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Sport-Stammtisch (vom 20. Mai)

Muss der HSV in die Relegation oder VW Wolfsburg? Oder doch Augsburg? Wer qualifiziert sich direkt für die Champions League, Hoppenheim oder der BVB? Fragen über Fragen, die Antwort wird die Liga heute sagen – und sie interessiert mich nur unwesentlich mehr als der andere große Wettkampf vom vergangenen Samstag, der musiksportliche. Germany … wie viele Points?
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Meister, Absteiger und Championsligisten, ob mit oder ohne Quali, stehen fest. Alles andere ist minder wichtig, wenn auch Herzensangelegenheit für die jeweiligen Fans. Die wichtigste Meldung der Woche kommt für mich daher aus England. Nicht, weil Klopp und Wenger dort heute um die Champions Lague kämpfen, obwohl mich das als Immer-noch-Klopp-Fan mehr interessiert als das Tuchel-Nagelsmann-Qualifikationsvermeidungsfernduell (16 Silben – wer bietet mehr?). Nein, die Engländer führen nachträgliche Sperren für »Schwalben« ein. Bravo! Ich hasse Betrug im Sport, und das drecksäckige Elfmeterschinden ist nichts anderes als abstoßend unsportlicher Beschiss. Das sieht zwar fast jeder so – aber leider selten bis nie, wenn’s dem eigenen Verein nutzt.
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Noch einmal: Ich hasse den Betrug im Sport. Und ich bin immer noch Fan von Jan Ullrich. Was kein Widerspruch ist. Wer jetzt protestiert, dem sage ich … nichts. Weil zwecklos. Ich erwähne es auch nur, weil die stets Empörungsbereiten in der deutschen Sportmedienlandschaft mit Schaum vor dem Mund auf die Ernennung Ullrichs zum Sportlichen Leiter von Rund um Köln reagiert hatten. Der resigniert jetzt. Seine Begründung im Klartext: LmA. Was sagt wohl Uli H. zu der ganzen Chose?
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Mich würde auch interessieren, was der selbstkritische Heribert Bruchhagen zu dieser lobenden Erwähnung in der Zeit sagt: »Im vergangenen Jahr rettete er Eintracht Frankfurt ganz knapp vor dem Abstieg und bekam dafür viel Applaus.« Och jo? Als einer, der jahrelang Loblieder auf Bruchhagen und sein segensreiches Wirken für die Eintracht gesungen hat, muss ich dagegen halten: In seiner Frankfurter Endzeit schwächelte er, und gerettet hat die Eintracht einzig allein: Niko Kovac.
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Wir fahrn, fahrn, fahrn auf der Autobahn nach Düsseldorf. Dort spielen am 1. Juli Kraftwerk zum Tour-Auftakt ein Open-Air-Konzert, unter anderem mit einer Komplett-Version ihrer Tour de France. Wer allerdings dorthin fahrn, fahrn, fahrn will, muss sich mit dem Radrennen begnügen – das Konzert ist ausverkauft.
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Christoph Amend, Zeitmagazin-Chefredakteur mit mittelhessischen Wurzeln, ist ein echter Scoop geglückt, oder nennen wir es lautlich ähnlich, aber etwas deutscher: ein Coup. Eine große und großartige Geschichte über und mit Ralf Hütter, dem nicht gerade öffentlichkeitsgeilen Kopf von Kraftwerk.
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Von Kraftwerk zu Kraftklub. Band-Boss und Fußball-Fan Felix Brummer vergleicht in der Welt die Liebe zu einem Verein mit der zum bevorzugten Geschlecht. Einerseits seien die Unterschiede nicht sehr groß (»Dieser Schmerz, wenn man enttäuscht wird und man das Gefühl hat, gleich zusammenzuklappen«), andererseits »bleiben Fans ihrem Klub tatsächlich treu bis in den Tod. Ich selbst habe einige Ex-Freundinnen – aber immer noch denselben Verein.« Ja, im Fußball und in der Liebe hat Blaise Pascal auch noch nach einem halben Jahrtausend recht: »Das Herz hat seinen eigenen Verstand, von dem der Verstand nichts weiß.«
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Musikalische Gemeinsamkeit von Liverpool und Dortmund: In beiden Stadien singen sie heute wieder das gleiche Lied. Mittlerweile weiß jeder, dass »You’ll Never Walk Alone«, ein Nummer-eins-Hit (1963) von Gerry & The Pacemakers, von Liverpool aus seinen Siegeszug durch die Fußballstadien antrat. Weniger bekannt: Es ist kein Lied über den Fußball, sondern kommt aus dem Broadway-Musical »Carousel« von 1945, das wiederum auf dem Stück »Liliom« des ungarischen Dramatikers Ferenc Molnár beruht. In dem Song wird ein Mädchen getröstet, das vom Vater geschlagen worden war. Das ist aber nur die Kurzfassung. In »Liliom« und »Carousel« ist die Geschichte vielschichtiger. Aber nicht das irritiert mich, sondern mich stört immer, wenn das Lied zwar mit Inbrunst, aber nicht von Liverpooler Fans gesungen wird. Dann denke ich: Habt ihr keine eigenen Lieder?
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Immer noch die beste aus dem Repertoire an Stadion-Hymnen: »Erbarme – zu spät, die Hesse komme!« Wenn »unser« Henni Nachtsheim mit den Rodgau Monotones loslegt, »da packt euch das kalte Grausen / unser David Bowie heißt Heinz Schenk«. Wobei weniger die Fußballgegner das kalte Grausen packt, sondern jeden empfindsamen Pop-Liebhaber.
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Schluss mit Scherz. Vom Pop zum Po. Das kalte Grausen packt mich, wenn ich es mir mit meiner liebsten Zielgruppe verscherzen könnte. In der Zeitung lese ich die Polizeimeldung, dass ein Mann einer Frau »an den Po griff und weiterging. Der Täter war« … und es folgt eine detaillierte Beschreibung, als werde nach einem gemeingefährlichen Schwerverbrecher gefahndet. Um nicht missverstanden zu werden: Der armselige Idiot verdient einen steißbrechenden Tritt in denselben. Gerne auch von mir persönlich. Aber man kann’s auch übertreiben. Warum nicht gleich Ringfahndung und GSG 9? (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle