitere Meldung der Nacht, bei Strafe verboten. Konkret: Wildpinkeln im Meer ist eine Straftat. Wobei die Beweislage aber sehr dürftig sein dürfte. Es sei denn, einer pinkelt schon in Strandnähe in knietiefem Wasser. Warum hat uns die Natur nicht mit Seespinnen-Sauerstoff ausgestattet, den wir durch und aus dem Körper spülen! Wie leicht könnten wir alle zu Umwelt-Aktivisten werden!

Noch so’n Ding: In Sotschi durften Touristen einen süßen, kleinen Panda-Bären streicheln. Gegen Geld natürlich. Sehr gute Investition, da könnten Boris und ich uns ein Beispiel nehmen. Allerdings kam jetzt heraus, dass der Panda ein Chow Chow war, ein zum Panda gebleichter Hund.

Ich würde die Betrüger nicht wegen Betrugs, sondern wegen Tierquälerei bestrafen. Pandas sind sowieso überschätzt.

Mal auf den Montagsthemen-Zettel schauen: Souvlaki tanzen, dazu die griechische Männergeschichte / Fußball für die Füße / Englands U19 / U21 und Frauen / Bolt und van Niekerk / Doping und Zungenküsse / 21,87 m, Storl! Widerlegt er meine Skepsis? Mir nichts lieber als das / Dazu vielleicht das Eine oder Andere aus dem eben geschriebenen Blog (muss es mal nachlesen, ist ja wie immer ohne Netz und doppelten Boden aus dem schlaftrunkenen Kopf gepurzelt und schon vergessen). Aber nie zu vergessen: o andras spai sa togiali, se theli stenochoria. Übersetzung nachher in den Montagsthemen. Bis dann!

Veröffentlicht von gw am 16. Juli 2017 .
Abgelegt unter: Blog – Sport, Gott und die Welt | Kommentare deaktiviert für Sonntag, 16. Juli, 6.45 Uhr