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Montagsthemen (vom 19. Juni)

Nasowas-Cup. Heute Auftaktspiel in Russland gegen Australien. Sportlich so belangvoll wie ein Körnchen im Sack Reis, der in China umfällt. Aber nicht für den Bundestrainer. Dessen Personalpolitik wird laut Umfrage von einer großen Mehrheit in Deutschland abgelehnt. Von mir nicht. Denn ehrgeizige Randständler an der Nationalelf schnuppern und die Stammspieler in Ruhe zu lassen, das ist das einzig Sinnvolle an der ansonsten überflüssigen Geschichte.
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Öffentlich-rechtlich werden wir heute noch einmal grundversorgt. Im Zweiten sitzen wir bei diesem Thriller in Sotschi in der ersten Reihe. Bei den Pillepalle-Spielen der Champions League demnächst nirgendwo mehr.
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Und das ist auch ziemlich richtig so. Denn ohne Grundversorgungs-Häme und Pillepalle-Ironie stelle ich die gar nicht so harmlose Frage, warum alle deutsche Fußballwelt den  selbstverständlichen Anspruch pflegt, große Fußball-Kunst müsse für jeden kostenlos zu haben sein. Wobei »kostenlos« für fußballferne Zwangsgebührenzahler, speziell aus meiner liebsten Zielgruppe, sowieso der blanke Hohn ist. Warum nicht gleich alle große Kunst und Kultur live und für lau im Fernsehen? Oder zum Beispiel die Premiere des nächsten Film-Blockbusters?
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Uns Fußball-Monokulturisten bleibt immerhin ein Trost, den ich gerne spenden will: Der Werbewert pro Champions-Lague-Saison liegt bisher bei über 80 Millionen Euro in den wenigen frei empfangbaren Spielen im ZDF und nur bei knapp neun Millionen für alle (und das sind wirklich alle) CL-Partien bei Sky (Quelle: »Finanzen«-Teil der Welt). Werbe-Großkunden sowie Trikot- und sonstige Sponsoren werden schon noch dafür sorgen, dass ihre Fantastillionen nicht in teuren Nischen versenkt werden, in denen nur bezahlfreudige Fußballfans hocken.
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Daher wird die Fußball-Blase zwar irgendwann einmal platzen, aber nicht schon in früher Zukunft. Wer die Blase aufpumpt, lässt aus der zu prall werdenden ein bisschen Luft raus, denn zum Platzen ist die Blase zu wertvoll. Daher: Wartet nur ein Weilchen, dann gibt es appetitanregende kleine Sub-Lizenzen für die Öffentlich-Rechtlichen.
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Gestern war ich zu Gast bei einer Geburtstagsfeier im Oberbergischen, was in dieser Kolumne natürlich überhaupt keine Rolle spielen sollte. Aber auf der Fahrt ans Ende meiner Welt und dort durch enge, dunkle Täler dachte ich an eben dieses Thema: Fußball und Fernsehen. Schon die Ortsschilder signalisierten meinem Kurz- und Langzeitgedächtnis, dass hier viel und erfolgreich Leichtathletik und Handball getrieben wurde (Gummersbach, Derschlag, Waldbröl usw.), aber kein Fußball. In diesen zusammengequetschten Tälern ist nun mal kein Platz für Fußballplätze. Wie hoch hier wohl die Einschaltquoten sein mögen und wie groß der Ärger über die Vernachlässigung von Handball und Leichtathletik?
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Nur scheinbar ein ganz anderes Thema: Helmut Kohl. Unter den vielen Elogen (manche lagen schon lange als Pflichtübungen für den Fall der Fälle bereit), fehlte eine. Die beste und kürzeste. Als mir der große Philosoph Odo Marquard, der jahrzehntelang in Gießen wirkte, ein exklusives Gespräch für unsere Zeitung gewährte, bat ich ihn auch um seine Meinung zu Helmut Kohl, den damals noch als »Birne« verspotteten. Der ebenso liebenswürdige wie scharfzüngige Marquard: »Wer Kohl unterschätzt, wird überschätzt.« – Gilt übrigens  für alle überheblichen Unterschätzer.
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Apropos Kohl. Drei Viertel der Geburtstagsgäste waren älter, als Kohl geworden ist. Die meisten putzmunter, mit gesundem Appetit, einige noch sehr trinkfest, und manches (auch weibliche) alte Krüstchen rauchte genüsslich. Beim Abschied musste ich wieder an frei bezahlbaren Sport im Fernsehen denken. Es gibt ihn noch, und er ist die neue Königsdisziplin. Dieser Wettkampf, sagt ihr neuer Champion, »ist ein Moment der Wahrheit«, in dem man »zeigen muss, dass man keine Zugeständnisse macht«. Es geht um »die politische Variante des Armdrückens« (Die Zeit), in der Trump jüngst von seinem Herausforderer Macron vernichtend geschlagen wurde.
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Händeschütteln heißt dieser Trendsport. Und ich habe wieder einmal verloren. Beim Abschied packte ein Greis meine Hand, schraubstockartig, zerdrückte sie fast und fragte, unentwegt meine Hand schüttelnd, wie alt ich sei. Ich sagte es ihm. Er hohnlachte, ich Jungspund sei 23 Jahre jünger als er. In dem Moment fühlte ich mich mindestens 23 Jahre älter als der 93-Jährige. Aber das ist ein anderes Thema. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle