Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Sport-Stammtisch (vom 29. April)

Das Bild hat ’was: Frankfurter Profis sitzen am Mittwoch gemütlich auf dem Sofa, legen die Füße hoch, gönnen sich ein Bierchen und ein paar Chips (oder umgekehrt, war an diesem Tag alles erlaubt) und schauen mit entspanntem Interesse zu, wie sich die beiden besten deutschen Fußballmannschaften einen großen Kampf auf höchstem Niveau liefern … nur um auszuspielen, wer demnächst gegen die Eintracht antreten darf.
*
Der Bayern-Trainer darf nicht. Ihm gilt zwar, nach seinem egomanisch und pseudointellektuell abgedrifteten Vorgänger, meine ganze Sympathie, aber auch die kann den emotionslosen Gedanken nicht verdrängen: Ancelotti ist der falsche Mann für das, was die Bayern jetzt richtig machen müssen. Dass ihm Rummenigge eine Job-Garantie gibt (Hoeneß zieht eine ancelottische Augenbraue hoch), ist nur eine Beruhigungspille, um das Bayern-Innenleben zu befrieden, und wie alle derartigen Pillen nur wirksam bis zum nächsten Morgengrauen.
*
War Benders sensationelle »Teleskop-Grätsche« (SZ) die Schlüsselszene oder Lahms erstaunlicher Ballverlust? Ironie des Fußball-Schicksals: Am Tag nach dem völlig unüblichen Verstolperer erscheint in der Zeit ein großes Interview mit Lahm. »Es gibt wenige Spieler, die fehlerloser spielen als Sie«, heißt es da, und der Gelobte kommentiert befriedigt, »mit dieser Bewertung« könne er »gut leben«.
*

Wer sprachsensibel ist, zuckt bei der Steigerung von »fehlerlos(er)« zusammen. Aber das mag überempfindlich sein. Ich störe mich mehr daran, dass es Tuchel in superbester Supersuper-Manier seines Vorbilds Guardiola »unendlich traurig« macht, dass Lahm und Alonso nach der Saison aufhören. Wir schön es doch wäre, gäbe es in der Welt nichts unendlich Traurigeres als biologisch-natürlich endende Karrieren.
*
Beim Eintracht-Triumph gab es keine Schlüsselszenen, »nur« einen Schlüsselbeinbruch. Der arme Wolf! Kaum drin, schon wieder draußen, mit schlimmen Schmerzen. Wer noch nie das Schlüsselbein, wahlweise ein paar Rippen, gebrochen hat, weiß nicht, wie weh das wochenlang tut, wenn man husten oder niesen muss. Trump soll ja Waterboarding legalisieren wollen – aber das ist Wattebauschwerfen im Vergleich zur fiesesten Foltermethode überhaupt: Bei Schlüsselbeinbruch Niespulver verabreichen. Frakturleiderprobte Heuschnupfengeplagte können das auch ohne Niespulver-Zusatz bestätigen.
*
Ob Barfußlaufen im Gras abhärtet? Dann jucken vielleicht nur die Füße. Über Stock und Stein will ein Barfußläufer zwölf Wochen lang und 2100 Kilometer weit ins Buch der Rekorde laufen. Natürlich hat er auch hehrere Ziele: Er möchte laufend Spenden für Kinderhilfsprojekte sammeln. Das Projekt wird von einem Pharma-Unternehmen gesponsert, dessen Produkte ihm gegen Gelenk-, Rücken-, Nacken- und Schulterprobleme geholfen haben, und »wenn meine Füße nach längeren Touren am Abend brennen, sprühe ich sie ein – das hilft einfach sofort!«.
*
Ich will demnächst barfuß rückwärts auf den Mount Everest laufen und dabei Spenden für mein persönliches Altenhilfswerk sammeln. Am liebsten würbe ich laufend für ein Ganzkörperspray gegen Heuschnupfen, Gelenkschmerzen, Rückenprobleme, Trump und alles unendlich Traurige auf der Welt. Sponsor gesucht!
*

Zu guter Letzt eine Erfolgsmeldung, die mich sehr stolz macht. Wie Sie vielleicht wissen, war vor vielen Jahren mein Anstoß für den »Anstoß«, auch jene Leser einzufangen, die mit spitzen Fingern den Sportteil aus ihrer Heimatzeitung herauszuzuppeln pflegten. Stichwort: meine liebste Zielgruppe. Jetzt ist eine von ihnen – ja, von Ihnen – sogar bis zu den Spielansetzungen der Fußball-Bundesliga vorgestoßen. Leider hat Ulrike Gamerdinger dort prompt einen Fehler gefunden, sogar einen historisch belasteten, denn mit einem fröhlichen »Carmen Thomas lässt grüßen?!« mailt sie ein Foto der gestern bei uns abgedruckten Spielpaarungen, beginnend mit der Freitagpartie »Bayer Leverkusen – FC Schalke 05«.
*
Schalke 05. Carmen Thomas. Sehr Spätgeborene mögen es googeln. Ein legendärer Fehler, bei uns unfreiwillig kopiert. Macht aber nichts, dachte ich. Hauptsache, meine liebste Zielgruppe liest den Sportteil. Was meine Allerliebste leider immer noch nicht tut, aber das ist ein anderes Thema.
*
Doch dann fällt mein Blick auf den zweiten Satz von Ulrike Gamerdinger: »Gefunden von meinem Mann – ich komme gar nicht erst über den Anstoß hinaus.«
Sisyphus lässt grüßen:  (gw)
*
(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle