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Sonntag, 18. Juni, 6.30 Uhr

Aus den Meldungen der Nacht erfahre ich, wie “die Plattbauchspinnen ihre Gegner ausschalten” und dass sich “ein für den Feuersalamander tödlicher und hochansteckender Hautpilz” in Deutschland ausbreitet. Mein Feuersalamander-Rätsel wird aber nicht gelöst: Es gibt seit einigen Jahren jeweils ein, zwei Wochen im Jahr, an denen ich beim Morgenspaziergang mit Hund auf einem Feldweg und immer an der selben, nur zehn, zwanzig Meter langen Stelle an etwa einem Dutzend toter, platt(gefahren?)er Feuersalamander vorbeikomme, großen und kleinen, vermutlich also allen Alters. Was ist da los? Ich werde es vermutlich nie erfahren.

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung erscheint heute früh scheinbar mit dem Ehrgeiz, die Bild-Zeitung vom Samstag in Sachen Kohl noch zu übertreffen. Das ganze Blatt voll über den “Pater Patriae” (Schlagzeile auf der Titelseite). Etwas übertrieben, auch der pater patriae. Obwohl ich zu den Menschen zähle, die Kohl nie unterschätzt und an ihm vor allem geschätzt haben, dass er ein absoluter Zivilist war (im Gegensatz z.B. zu Weizsäcker, Schmidt & Co.). Überhaupt finde ich, dass die ehrlichste, beste und vor allem kürzeste Würdigung Kohls von mir stammt: “Wer ihn unterschätzt wird überschätzt.” Stammt von mir? Na ja, das ist keine Hybris, sondern fast die Wahrheit. Die geniale Sentenz habe natürlich nicht ich erfunden, ich habe sie nur öffentlich weitergeleitet, in Form eines Exklusivbeitrags in unserer Zeitung über den großen Philosophen Odo Marquard (jahrzehntlang in Gießen tätig und wohnend), der schon zu Zeiten, als alle intellektuelle und sich so wähnende deutsche Welt Kohl noch als “Birne” verspottete … oh, wie kriege ich den Satz grammatisch korrekt zu Ende? Da muss ich im Sonntagmorgenblog, dem ohne Netz und doppelten Boden geschriebenen, ausnahmsweise mal kurz innehalten und zum Anfang des Satzes scrollen … ach ja, so geht’s weiter: … in dem zur Artikel-Serie “Die andere Seite von …” gehörenden “Gießener Fragebogen” auf die obligatorische Frage nach Kohl eben jene lakonisch-geniale Antwort gegeben hatte. Hoffentlich ist der Satz damit korrekt beendet. Noch einmal scrolle ich nicht zurück.

Apropos Kohl. Gestern war ich zu Gast bei einer Geburtstagsfeier eines entfernten Verwandten im Oberbergischen. Dienstverpflichtet von einer ihm näher Verwandten und der mir Allernächsten. Drei Viertel der 40 Gäste waren älter, als Kohl geworden ist. Die meisten putzmunter. Und wie sie essen und trinken konnten! Es begann mit einem Sektempfang. Anschließend verputzte jeder einen großen Salat- und Obstteller. Es folgte ein sehr deutsches Mittagessen mit Schweinebraten, Salzkartoffeln und Blumenkohl. Mit Nachschlag für alle, auch beim Schweinebraten. Zum Nachtisch ein großes Eis mit Erdbeeren und Sahne. Nahtlos ging es über zum Kaffee mit diversen Kuchen- und Tortenplatten. Zwischendurch machten einige der Greise (und vor allem der Greisinnen!) ein Zigarettenpäuschen. Ich war baff und platt und pappsatt, obwohl ich vergleichsweise nur wie ein Mäuschen knabberte und nippte. Beim Abschied packte einer schraubstockartig meine Hand, zerdrückte sie fast und fragte, unentwegt meine Hand schüttelnd, wie alt ich sei. Ich: bald 70. Er hohnlachte, ich Kind sei 23 Jahre jünger als er. In dem Moment fühlte ich mich mindestens 23 Jahre älter.

Wie machen die das bloß dort am Ende meiner Welt, in diesen engen Tälern? Mir fiel schon bei der Fahrt an den Ortsschildern auf, dass hier viel und erfolgreich Leichtathletik und Handball getrieben wurde (Gummersbach, Derschlag, Waldbröl usw.), aber kein Fußball. In den engen Tälern ist nun mal kein Platz für Fußballplätze. Aber Handball! Und da fiel mir die gigantische Bosheit in der “Zeit” ein, die ich vor Jahren an unsere mittelhessische Handball-Hochburg weitergab und die dort für höchste Empörung sorgte. Ich klicke mal schnell in mein Archiv … Handball, Zeit als Stichworte … Moment … ah, hier ist es:

Wolfram Eilenberger, ist Chefredakteur des Philosophie-Magazins und von der deutschen Handball-Freude derart angeekelt, dass er sich in einem Beitrag auf Zeit online ausko … sorry, übergeben muss. »100 Prozent kartoffeldeutsche Leistungsbereitschaft« widern ihn an. Nur Weiße im Team, niemand mit Migrationshintergrund … pfui bäh! Zum Beweis spuckt er die Vornamen der Spieler aus: Hendrik, Finn, Erik, Christian, Steffen, Jannik, Niclas, Steffen, Fabian, Simon, Tobias, Johannes, Carsten, Andreas, Rune, Martin. Sie sind für Eilenberger »die gesellschaftlich-politische Alternative« für Deutschland, denn »wenn Fußball Merkel ist, ist Handball Petry«.   *    Wenn ich mir vorstelle, ich hätte das Pamphlet geschrieben … es wäre finaler Masochismus. Aber vielleicht ist das ja die Erklärung – Eilenberger schreibt in der elitären Zeit, nicht in dieser Kolumne aus dem Handkäsland. Die Zeit  pflegt damit ihre Verachtung für den Handball, den sie schon früher als »Sport für Bauerntölpel« denunzierte, als »brutale Freizeitbeschäftigung für Grobmotoriker. Ein Sport, bei dem man hauptsächlich feste werfen muss, und anscheinend wirft man besonders fest in der deutschen Provinz. Die anderen Spiele dort heißen Freiwillige Feuerwehr oder Kaninchenzüchten.«

 

Weia. Hätte ich diese Häme gestern zum Besten gegeben (die alten Leutchen führten harmlosere Sketche vor), der 93-Jährige und seine Kohorte hätten mich windelweich geprügelt.

Heute bin ich wieder zu Gast bei einem Geburtstagstagskind. Über 80 Jahre jünger als das gestrige, das 90 wurde. Hoffentlich kann ich als alter Opa ruhig und unbeachtet in der Ecke sitzen, unbehelligt von Kaffee- und Kuchen-Aufdrängern.

Sie lasen soeben einen  Stegreif-Essay über Vitalität.

So, und nun Gedanken frei für die Montagsthemen. Nein, halt, vorher noch eine Nicht-Meldung aus der wg. Pappsattigkeit schlaflosen Nacht. Bis um drei, halb vier wummerte Musik aus zwei verschiedenen Richtungen ins Zimmer. Im Hinterland wurde viel und feste gefeiert. Dann war Ruhe. Sie machten sich wohl auf den Heimweg. Nach einer Viertelstunde gingen die Sirenen im Dorf los. Nach einer weiteren Viertelstunde dröhnte ein Hubschrauber über mir und toste gen Hinterland. Dann  noch einer. Ich fürchte, meine Vermutung wird sich bestätigen, wenn ich morgen den Kreisteil unserer Zeitung lese.

Jetzt aber wirklich … Montagsthemen … was soll ich bloß schreiben? … noch keine Ahnung … same procedure as every sunday morning.

 

Baumhausbeichte - Novelle