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Sport-Stammtisch (vom 6. Mai)

Eines der größten Rätsel der jüngeren deutschen Fußballgeschichte ist gelöst. Warum hat Pep Guardiola in  München so oft das Bayern-System sogar mitten im Spiel geändert? Welcher Master-Plan des Superhirns steckte dahinter? Im Zeit-Interview verrät Philipp Lahm das Geheimnis: Weil er’s kann, und »manchmal auch, glaube ich, nur einfach so aus Spaß.« Aus den gleichen Gründen also, aus denen sich mein Hund das Geschlechtsteil leckt.
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Ach ja, da fällt mir ein: Die wettsüchtigen englischen Gentlemen, die den modernen Sport mit seinen Regeln erfunden haben, taten dies ebenfalls aus Spaß und weil sie es konnten, aber auch aus einem sachdienlichen Grund: Ihre Bediensteten, die sie gegeneinander boxen ließen, wurden zur Weiterverwendung in Haus, Hof und nächster Wette benötigt, sollten sich also möglichst nicht totschlagen. Deshalb die besitzstandsschützenden Regeln.
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Der Land- und sonstige Adel wettete auch auf Pitbulls, eine Rasse, die eigens für Kämpfe mit angeketteten Bullen gezüchtet worden war. Der Pitbull gewann, wenn er dem Bullen die Geschlechtsteile zerfetzte. Diese ›blood-sports‹ waren in good old England ein gesellschaftliches Ereignis höheren Ranges als heute der Kampf Klitschko gegen Joshua. Für mich ein später Grund für einen Zwangs-Brexit. Den Zockern mit der steifen Oberlippe wünsche ich alttestamentarisch, dass sie im Jenseits noch viele schöne Wettkämpfe erleben können. Mangels Bullen müssen sie aber selbst gegen ihre Pitbulls antreten. Bello, nicht lecken! Fass!
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Dagegen können weder Tier- noch Menschenschützer meckern, sondern nur ein paar versprengte Sportliebhaber alter Schule, wenn heute in Monza zu historisch belasteter Uhrzeit (5:45) …, nein, nicht zurückgeschossen, sondern vorausgelaufen wird. Fürs Buch der Rekorde. Denn diesmal wirft Red Bull keinen Österreicher aus dem Flugzeug, sondern Nike will ein paar Schwarzafrikaner nicht nur wie, sondern auch als »Hasen« rund um die Autorennstrecke hetzen, um den ersten Marathonlauf unter zwei Stunden zu produzieren.
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Ist das noch Sport? Statt mich zu empören, denke ich lieber an meinen Lieblings- Bilderwitz (von Bernd Pfarr): Ein Mann mit Skiern an den Füßen, Taucherbrille auf der Nase und einer Hantel in den Händen springt vom Zehnmeterturm ins Wasser. Darunter der höchst empörte Ausruf: »Ist das noch Fußball!?«
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Ich könnte in Monza locker mithalten. Mit dem Rad. Zwei Stunden knapp über 20 km/h, das krieg ich noch hin, auch ohne Akku. Schwieriger wäre da schon ein Wettrennen mit unseren Staffelmädchen. Ein bis zwei Minuten mit rund 35 km/h schaffe ich zwar auch noch, würde aber wahrscheinlich aus der Kurve fliegen. Auch ein Akku hülfe nicht, denn der schaltet sich bei 25 km/h ab.
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Damit radle ich langsam einem hessenpatriotisch kitzligen Thema entgegen, denn es geht auch um zwei großartige Sportlerinnen, eine schon etablierte Sprinterin mit herrlichem Laufstil und eine sensationell in die deutsche Spitze vorgestoßene Newcomerin. Also: Die »World Relays« waren keine Weltmeisterschaft, sondern eine erste Standortbestimmung nach dem Aufbautraining. Die Erfolge auf den Bahamas machen »nur« Hoffnungen und sind nicht schon deren Erfüllung. Im August in London wäre für die eine der echte WM-Titel sensationell, aber illusorisch, eine Medaille großartig und im Optimalfall möglich, für die andere schon die Teilnahme phantastisch.
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Noch mal zum Radfahren. Ein Mitradler leitete mir dieses auf Facebook gepostete Fundstück weiter: »Auf dem Rad hasse ich Autos, im Auto hasse ich Radfahrer und zu Fuß einfach alle.« – Tja, so sind die Menschen. Natürlich immer nur die anderen. Oder? Frage ich Sie. Mich frage ich lieber nicht.
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Ähnlicher Fall: die VIP-Logen in den Bundesliga-Stadien. »Die da oben« werden auf den niederen Plätzen beschimpft und verachtet. Aber wer per Zufall oder Gunst der Stunde einmal in eine VIP-Loge eingeladen wird, setzt sich stolz wie Oskar zu den Promis. Übrigens eine der wenigen Schwächen, unter denen ich nicht leide. Außerdem gucke ich Fußball lieber im Fernsehen.
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Aber eine »e«-Schwäche habe ich. Ein Leser merkt zu Recht an, dass der von mir »Ray Davis« genannte Kinks-Chef »Davies« heißt. Was mir bekannt ist. Aber die »e«-Schwäche«! Ich weiß, es klingt wie eine lahme Ausrede. Ungefähr wie damals in der Schule, als ich, ein notorischer Zuspätkommer, mir alle möglichen Ausreden einfallen ließ und, um nicht immer nur »verschlafen« oder »Bus verspätet« zu murmeln, auch mal als Entschuldigung vorbrachte, wegen neuer Einlagen nicht schnell genug gehen zu können. Aber ich schwör’s, es stimmt: Seit ich im Zwei-Finger-System, immer feste druff, auf meinem Laptop die »e«-Taste zerhämmert und mit Tesa geklebt habe, reagiert das »e« manchmal nicht. Da ich das weiß, suche ich hinterher besonders aufmerksam nach den fehlenden »e«. Aber manch ghn mir durch di Lappn. ntschuldigung.
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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