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Montagsthemen (vom 22. Mai)

Wer nur mit dem Fußball und keinem seiner Vereine sympathisiert, hätte Darmstadt und Ingolstadt wenigstens ein Relegationsduell gegönnt. Zu Lasten der beiden, die in der Tabelle ganz weit vorne stehen. Halt! Nicht vorschnell schimpfen! Ich meine die Tabelle der Klubs, die am wenigsten aus ihrem Potenzial gemacht haben. – So, jetzt könnt ihr schimpfen, ihr Fans von HSV und Wolfsburg.
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Auch mein Top-Trio der Saison dürfte es schwer haben, in der Meinungs-Tabelle auf einen mehrheitsfähigen Spitzenplatz zu kommen: Darmstadt (siehe oben), Frankfurt (weil die Kovac-Eintracht schon in der Hinrunde den üblichen Schlamassel weggekickt hat und sogar eine tolle Zugabe genießen kann) … und Leipzig. Trotz des Vornamens ein Genuss für jeden Fußball-Fan. Ein Toast auf diese drei Teams! Von mir aus auch mit Weißbier. Hauptsache, ohne dieses andere Gesöff.
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Und nun zum kleinen Streber von der ersten Bank. Mein Schmäh von einst klingt gegen das, was der Autor des Bühnenstücks »Philipp Lahm« sagt, wie eine Lobeshymne: »Er ist das Symbol der Nullerjahre und der ersten Hälfte der Zehnerjahre. Er verkörpert die BRD wie kein anderer: super korrekt, super schlau. So langweilig, dass es weh tut« (Quelle: taz).
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Das ist super. Super doof. So doof, dass es weh tut. Auch ich hämte einst Böses. Sorry. Denn Lahm ist nicht (mehr) der kleine Streber von der ersten Bank, sondern der gelassene Primus der ganzen Schule. Marcel Reif, der emeritierte Primus unter den Sportreportern, bringt es in der SZ auf den Punkt: »Ich habe von ihm keinen einzigen eitlen Ball gesehen. Ein eitler Ball kündigt sich in der Gestik schon an. Jetzt schaut mal, was ich gleich machen werde! Ein eitler Ball wird sozusagen kommentiert und abmoderiert vom Spieler, der gequält lächelt oder abwinkt und also wortlos jammert: Ach, die anderen können ja mit meiner Kunst gar nichts anfangen. Dagegen Lahm: Jeder Ball, den der gespielt hat, diente dazu, die Planungssicherheit im Spiel zu gewährleisten.« – Wunderbar. Der Gelobte und der Lobende.
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»Noch unnötiger als Marcel Reif ist nur der Pimmel vom Papst.« Der Tweet eines Hassers wurde einmal im Fernsehen zitiert. Genüsslich. Und selbstironisch, da von Reif persönlich. Apropos Papst. »Völler-Sohn positiv getestet.« Die Schlagzeile von Bild online betrübt mich. Nicht wegen des Doping-Dilemmas. Sondern weil der Gießener Bundesliga-Basketballer mit einem »Privileg« leben muss, unter dem Kinder berühmter Eltern seit je her leiden. Manche sogar noch im Tod. Auf Carl August Goethes Grab in Rom ließ der Papa die Inschrift setzen: »Goethes Sohn.« Ohne den Vornamen. Armer Bub.
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Das würde Rudi nie tun. Sein Marco leidet auch nicht wie »Goethes Sohn«, er geht souverän mit der Papa-Marke um. Aber nun leidet er unter einem Doping-Dilemma. »Verunreinigte Nahrungsergänzungsmittel« seien schuld. Ich glaube ihm. Aber das ist immer Ansichtssache. Damit zum Apropos: Wenn der Papst bei einem Volkslauf positiv getestet wird und »verunreinigte Nahrungsergänzungsmittel« als Grund angibt, glaubt ihm jeder. Aber wenn Jan Ullrich beim Volksradfahren … die Mehrheitsmeinung wäre klar. Einzelmeinung dazu: »Nichts ist widerwärtiger als die Majorität, denn sie besteht aus wenigen kräftigen Vorgängern, aus Schelmen (…) und aus der Masse, die nachrollt, ohne nur im mindesten zu wissen, was sie will.« – Unterzeichnet: Carl Augusts Papa.
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Nahrungsergänzungsmittel sind ein Milliardengeschäft, dazu problematisch und überflüssig. Die erste Komponente verdrängt die beiden anderen. Überflüssig, weil globulistisch wirkungslos, problematisch, weil Verunreinigung das permanente Risiko ist.
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Mir stinkt die ganze Chose ja schon lange. Mindestens 100 Olf müffeln da durch die Luft. »Anstoß«-Leser kennen diese Einheit der Geruchsstärke. Michael Scharping (Lumdatal) weiß aber, dass »das Geruchsproblem schon längst gelöst sein könnte«. Den Beweis fand unser Leser in Walter Moers’ »Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär«: Dort sind die »Olfaktillen« zugange, »Geruchsvampire, die bis zu 15 Nasen hatten. Diese ernährten sich ausschließlich von Körpergeruch jeder Art.«
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Käpt’n Blaubär kennt auch die Kleinolfaktille, die auf schlechten Atem spezialisiert war und Mundgeruch absaugte. Ebenfalls segensreich wirkten die auf öffentlichen Plätzen lebenden Horchlöffelchen, Geräuschvampire, »die vom Geschwätz lebten«.
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Leider, leider, muss ich als investigativer Journalist an dieser Stelle exklusiv den von mir recherchierten Skandal aufdecken, dass Olfaktillen und Horchlöffelchen ausgestorben sind. Die einen wurden von der Deo- und Mundwasserindustrie als Geschäftsschädlinge ausgerottet, die anderen haben sich auf dem globalsten öffentlichen Platz zu Tode gefressen – an den geposteten Giftködern im Internet.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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