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Kastration und Testosteron (“40 – 30 – 20 – 10″ vom 18. Mai)

Vor 40, 30, 20 und vor zehn Jahren: Kleine Texte aus »gw«-Kolumnen, die heute nachdenklich stimmen können oder schmunzeln lassen. Oder beides.
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(Als es den »Anstoß«  noch nicht gab, lagerte ich allzu Polemisches in die Kolumne  »Kontra« aus. Erstes Thema: »Ist Laufen gesund?«) Es ist »in«, fit zu sein, und fit ist nur, wer läuft. In allen Medien verkünden die Propheten des Langlaufs ihre Heilslehre. (…) Doch die Modewelle des Dauerlaufs schwemmt alle kritischen Fragen fort. Stolz präsentieren sich jüngste und älteste Teilnehmer von Volksläufen den Fotografen, keuchen Greise durchs Ziel, das schon so mancher stolze Trimmer, von einem Herzinfarkt am Wegesrand dahingerafft, nie gesehen hat. (14. April 1977 / Das gab Ärger!)
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(Dann wagte ich den ultimativen masochistischen Kick, mich mit noch streitbareren IdeologInnen anzulegen.  »Kontra«-Thema: »Bizarres Ghetto Frauensport«) Welche Kriterien muss man erfüllen, um im Sport als Frau starten zu können? (…) Antwort: Nur wer mehr als 20 Prozent weiblicher Chromosomen sein eigen nennen kann, gilt als Frau (…) Horrorvisionen drängen sich geradezu auf. Gezielte »Talentsuche« nach Fast-Zwittern mit 21 oder 22 Prozent weiblicher Chromosomen, deren Rest-Weiblichkeit mit Hormonpräparaten derart verdrängt wird, dass diese Sportlerinnen in der Sparte »Frau« konkurrenzlos sind. (…) Weltrekorde, die eine menschliche Höchstleistung markieren, sollte man nicht in Männer- und Frauenrekorde auseinanderdividieren. Rekorde sind geschlechtslos. Schließlich werden auch Nobelpreise nicht nach Geschlechtern getrennt vergeben, interessieren in Kunst, Literatur und Wissenschaft nur die Leistungen, nicht das Geschlecht der Leistenden. (21. Mai 1977 / Als ich Jahre später trotzdem noch einmal über das Thema geschrieben hatte, erfuhr ich, dass am vorgesehenen Erscheinungstermin in unserer Stadt ein bundesweites Lesben-Treffen stattfand. Aus Kastrationsangst zog ich den Schwanz ein und den Artikel zurück)
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(Als die DDR schon klinisch tot war, trat sie im Sport immer noch als Riese auf – als »Riese auf Stelzen«) Während das Nichtvorhandensein von Automobil- oder alpinem Skisport einleuchtet, verblüfft die Tatsache, dass die DDR in Sportarten wie Basketball, Tischtennis, Tennis oder Reiten nicht nur keinen internationalen Standard repräsentiert, sondern so gut wie überhaupt nicht auf der sportlichen Weltbühne erscheint – diese Sportarten »gehen« nicht, werden nicht gefördert, existieren nicht. Dass die DDR dennoch mit Recht ihr sportliches Image des Riesen beansprucht, wenn auch eines Riesen auf Stelzen, verdient Respekt. Nachzuahmen sind diese Methoden bei uns allerdings nicht. (11. August 1987 / Und was machen wir heute? Wir ahmen nach, kupfern schamlos Schamloses ab. DDR reloaded?)
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(Auch 20 Jahre später noch ohne weitere Worte:) Das Sportmagazin Schem Hamischak: »Deutschland kommt nicht, um Fußball zu spielen, sondern um zu gewinnen, auch wenn man hierzu jemanden umbringen muss.«. Der Sänger Arik Einstein nach dem deutschen WM-Aus 1994 gegen Bulgarien: »Beste Nachricht seit der Bekanntmachung der deutschen Niederlage im Zweiten Weltkrieg.« Und ein israelischer Sportredakteur wird im »Spiegel« zitiert: »Nur die Deutschen können eine Fußballsendung (Anm.: gemeint ist ›ran‹) so machen: Sauber, ordentlich, fehlerlos, aus allen möglichen Winkeln aufgenommen, mit viel Pathos – so haben sie uns ermordet, und so vergnügen sie uns heute.«  – Das ist nur schwer zu ertragen. Aber wir haben es zu ertragen, und sollten dies klaglos und schweigend tun. (1. März 1997)
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(Viel angenehmere Fußball-Erinnerung:) Uwe Bein beim VfB 1900 Gießen – da befürchteten selbst Wohlmeinende ein Desaster. Das ist doch nur noch ein Stehgeiger, meinten die einen, während andere voraussagten, dass Bein keine drei Spiele ohne schwere Bisswunden von scharfgemachten Wachhunden überstehen würde. Das Gegenteil ist der Fall: Uwe Bein wird fair bewacht, hat einen erstaunlich großen Aktionsradius und spielt in der Oberliga Fußball von einem anderen Stern. In vier Spielen mit Bein bilanziert der VfB 1900 nach vorheriger  Pleiten-Serie 10:1 Punkte, von zehn Toren hat Bein drei geschossen, fünf vorbereitet, und im Waldstadion häufen sich geniale Momente, die Fußball-Feinschmecker wohlig aufstöhnen lassen. Im Gießener Waldstadion, wie Eintracht-Fans resigniert anmerken . . . (14. April 1997)
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(Wo erfährt man die wichtigsten wissenschaftlichen Erkenntnisse? Natürlich im »Anstoß«) Die Wissenschaft hat festgestellt, dass Männer morgens um so mehr Testosteron in der Blutbahn haben, je länger sie geschlafen haben. Das sollte vor allem älteren Herrschaften mit seniler Bettflucht zu denken geben, die schon lange nicht mehr wissen, was nach präpubertärer Jungvolkweisheit härter ist als der Schwanz der Bisamratte. Also, liebe LeserInnen, lasst ihn lange schlafen, dann hat Morgenstund wirklich Gold im Mund! (7. April 2007 / Schon immer im Dienst seiner liebsten Zielgruppe stehend:) (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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