Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

57! (“Anstoß” vom 6. Juni)

Weder pfing Pfingsten noch fing Fingsten gut an, und am Dienstag diese Kolumne aus purem hessischem Trotz Montagsthemen zu nennen, gehört ebenfalls nicht mehr zum traditionellen Kalauer-Repertoire in nachpfingstlichen Kolumnen. Keine Lust auf die alten Witzchen. Auch nicht auf Hohn und Spott über das gerappte und gehupfte Champions-League-Vorprogramm. Dafür bin ich sowieso zu alt. Doch, huch, nach der Heulboje von München und der klinisch Keimfreien von Berlin sah ich auf der Couch diesmal erstaunt, dass ein Fuß vor dem Fernseher kurz mitwippte. Meiner.
*
Was immer man gegen den Menschen Cristiano Ronaldo vorbringen kann (zum Beispiel im aktuellen Spiegel die Vorwürfe wg. gemutmaßter Vergewaltigung und Steuerbetrug), vor dem Sportler ziehe ich mangels Hut alle meine Mützen. Zum fünften Mal hintereinander Torschützenkönig der Champions League, das ist phänomenal. Ein Mandzukic-Traumtor gelingt jedem einmal. Einmal. Ronaldo ist einmalig, weil oftmalig.
*
Kleiner Trost für Messi-Fans: Ronaldo benötigte für seine zwölf CL-Tore 100 Minuten pro Treffer, Messi für seine elf nur jeweils 73. Auch er ist oftmalig einmalig. Aber können beide als Fußballer einmalig sein? Oder sind sie, da gleichzeitig aktiv, nur zweimalig? Oder verheddere ich mich da wortklaubend in einmaligem Quatsch?
*
Auch Gigi Buffon ist … einmalig? … sagen wir: ein Phänomen. Ihm hätte ich den Sieg eher gegönnt als Ronaldo oder dem Provokateur Ramos. Na ja, der hat sich mit seiner Frisur selbst bestraft. Wie hieß noch einmal der Running Gag in einer uralten Tele-Serie? »Achte lieber auf deine Kopfform« oder so ähnlich.
*
Auch für Khedira hatte ich mehr Sympathien als für Kroos, den »Technischen Zeichner« unter den Fußball-Assen (hübscher Vergleich in der spanischen Sportzeitung AS). Dort ehrerbietig gemeint. Ist ja auch ein ehrenwerter Beruf. Im Fußball ziehe ich aber phantasievolle abstrakte Kunst dem »Erstellen normgerechter technischer Zeichnungen« (Wikipedia) vor. Das ist jedoch reine Geschmacksache und Kroos natürlich dennoch ein Großer.
*
Aber zurück zu Buffon: Noch viel hübscherer Vergleich in der Süddeutschen: »Macho-Welpe«. Einst trug Buffon die Trikotnummer 88. Für den Macho-Welpen sollte die Zahl seine »vier Eier« symbolisieren, warum auch immer. Zumindest hat er ein Ei mehr als Kahn, der seine überzähligen hinter verkniffenen Augen versteckt. Aber egal, die 88 gilt unter Insidern des Irrsinns als Chiffre für »Heil Hitler«, was dem nichtsahnenden Buffon Probleme einbrachte. Diese Geheimzahlen und Geheimzeichen sollten auf den Kutten, im rasierten Haar oder in den Hohlköpfen vergammeln, statt dass man ihnen durch angestrengte Entschlüsselung höhere Bedeutung verleiht. 57!
*
Noch einmal Cardiff. Gespielt wurde im Nationalstadion. Das erfreut Erdogan. Als der zweitlupenreinste Demokrat verlauten ließ, er habe eine Abneigung gegen das Wort »Arena«, wurden nach einer basisdemokratischen Abstimmung (»Das Volk bin ich«) türkische Arenen sofort in »Stadyumu« umbenannt, man ersetzte also »ein lateinisches Fremd- durch ein griechisches Lehnwort« (FAZ-Feuilleton). Ob das Erdogan und seine Erfüllungsgehilfen wussten? Sie wollten doch »türkische Stadien mit türkischen Wörtern« bezeichnen. Oder ist dieser kleine semantische Schritt ein großer völkerverbindender hin zur Freundschaft zwischen Erzfeinden? Denn das »Stadyumu« kommt von »stadion«, einem alten griechischen Längenmaß.
*

Einem sehr unzuverlässigen übrigens, wie gestandene »Anstoß«-Leser wissen. Wir haben das »stadion« schon in der Langzeitserie »Von Olympia nach Athen« in den frühen Nuller-Jahren entschlüsselt. Die Bahnlänge in den klassischen »Stadien« wurde in ebensolchen (600 Fuß = 1 Stadion) gemessen, aber dennoch waren die Bahnen nicht gleich lang, denn sie wurden nach der jeweiligen lokalen Fuß-Durchschnittslänge bestimmt. In Olympia zum Beispiel maß ein Fuß 32 Zentimeter. – Schnell mal bei meinem wippenden nachgemessen: Länge (netto) 28,5 cm = Schuhgröße 47. Was hatten die Jungs damals nur für Quadratlatschen?!
*
So. Hat Sie die »57!« verwirrt? Codewort für eine alte nazistische Verirrung oder eine neue sexuelle Variante? Nichts davon. Ich habe eine Zahl ausgewählt, die mir ü-ber-haupt nichts bedeutet. Wie auch all das andere dumme Zeugs uns nichts bedeuten sollte.
*
Und wenn bei uns als Kotau vor Erdogan alle Arenen in der Bundesliga in Stadyumu umbenannt werden, leiste ich weiterhin  zivilen Widerstand. Für mich bliebe auch ein Commerzbank Stadyumu bis in alle fußballerische Ewigkeit das Frankfurter Waldstadion. Da fällt mir dann doch noch ein: Wissen Sie, warum das Waldstadion so viel größer ist als das popelige kleine im alten Olympia? Vorgabe war die Fußlänge der alten Germanen. Schuhgröße 57! (gw)
*
(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle