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Sport-Stammtisch (vom 27. Mai)

Das Warten auf das Christkind war früher nur schwer auszuhalten, aber immerhin wussten wir, dass alle ihre Geschenke bekommen würden. Noch nervenzerrender ist das Warten auf den Anpfiff, zumal das Wort von der »schönen Bescherung« ein extrem doppeldeutiges ist.
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Zur Entspannung folgt vor dem Anstoß ein »Anstoß« ohne Berlin, Pokal und Eintracht. Obwohl – etwas muss ich noch los werden. Im »Kicker« habe ich ein Interview mit Charly Körbel gelesen. Anschließend musste ich mich im Geiste vielmals bei ihm entschuldigen, denn nebenbei piekste Körbel die Luft aus einem über 30 Jahre alten, aufgeblasenen »gw«-Vorurteil.
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Rückblende: Zu jener Zeit fühlte ich mich als großer Eintracht-Experte und erhob mich auch über den damaligen Trainer Körbel, weil die Eintracht in der Winterpause kaum trainierte, aber ein Hallenturnier nach dem anderen spielte. Haben die denn keine Ahnung von der Trainingslehre?, dachte und schrieb ich. Das muss doch zwangsläufig zum Abstieg führen! Führte es auch. Aber, wie ich jetzt weiß, nicht aus Unkenntnis, Hallen-Jux und »Masters«-Dollerei, sondern aus nackter Not: »In der Winterpause sagte Bernd Hölzenbein: Wir müssen mit Hallenturnieren eine Million einspielen, wir haben kein Geld mehr.« – So einfach war das also.
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Weiter ohne Eintracht. Auch das ist doppeldeutig, denn weder spielt (zum Glück!) noch herrscht Eintracht in der Relegation. Obwohl ich die Zwietracht um den Elfmeter nicht verstehe. Die Regel 12 des DFB ist doch eindeutig: »Ein Handspiel liegt vor, wenn ein Spieler den Ball absichtlich mit der Hand oder dem Arm berührt. Folgendes ist zu berücksichtigen …« Tja, und dann muss man die Regel eben bis zum Ende aller kleingedruckten Erläuterungen lesen, bis man ganz zum Schluss auf Paragraph 37/VW stößt, der Begegnungen zwischen zwei Teams mit identischem Sponsor regelt: »Berührt ein Spieler der wichtigeren Mannschaft des Sponsors den Ball absichtlich mit der Hand, bekommt er einen Elfmeter zugesprochen, wenn im Anschluss ein Akteur der unwichtigeren den Ball unabsichtlich mit der Hand berührt.« Klar wie Kloßbrühe.
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Mario Gomez wäre als Fußballer unsterblich geworden, wenn er den Fehler des Schiedsrichters mit einem Kullerball in die Arme des Torwarts bereinigt hätte. Weltfremde Vorstellung? Ja. Aber nicht in meiner idealen Sportwelt, sondern nur in der Welt, in der wir leben.
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Bibiana Steinhaus, Schiedsrichterin und Polizistin, fände es »am tollsten, wenn der Fußball uns Schiedsrichter irgendwann nicht mehr bräuchte. Eigentlich auch ein guter Traum für eine Polizistin. Hier also mein Aufruf: Macht meine beiden Jobs überflüssig!« (aus der »Zeit«-Serie »Ich habe einen Traum«). Ach ja. Ein frommer Wunsch. Aber so lange selbst ein »Guter« und Nachdenklicher wie Mario Gomez nicht mitmacht … übrigens: Jüngst murrte Gomez in diversen Interviews über den »Murks« in der Bundesliga. Mehr Murks als bei seinem Elfmeter ist kaum vorstellbar.
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Apropos Bibiana Steinhaus. Unser Leser Uwe Wartenberg fragt: »Ist Ihnen tatsächlich die Meldung entgangen, dass künftig auch eine Frau Spiele der 1. Bundesliga leiten wird? Ich möchte unterstellen, dass Sie bei der morgendlichen Zeitungsrecherche diesen erstaunlichen Tatbestand einfach überlesen haben« und dass die Nichterwähnung »nicht Ausdruck einer machohaften Gesinnung ist«. Diese freundliche Unterstellung möchte ich ausdrücklich bestätigen. Zumal ich schon Steinhaus’ Aufstieg zum »vierten Mann« begrüßt und mich gefreut habe, »wie wunderbar souverän sie reagiert hat, als sie, von Guardiola angetatscht, dessen Hand wie eine lästige Fliege wegwischte«. Und ein anderes Mal stellte ich fest: »Überhaupt fallen im Fußball immer häufiger Frauen positiv auf, ob am Mikro (Jessica Kastrop) oder an der Pfeife (Bibiana Steinhaus).«
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So, damit dürfte die »machohafte Gesinnung« vom Tisch sein. Meine liebste Zielgruppe weiß hoffentlich, was sie an mir hat! Im Ernst: Eine derart irrwitzig-wahnsinnige Motivationsrede wie die des Bielefelder Co-Trainers (Wortlaut-Ausschnitte standen am Dienstag in »Ohne weitere Worte«) kann ich mir aus dem Mund einer Frau nicht vorstellen. Da muss männlich schon viel schiefgelaufen sein, um sich derart zu produzieren. Das Schlimmste: Es hat gewirkt. Bielefeld gewann 6:0. Und Youtube hat einen vieltausendfach angeklickten Hit. Da fällt mir nur der alte Sponti-Spruch ein: »Fresst Scheiße, Millionen Fliegen können nicht irren.« Übrigens, Klick-Klick-Hurra, auch das Credo moderner Presse(ver)führer ins digitale Zeitalter, aber das ist ein anderes Thema.
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Lasst uns angenehmere Töne anstimmen. Und die sind wieder weiblich. Gina Lückenkemper und Rebekka Haase sprinteten in Zeulenroda nahe an eine Zehner-Zeit heran. Zwar mit ordentlich Rückenwind, aber noch regelkonform. Sie pochten aber nicht nur an das Tor zur Weltklasse, sondern die aus Dortmund angereiste Gina klopfte auch an die Tür von Rebekka, um vor dem Wettkampf bei ihrer Rivalin auf der Couch zu übernachten.
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Und nun stelle man sich vor, Mario Gomez klopft am Sonntag an die Tür von Domi Kumbela, um vor dem zweiten Relegationsspiel auf der Coach des Stürmer-Kollegen zu übernachten.
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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