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Sport-Stammtisch (vom 1. Juli)

In der fußballlosen Zeit wird ziemlich viel Fußball gespielt, allen gefällt es, und unsere Junioren-Mannschaft und das SoMa-Team schlagen sich ja auch prächtig. Tolle Tore haben sie geschossen, Draxler zeigte einen netten Trick, und Goretzka könnte in der Tat ein neuer Khedira werden. Damit lasse ich es bewenden, denn ich bin kein geschmeidiger Wendehals, bleibe bei meiner Meinung zur Relevanz und Problematik des Confed Cups, will aber kein penetranter Besserwisser sein. Finaaale! Aber Vorsicht: Die Chilenen werden hochtätowiert sein!
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Kleiner Scherz, leider nicht meiner, denn den feinen Gag über Vidal & Co. habe ich im Tweet eines mir Unbekannten gelesen. Chapeau! Das wäre mir gerne selbst eingefallen.
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Auch von Jan Ullrich kommt ein überaus hübscher Spruch. Die (nicht ernst gemeinte) »Bild«-These, er werde eines Tages Präsident des Radsportverbandes, wies er zurück: »Ausgeschlossen. Ich habe keine Ahnung, wie man das Amt gut ausübt. Präsident Rudolf Scharping übrigens auch nicht.«
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Diese Schlagfertigkeit hätte ich dem nicht gerade zungenflinken Ulle nicht zugetraut. Hatte er einen Ghostsprecher? Falls nicht, ziehe ich zum zweiten Mal den Hut, den ich nie besaß. Scharping war einer der größten Ullrich-Fans, suchte fast peinlich aufdringlich die Nähe des Bewunderten, ließ ihn dann aber sofort fallen und mimte den schwer Enttäuschten, obwohl er als angeblicher Rad-Experte wissen musste, was Sache war. Nun startet die Tour, große Doper der Vergangenheit machen ihre Aufwartung und werden hofiert, wie Virenque, mit dessen Festina-Affäre alles begann, nur einer bleibt verfemt. Deutsche Doping-Verhältnisse.
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Da ist der Ulle-Spruch über Scharping für mich fast ein innerer Reichspar… (Zwischenruf Kathrin Müller-Hohenstein: »Lass es, das gibt Ärger!!) … nee, KMH hat recht, ich mach mich hier doch nicht zum Affen! Das überlasse ich anderen. Vor allem denen, die Tom Bartels Rassismus unterstellen. Für alle, die es nicht gehört und gesehen haben: Als Rüdiger sich nach einem leichten Schubser scheinbar schmerzgekrümmt am Boden wälzte, flapste der ARD-Kommentator kritisch, der Spieler solle sich doch nicht zum Affen machen. Und schon geiferten die auf »Rassismus!« konditionierten neuen Pawlowschen Hunde wie Pitbulls auf das Kommando »Fass!«.
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Hätte sich – sagen wir mal – Kimmich theatralisch am Boden gewälzt, wäre niemand auf die Rassismus-Schnapsidee gekommen. Doch wer »Affe« hört und sogleich mit Rüdigers Hautfarbe assoziiert, macht sich nicht nur selbst zum Affen, sondern riecht auch verdächtig nach jenem demonstrativen Anti-Rassismus, der schließlich auch nur eine Abart des Rassismus ist. Jenes »positiven Rassismus« nach Gutmenschen-Art, von dem einmal eine dunkelhäutige deutsche Spitzensportlerin berichtete, die es genoss, der es aber auch auf den Keks ging, dass sie in der Schule mit Samthandschuhen angefasst wurde und sie sich fast alles erlauben konnte, weil die Lehrer Angst hatten, ihnen könnte nach Strafen oder schlechten Noten Rassismus unterstellt werden.
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Noch ein Wort zum Confed Cup. Da schoss  Fabian ein Traumtor, und auch zwei andere Frankfurter mischen mit. Niklas Süle und Emre Can. Beide sind gebürtige Frankfurter, beide spielten jeweils drei Jahre in der Eintracht-Jugend. Gelandet sind sie bei Bayern München und dem FC Liverpool. Schön für sie, schlecht für die Eintracht. Aber vielleicht unumgänglich. Nur: Warum hat man Süle und Can nach der Jugend nicht wenigstens zwei, drei Jahre in Frankfurt halten können?
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Ach ja, die Eintracht. Auf sie wartet eine schwierige Saison. Zumal diesmal nicht schon zwei Absteiger vorab feststehen. Es gab und gibt Abgänge und Verletzte der schmerzhaften Art, dazu die atmosphärischen Trübungen rund um Alex Meier. Ihm geht es wie schon vielen ganz Großen (und in Frankfurt ist er ein solcher), die nicht einsehen wollen, dass ihre Zeit vorüber ist. Das kann eine explosive Gemengelage geben, wenn Meier schmollt, es bei der Eintracht nicht läuft und die Fans nach ihrem »Fußball-Gott« rufen. Aber ich will nicht unken. Oder, wie einst ein junger Eintracht-Fan an meiner Seite ausrief: »Wer zuletzt lacht – Eintracht!«
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Zuletzt lachen auch die Befürworter der Ehe für alle. Aber keine Angst, in diese noch viel explosivere Gemengelage mische ich mich erst gar nicht ein. Ich beobachte nur am Rande der Debatte einen geschlechtsunabhängigen Paradigmenwechsel. In meiner aufmüpfigen Jugendzeit galt die Ehe als Fossil aus und in repressiven Zeiten und das ganze Procedere als Brimborium von Spießern. Und heute: Große Konventionen, langwierige Vorbereitungen, Junggesellenabschiede, Hochzeitsplaner, aufwendigste Feierlichkeiten, festlichste Bekleidung. Mit dem Abitur ist es übrigens ähnlich. Und auch, wenn ich den Bogen mal sehr, sehr weit (über-)spanne, mit dem Confed Cup.
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Ich kritisiere es nicht. Ich sag’s ja nur. Und als kürzlich ein mir sehr nahe stehendes junges Paar getraut wurde, ließ ich mich sogar komplett neu einkleiden, denn im Kleiderschrank fand ich weder Anzug noch Krawatte. Also ließ ich mich von Kopf bis Fuß kostspielig ausstaffieren, sogar mit Einstecktuch (auch teuer!). Und kein Tom Bartels sagte zu mir: Mach dich doch nicht zum Affen! (gw)
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(www.anstoss-gw.de gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle