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Sport-Stammtisch

Was mag ihn bloß geritten haben? Warum macht er ein Fass auf, aus dem es immer noch stinkt? Es schien tiefer versenkt als alle kontaminierten Fässer im Salzstock von Gorleben, aber Uli Hoeneß öffnet es mutwillig und ohne jede Not, mit bloßen Händen und losem Mund.
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Er sei »der einzige Deutsche, der Selbstanzeige gemacht hat und trotzdem im Gefängnis war«, und »ein Freispruch wäre völlig normal gewesen«. Wie muss einer ticken, der die Realität derart anmaßend wegdrückt? Wieviel Kreide hatte er gefressen, um sich nach der Entlassung Reue und Demut zu bescheinigen? Und jetzt, ausgerechnet in der Steueroase Liechtenstein, vor elitärem und, wie anzunehmen, ähnlich gesinntem Publikum, unterläuft ihm dieser unverständliche verbale Stockfehler.
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In dem erstaunlich kurzen und reibungslosen Prozess in München blieb das Fass fest verschlossen. Dass der einstige Adidas-Chef Robert Dreyfus seinem Kumpel Hoeneß zu jener Zeit 20 Millionen Mark aufs Zockerkonto überwies, als Adidas den Bayern-Deal gegen Nike gewann, spielte vor Gericht keine Rolle. Da dürften einige tief durch- und aufgeatmet haben. Schnappen sie jetzt aufgeschreckt nach Luft?
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Eher nicht. Zwar kritisiert selbst Bild den einst gehätschelten Hoeneß ungewöhnlich deutlich (Beckenbauer kennt das), doch insgesamt bleibt das Medien-Getöse aus. Hoeneß ist nicht mehr die große Marke von einst, für Schlagzeilen genügen nun die kleineren Typen. Selbst die Häme wird klein geschrieben, wie in diesem aus dem Netz gefischten Fund: »präsident, knast + wieder präsident, das gibt’s sonst nur bei den hell’s angels.« Und was macht eigentlich Philipp Lahm? Er lächelt versonnen. Kommt Zeit, kommt er.
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In Dortmund schreiben sie größere Schlagzeilen aus geringfügigerem Anlass. Aber auch hier spielt das olfaktorische Element eine Rolle. Zwar wird der Stunk zum unpassenden Zeitpunkt in die Öffentlichkeit gepustet, aber beim BVB scheint der eine dem anderen (und umgekehrt) dermaßen zu stinken, dass es drinnen gemeinsam nicht mehr auszuhalten ist. Dort liegen mindestens 100 Olf in der Luft.
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Olf! Das Wort für die Einheit der Geruchsstärke kommt aus dem Lateinischen (»nervus olfactorius« – Riechnerv). Ein Olf, das ist der Geruch, der von einem Menschen ausgeht, der am Tag 0,7 Duschbäder nimmt (wie immer dieser Normmensch das auch anstellen mag). Ein Fußballer bringt es nach dem Spiel auf 30 Olf. Wäre ich Profi beim BVB, ginge mein Olf-Wert durch die Decke, wenn der Trainer verlangte, mit ihm und meinen Mitspielern vor dem Training ein Begrüßungstänzchen aufzuführen. Da lachen ja die Hühner, und Klinsmanns Buddha-Statuen wippen im Takt. Wo sie bloß geblieben sein mögen?
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Unserem Leser Wilfried Büttner (Melbach) stinkt wie mir das Marathon-Spektakel von Monza. Er hat daher »eine Frage an den Sportexperten: Könnte ein Läufer nackt, vorzugsweise ganzkörperrasiert, eine größere Chance haben, diese So-unnötig-wie-ein-Kropf-Marke zu unterbieten?« Tja. Schwer zu sagen. In Monza trugen sie Spoiler an den Waden, nackt müsste man(n) mit dem natürlichen Spoiler zurechtkommen, der unbehost aber aerodynamisch nachteilig wirken könnte.
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Mit einem, nun ja, Schlenker zur Nackt-Frage bei den Schwimmern. Denn hier ist überliefert, dass Dawn Fraser, einst die erste Kraulerin unter einer Minute, in den Sechziger Jahren einmal testete, wie schnell sie nackt schwamm. Ergebnis: deutlich schneller als im Badeanzug. Genaueres weiß man nicht, denn Dawn Fraser ließ alle Beobachter aus dem Schwimmbad aussperren.
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Andere Zeiten. Eine heutige Dawn Fraser ließe die ganze Welt zuschauen und bekäme eine Millionen-Gage. Und vielleicht würde sie heute absichtlich langsamer schwimmen und dafür Zusatz-Millionen von der Schwimmanzug-Industrie kassieren.
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Einen ähnlichen Nachteil wie männliche Nacktläufer hatten früher die Hochspringerinnen. Bis der Straddle vom Flop abgelöst wurde. Warum und wieso, möchte ich hier nicht darlegen. Diese Art Humor bedienen eher Comedians wie … da fällt mir ein: Mario Barth stellte 2014 im Berliner Olympiastadion mit fast 120 000 Zuschauern einen Weltrekord auf. Drei Jahre später soll es massive Probleme mit dem Ticket-Verkauf geben.
Mein Glaube an den deutschen Humor kehrt zurück.
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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