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Montagsthemen (vom 15. Mai)

Vier zu fünf. »Das Beste, Packendste und Aufregendste, was die Liga in dieser Saison zu bieten hatte« (FAS). Wirklich? Packend und aufregend war es, klar. Aber nicht das Beste. Philipp Lahm, auch als Spielversteher einer der wirklich Besten im Fußball, weiß warum: »Wenn man keine Balance hat zwischen Abwehr und Angriff, dann schaut so ein Spiel so aus. Für die Zuschauer war es sicher sehr schön.«
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Nicht so schön, packend und aufregend, aber schon eher »das Beste« war das 3:0 der Bayern  in der Hinrunde. Wäre der Fußball eine objektiv messbare Sportart wie, sagen wir mal, ein Hundert-Meter-Lauf, dann entspräche das 3:0 einem 9,7-Sprint von Usain Bolt ohne Faxen, das 4:5 einem 10,5-Jogging mit diversen Showeinlagen des Entertainers der Leichtathletik.
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Das Geheimnis des Fußballs ist ein offenes, weil oft sichtbar, aber selten so deutlich wie in Leipzig: Was in anderen Sportarten tödlich langweilig wäre (= Bolt läuft 10,5), kann die Massen elektrisieren, wenn der Weg zum »10,5« nur spektakulär genug wirkt.
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Wenn es nur um das Prestige geht, also nicht mehr um das existenziell Sportliche, kann ein Sportler seine autonom geschützten Reserven nicht anzapfen. Denn der Mensch vermag, sagt die Arbeitsphysiologie, nur rund 70 Prozent seines Leistungsvermögens willentlich zu aktivieren, der Rest ist autonom geschützte Reserve, die nur in Extremsituationen angegriffen werden kann. Wenn es um alles geht. Um wirklich alles. In Lebensgefahr – oder im Fußball für die Bayern um die Meisterschaft (abgehakt), Pokal und Champions League (vermasselt). Der Rest ist … 70 Prozent (die letzten Sätze habe ich exakt so schon vor zwei Jahren geschrieben; kleiner Jux von mir, großes Leid für Bayern-Fans).
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Im Fußball, siehe Leipzig, wirken 70 Prozent manchmal wie 110 Prozent. Und 100 wie 70. Oder 50. Oder 30. Siehe Frankfurt. Dann schallt es dumpf aus dem Fan-Block: »Wir woll’n euch kämpfen seh’n!« Aber, liewe Leut, das geht einfach nicht. Nicht mehr. Kundigere könnten auch das arbeitsphysiologisch erklären. Mir ist die alterssportliche Lebenserfahrung Erklärung genug: Wenn der Akku leergefahren ist, im E-Bike wie im Körper des Fußballers, dann kann man selbst mit 100 Prozent Einsatz nur noch 70, 50, 30 Prozent Leistung bringen.
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Niko Kovac hatte die Akkus optimal aufgeladen, sie hielten bis zum Erreichen des hohen Ziels durch: nach dem Fast-Abstieg nie in Gefahr zu geraten. Zerreißt Spieler und Trainer nicht, preist sie! Jetzt Akkus nachladen, ein wenig wenigstens (für volle Akkus benötigt man eine komplette Saisonvorbereitung), dann kommt das Pokalfinale, die Extremsituation, und da können die autonom geschützten Reserven bis zum letzten Tropfen ausgepresst werden.
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Beim BVB kostet der eigenproduzierte Knatsch ein paar Prozentpunkte an Leistung. Das freut die Eintracht und wundert den neutralen Beobachter. Als würde sich der Stier in der Arena die Banderillas, die ihn schwächen sollen, eigenhufig in den Nacken rammen.
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Als Tuchel in Augsburg wieder wild herumfuchtelte wie sein großes Vorbild Guardiola, fiel mir eine Studie der Sporthochschule Köln ein: Je mehr taktische Anweisungen der Trainer ins Spielfeld fuchtelt und schreit, desto öfter übersehen die auf das Computerspiel des Trainers konzentrierten Spieler unerwartet sich bietende Chancen und ungewöhnliche Aktionen des Gegners. Es gibt ein Wort dafür, ein Buchstabenmonstrum: Unaufmerksamkeitsblindheit. Die zeigte sich auch in einem bekannten psychologischen Experiment. Testpersonen mussten  sechs Basketballer (drei in weißen, drei in schwarzen Trikots) beobachten, die sich Bälle zupassten. Die Probanden sollten konzentriert die Pässe der »weißen« Spieler zählen. Mitten im Test lief ein Mensch im Gorilla-Kostüm durch das Bild. Nachher befragt, behaupteten die meisten Testpersonen, keinen Gorilla gesehen zu haben. Andere ähnliche Tests beweisen: Diese partielle Blindheit bei Konzentration auf gestellte Aufgaben ist typisch menschlich.
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Forscher haben ein ähnliches Phänomen auch im Dschungel beobachtet, als sie Eingeborenen, die erstmals einen Fernseher sahen, einen Film zeigten. Sie beachteten nur das Gerät selbst, betasteten es, dieses Ding an sich, das wahr war, aber sie registrierten nicht das, was es zeigte, weil das nicht wahr sein konnte.
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Irgendwo habe ich gelesen, Frankfurts einzige Chance im Pokalfinale läge in einer Guerilla-Taktik gegen die übermächtige BVB-Armee. Das weise ich nicht nur wegen der kriegerischen Wortwahl zurück. Also, liebe Eintracht-Profis: Wenn Tuchel wild herumfuchtelt, nicht wie Guerillas reagieren, sondern die ehrwürdige Fußball-Weisheit beherzigen: Elf Gorillas müsst ihr sein, wenn ihr Siege wollt erringen! (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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