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Sport-Stammtisch (vom 24. Juni)

Da hat er als Trainer und Kommentator endlich die Kurve in ein seinen Fähigkeiten angemessenes Leben gekriegt, und schon holt ihn die Vergangenheit ein. In der hatte er auf verschiedenen Feldern dilettiert, als Ulknummer öffentlich verlacht oder als Geschäftsmännlein verspottet. Und jetzt die Bankrott-Schlagzeilen. Seit seinem 18. Lebensjahr war das Leben für Boris Becker nie einfach. Wer von Empathie nicht nur spricht, sondern sie fühlt, der spottet nicht. Ceterum censeo: Boris Becker war ein wunderbarer Tennisspieler.
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Wenn Sie, liebe Leser (und erst recht ich), als »siebzehnjährigste Leimener« im medialen Super-Hype aufgewachsen wären – wie hätten wir das verkraftet? Vermutung: Auf der nach oben offenen Peinlichkeits-Skala müssten für uns neue Superlative erfunden werden. Gut möglich, dass wir dem gleichen Trugschluss wie Boris unterlegen wären, auch nach dem Tennis immer und überall die Nummer eins zu sein.
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Ohne seine Tennis-Einmaligkeit lebte Becker heute vermutlich still und zufrieden als Sportlehrer oder als tüchtiger Filialleiter der Leimener Stadtsparkasse. Doch das »Siebzehnjährigste« änderte alles. Ich weiß noch, wie einige sehr erfolgreiche Exsportler von einem neuen Lebensziel schwärmten: Anschluss an die Becker-Entourage zu gewinnen und dann mit Boris um die Häuser dieser Welt zu ziehen. Der eine oder andere hat es geschafft. Mein bester Freund nicht. Namen tun nichts zur Sache.
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Schlimm auch, wie Richterin und Verteidiger über Boris Becker sprachen. Dass sein Mandant »keine Erfahrung« in Geschäftsdingen habe, ist eine Ohrfeige für Beckers Selbstwertgefühl, ebenso die richterliche Wertung, er habe den Kopf zu lange in den Sand gesteckt. Man könnte den Wortlaut noch ärger interpretieren: »Bury his head in the sand« – hat er den Kopf im Sand beerdigt? – Das Wort gibt es also auch im Englischen, und die Richterin hat es korrekt benutzt, im Gegensatz zur Fußballer-Floskel, die signalisieren soll: Wir müssen kämpfen, kämpfen, kämpfen. Der Spruch kommt aber von der »Vogelstraußpolitik«, bei Gefahr den Kopf in den Sand zu stecken und zu hoffen: Was ich nicht sehe, das gibt es auch nicht, also auch keine Gefahr, in der ich schweben könnte.
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Apropos Fußball. Ich war drauf und dran, meinen Vorsatz zu brechen und nun doch einmal dieser seltsamen Veranstaltung in Russland fernsehend beizuwohnen, da verhagelte mir ein Unwetter pünktlich zum Chile-Spiel buchstäblich den Bildschirm. Ich nahm es als Zeichen von oben, schaltete aus und nicht wieder an. Habe ich was verpasst?
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Gerne gesehen hätte ich den Dunking von Mats Hummels. Der Münchner hat seinen ehemaligen BVB-Kumpel Aubameyang im US-Urlaub besucht, ein Basketball-Spielchen mit ihm gemacht und dabei einen »Stopfer« gezeigt. Heißt es. Hummels ist zwar immerhin fußball-unübliche 1,91 m groß, aber dennoch: Respekt! Prima Sprungkraft. Oder war der Korb von 3,05 m auf Torlattenhöhe heruntergeschraubt?
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Zu Hause in München haben sie andere Sorgen. Der FC Bayern bekommt ein neues Logo – und kaum jemand erkennt den Unterschied zum alten. Ich auch nicht, obwohl in der Süddeutschen Zeitung beide zum Vergleich gegenübergestellt werden. Nur ausgefuchste »Wer erkennt den Unterschied«-Bildrätsler sehen, dass im neuen Logo sieben statt acht Rauten stecken, um »exakt fünf Grad verändert«, und dass das Rot »um eine Nuance reduziert« und das Blau »um einen Tick intensiver erscheint«. Außerdem wurden die »Proportionen der Buchstaben M und C« (SZ) verändert.
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Wenn im Sommerloch keine »Nessie« mehr auftaucht (wo steckt sie bloß?), dann wenigstens ein Bayern-Logo. Oder ein Hummels-Dunking. Echte »Hämmer« dagegen tauchen unter. Und das nicht wegen des spezifischen Gewichts von Eisen, denn »der Hammer« sind in diesem Fall Blutbeutel. Die könnten schwimmen wie Quallen, aber wie diese fasst sie niemand gerne an. Von daher könnte es sogar als fürsorgliche Maßnahme gelten, dass ein spanisches Gericht das endgültige Urteil gefällt hat, die im Rahmen der »Fuentes«-Affäre sichergestellten Blutbeutel nicht freizugeben. Großes Aufatmen bei Real, Barca, überhaupt im ganzen höchst erfolgreichen spanischen Spitzensport. Und die Unmoral von der Geschicht’: Nicht den letzten, nicht alle anderen großen Namen, nur den ersten beißen die Doping-Hunde. Und das ist das Allerletzte. Name? Kennen sie.
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Noch einmal zum Sand, den man nicht in den Kopf stecken darf (Lothar-Matthäus-Variante). In Uwe Tellkamps »Der Turm«, vor zehn Jahren ein großer Bestseller, erklärt »Onkel Meno« das geflügelte Wort kurz und treffend: Der Strauß »steckt den Kopf in den Sand und wartet, da er glaubt, dass niemand ihn sehen könne. Denn er kann ja auch nichts sehen.« Was man so ähnlich auch bei manchen Menschen beobachten kann, wenn sie die Straße überqueren: Schauen nach links, sehen dort ein Auto kommen, wenden den Kopf demonstrativ ruckartig nach rechts, damit der Fahrer auch ja sieht, dass sie ihn nicht sehen – und marschieren los.
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Ich halte mich lieber an ein japanisches Sprichwort, zumal es auch als Götz-Variante durchgehen kann: »Wenn man den Kopf in den Sand steckt, bleibt der Hintern zu sehen.«  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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