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Sport-Stammtisch (vom 17. Juni)

Der ganz normale Fußball-Wahnsinn. Ein junger Franzose, dessen Namen noch kaum jemand unfallfrei schreiben kann (ich sowieso nicht), kostet 42 Millionen Euro – dafür kann man schon ein paar Gucci-Handtaschen kaufen (das ist ein anderer Wahnsinn, aber ich will nicht abschweifen). In Dortmund stellen sie Aubameyang für 70 Millionen ins Schaufenster – wie es momentan aussieht: als überteuerten Ladenhüter. Die Champions League verschwindet im Bezahlfernsehen (aber nicht komplett, wetten!?), ein gewisser Confed Cup wird hochgejauchzt, alle pusten die Blase auf … aber bevor sie platzt, reißt den Lesern der Geduldsfaden mit mir – nicht schon wieder diese Töne!
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Ich habe verstanden. Heute also nichts zum Thema Fußball und Blase. Zwei Kollegen bringen mich auf andere Ideen. Zum einen der große Kolumnist Harald Martenstein im Zeit-Magazin, zum anderen der von mir besonders geschätzte »chh« in unserer Zeitung. Dort berichtet er von einer neuen Verletzungsart in England, der »Avocado-Hand«, juxt über die Briten, die weder Elfmeter schießen noch Avocados schneiden können – und schneidet sich beim Avocado-Würfeln prompt selbst in den Finger.
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Schon fallen mir weitere Verletzungsgefahren im Gourmet- und Gourmand-Alltag ein. Wissenschaftlich belegt sind das blaue Champagnerkorken-Auge und die Beefburgerwunde. Durch unvorsichtiges Hantieren mit der Flasche beim Öffnen bzw. mit dem Küchenmesser beim Trennen von gefrorenen Hamburger-Scheiben. Echt wahr!
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Auch Kollateralschäden gibt es, im Fußball als »Knie-Syndrom« bekannt. Als ein Profi aus Cottbus mit dem Kopf gegen das Knie eines Trierers prallte und drei Zähne verlor, musste auch der Trierer ausgewechselt werden: Er fiel in Ohnmacht, als er bei der Suche nach den Zähnen sah, dass sie in seinem Knie steckten.
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Männer sind halt Weicheier. Das erinnert mich an eine Doktorarbeit aus den 70er Jahren. Titel: »Penisverletzungen bei Masturbation mit Staubsaugern«. Daraus wurde sogar auf deutschen Bühnen vorgelesen, wobei es Ohnmächtige gab – ausnahmslos Männer. Bei den betont sachlichen Lesungen war von einem schnell drehenden Rotor die Rede sowie von Verletzungsmerkmalen wie »zerfetzt« und »zerrissen« … Hallo! Was ist? Nachbarin, gebt ihm Euer Fläschchen!
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Erholsames Intermezzo mit Sauglatismus. Der hat nichts mit dem Staubsauger-Syndrom zu tun, sondern mit Sport, Fitness und dem Schweizer Werner Kieser, der in seinen Trainingsstudios die Reduktions-Theorie praktiziert: »Training. Dazu Wasser trinken. Danach Duschen. Aus. Es braucht so wenig.« Alles drumherum ist für ihn »Sauglatismus«, denn »so nennen wir in der Schweiz verzierten Schwachsinn«.
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Und damit zum Nobelpreis. Zum Ig-Nobelpreis (von »ignobel« = unwürdig) allerdings, über den ich bei Martenstein erfahre, dass er vor drei Jahren einem Forscherteam verliehen wurde, »das aus dem Stuhl von Säuglingen Wurst hergestellt hat«.
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Ha! Da kann ich den Meister aller Kolumnen-Klassen ausnahmsweise mal übertrumpfen, denn in all den Jahren hab ich unsere Leser schon über manche mindestens ebenso aparte Ig-Nobelpreise informiert. Zum Beispiel, dass Stripperinnen an ihren fruchtbaren Tagen das meiste Trinkgeld bekommen, dass Coca-Cola bei intravaginaler Einnahme ein perfektes Verhütungsmittel ist und dass sich Heringe bei Gefahr durch unterschiedlich langes und lautes Furzen verständigen.
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Auch der Sport kam beim Ig-Nobelpreis nie zu kurz. Preiswürdig war schon, dass Flöhe, die auf Hunden hausen, höher springen als Katzenflöhe, und warum bei Joggerinnen mit Pferdeschwanz dieser horizontal pendelt, obwohl der Kopf sich vertikal bewegt.
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Mag sein, dass diese womöglich etwas zu anrüchige Kolumne heute nicht jeden erfreut. Wäre schade. Aber ich würde mich mit Pole-Dancing trösten. Denn dieser Trendsport bietet Außergewöhnliches, lese ich in einer Bildunterschrift unserer Zeitung. Auf dem Foto sieht man eine Teilnehmerin »bei der Pool-Dance-DM an der Stange, die sich anschließend über Bronze freut«.
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Ich sollte mich mehr um solche Trends und ihre Sportgeräte kümmern, denn im Gegensatz zu Fußbällen oder Speeren besitzen sie ungeahnte Fähigkeiten. Und so freut sich über diese Kolumne vielleicht keine Stange von Lesern, aber wenigstens eine Stange.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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