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Parmesan und Pedelec (“Mein progressiver Alttag” im Gießener Seniorenjournal vom 20. Mai 2017)

Die Leser der Allgemeinen kennen »gw« vor allem als Anstoß-Kolumnist. Seit Gerd Steines sich von der Redaktion in den Ruhestand verabschiedet hat, lässt er uns an seinem progressiven Alt-Tag teilhaben

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Schwupps, ist er an mir vorbei gesurrt. Der alte Mann auf seinem Pedelec. Mitten im dichten Stadtverkehr hat er mich überholt, bolzengerade aufrecht sitzend, gemütlich tretend, in der rasant angefahrenen Kurve gefährlich schwankend, weil am Lenker drehend, als säße er am Steuer seines Autos. Wieder einer der Spätberufenen, die erst durch den Elektro-Antrieb zum Fahrrad gefunden haben? Kommen zu den jungen Wilden, die mit wummernden Bässen über den Anlagenring toben, nun die tütteligen Alten, die mit voll auf Turbo gedrehtem Antrieb die Straßen der Stadt unsicher machen?

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So jedenfalls das Vorurteil, das uns Elektroradler diskriminiert. Als ob wir senilen Trottel ständig vom Rad fielen. Jetzt will uns sogar die Statistik weismachen, dass wir gefährliche Verkehrshindernisse sind. 2016 gab es 39 Prozent mehr Unfälle mit dem Pedelec als 2015, verkündet das Statistische Bundesamt. 39 Prozent! Wahnsinn! Aber der hat Methode, denn es gab im selben Zeitraum einen noch deutlich höheren Zuwachs – an Pedelec-Fahrern. Schon sagt uns die Zahl 39 … nichts mehr. Erneut ein Indiz, dass die Kohl-Doktrin (»Wichtig ist, was hinten rauskommt«) in der Statistik nur umformuliert gültig ist: Was hinten rauskommt, ist nur dann wichtig, wenn vorne richtig reingesteckt wurde.

Als ich dieser Tage mit elektrischer Unterstützung am Fuß, aber nicht im Ohr (das Hörgerät darf nicht nass werden, sonst gibt es den Geist auf) zum Friseur zwei Dörfer weiter pedelecte, war ein »Tatütata« aus der Ferne dennoch nicht zu überhören, und nach wenigen Minuten sah ich den Anlass für den Einsatz: Auf der kurvigen Bergstrecke lagen gleich zwei Motorräder im Graben. Später las ich in der Zeitung von schlimmen Folgen. – Über die Häufigkeit von schweren Motorrad-Unfällen möchte ich lieber keine statistischen Zahlen erfahren. Zu gruselig.

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Mein Friseur heißt Harun, sieht auch so aus und ist gerade Papa geworden. Zu meinem Termin hat er sich um eine Minute verspätet, weil er noch im Krankenhaus war. Eine Minute! Wortreich entschuldigt er sich. Echt deutsch. Echt undeutsch, wie Harun und seine Mädels gut gelaunt lachen und plappern und dass sie den stummen deutschen Klotz einbeziehen, der aber außer hilflosem Lächeln nichts zur guten Stimmung beitragen kann. Auch, weil er mangels Hörgerät nur jedes dritte Wort versteht.

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Aber das nur am Rande meines progressiven Alttags. In diesem stelle ich immer öfter fest, dass Adorno heute mehr denn je recht hat: »Wir finden uns einer angeblich jungen Generation gegenüber, die in jeder ihrer Regungen unerträglich viel erwachsener ist, als je die Eltern es waren« (aus »Minima Moralia« von 1950). Als ich jetzt wieder zu dem Buch griff, stolperte ich gleich zu Beginn über diesen Satz und erinnerte mich an meine erste Glosse, lang, lang ist’s her, als ich über Jugendliche schrieb, die nur den Jahren nach jung, in Wahrheit seit Kindesalter aber vergreist seien. Hinter der frischen Coca-Cola-Keglerin und ihrem lachenden Partner stünden bereits die Frau, die weißer wäscht, und der würdige Herr von Asbach Uralt (Leser aus meiner Alters-Kohorte erinnern sich an diese Werbespots).

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Ich sag’s ja immer: Jungsein wird überschätzt. Schon vor zweieinhalbtausend Jahren behauptete Solon: »Je älter ich werde, desto mehr lerne ich.« Ich auch! Muss ich ja, bei dem vielen Gelernten, das ich nach und nach und immer schneller vergesse. Man kann die Vorzüge des Alters aber auch übertreiben. Wie Martin Walser, der seinen Protagonisten in »Ohne einander« behaupten lässt: »Wer ein Jahr jünger ist, hat keine Ahnung.« Mathematisch gesehen bin ich demnach lebenslang immer ein Jahr zu jung. Dass ich ein Mathe-Versager war und bin, ist leider die unschöne Wahrheit, denn »Mathe ist lästig, verlängert aber das Leben«, lese ich im »Wissen«-Ressort der Süddeutschen Zeitung.

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Kommt der Sensenmann um so näher, je schlechter man rechnen kann? Statistisch gesehen ja, denn »der Zusammenhang zwischen numerischen Grundkenntnissen und höherer Lebenserwartung lässt sich durch viele Beispiele belegen«. Die zum früheren Tod führende Zahlenallergie hat sogar einen Namen: »Numerischer Analphabetismus.«

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Ich tröste mich mit meiner Version der Kohl-Doktrin. Sicher ließe sich auch für mich vorne etwas reinstecken, das hinten als Unsterblichkeit heraus kommt. Und schon werde ich fündig, wieder in einem »Wissen«-Ressort, diesmal in der Welt, die vom besten Gegenmittel bei numerischem Analphabetismus berichtet. Parmesan! Der Käse, den ich so gerne über der Pasta zerreibe, enthält besonders viel von einem Stoff, der, an Mäuse verfüttert, deren Leben signifikant verlängert hat und in dem »möglicherweise auch ein Jungbrunnen für Menschen« steckt. Der Wunderstoff – »ein echtes Anti-Aging-Mittel, auf das viele sehnsüchtig warten?« (Welt) – heißt Spermidin, wobei Nomen durchaus Omen ist, da diese Substanz zuerst im männlichen Sperma entdeckt worden ist, wo er »in besonders üppiger Konzentration« gefunden wurde.. Anscheinend ein Pendant zu jenem Hormonpräparat, das Doper für sich entdeckt haben und das aus dem Urin von Frauen gewonnen wird, die das Klimakterium hinter sich haben. Weltweit größter Lieferant soll der Vatikan sein – dort leben die meisten Frauen im richtigen Alter …

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Wirklich wahr? Ich gebe keine Gewähr. Mir wurde es vor vielen Jahren aus der Doper-Szene ins Ohr geflüstert. Und auch beim Spermidin kann ich nur die Welt als Beleg nennen. Meine weitergehende Folgerung, dass man doch gleich, statt Parmesan … also nee, so schlüpfrig wird mein progressiver Alttag nun doch nicht, vor allem nicht im seriösen Seniorenjournal.

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Also zerreibe ich weiter fleißig Parmesan über der Pasta. Im endlichen Sinne von Matthias Beltz, zu dessen seinsphilosophischen Erkenntnissen auch die vom Käse aus Parma gehört. Gereimtes »Vanitas!« unseres Hessen im Himmel: »Parmesan und Partisan, wo sind sie geblieben? / Partisan und Parmesan, alles wird zerrieben.

 

Baumhausbeichte - Novelle