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Montagsthemen (vom 24. April)

Und jetzt DFB-Pokal. So richtig unbelastet und lustvoll gehen nur die Frankfurter in ihr Bonus-Spiel. 41 Punkte nach dem 30. Spieltag; Abstieg frühzeitig abgehakt, (sehr) vage Europa-Hoffnungen – die Saison steht jetzt schon als eine erfreuliche in den Eintracht-Annalen. Gladbach sitzt noch das Abstiegsgespenst im Nacken, Dortmund muss um die direkte CL-Qualifikation bangen, und die Bayern hätten nach eigenem Anspruchsdenken ohne Triple und Double mit dem »Eintel« die Saison in den Sand gesetzt.
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Müssten die börsennotierten Borussen, sollten sie verlieren, eine Gewinnwarnung herausgeben? Entschuldigung. Das ist schwarzer Humor, der mit seinem eigenen Entsetzen Scherz treibt. Ganz anders der rein bösartige »Humor«, der Hoffenheims Mäzen nicht nur unter der Gürtellinie, sondern viel tiefer beleidigt, unterirdisch. Unter den armseligen und leider üblichen Anti-Hopp-Parolen gab es nur eine, die mich zum Schmunzeln brachte. Als Dortmunder Zuschauer in Hoffenheim »Hopp du Hurensohn« krakeelten, der Gäste-Block daher mit infernalisch schallenden Hupen übertönt wurde und der tief verletzte und daher humorlos reagierende Hopp klagte, »wer meine Mutter kennt, weiß, was für eine herzensgute Frau sie war«, nutzten BVB-Fans die Steilvorlage für ein Spruchband: »Dietmar Hopp, du Sohn einer Hupe!«
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Wäre es nicht unangemessen, mich als Ratgeber des verdienstvollen Mäzens aufzuspielen, würde ich ihm empfehlen, sich an  Gottfried Benn zu orientieren, der über seine Kritiker notierte: »Über mich können sie schreiben, dass ich Kommandant von Dachau war oder mit Stubenfliegen Geschlechtsverkehr ausübe, von mir werden Sie keine Entgegnung vernehmen.«
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Auch Karl-Heinz Rummenigge hätte besser geschwiegen, als seine unbeholfene Wutrede herauszujammern. So aber stehen die Bayern als schlechte Verlierer da, obwohl sie eine unvergessliche, epische Fußball-Nacht mitgestaltet haben. Unter den O(je!)-Tönen Rummenigges gefiel mir dieser am besten: »Wir sind beschissen worden, im wahrsten Sinne des Wortes.« – Eben nicht! Nicht im wahrsten, sondern nur im übertragenen Sinne des Wortes. Außerdem kann man »wahr« nicht steigern, daher steht Anthony Joshua am nächsten Samstag Wladimir Klitschko im wahren Sinne des Wortes auf Augenhöhe (beide 1,98 m) gegenüber. Ein wenig erinnert der alternde Klitschko an die Münchner Bayern: Viel Routine und reifes Können, was für die gewöhnlichen Gegner noch reicht, aber keine frische Schlagkraft mehr für die außergewöhnlichen. Wie Real Madrid. Oder wie Anthony Joshua – falls die Vorschusslorbeeren nicht bloße Ballyhoo-PR sind.
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Unterschied zwischen Klitschko und den Bayern: Eine Fußballmannschaft kann dem Alter trotzen, sich verjüngen und neue Schlagkraft einkaufen. Klitschko und wir alle können das nicht, selbst wenn wir Fantastillionen besäßen. Daher wird es den »alten«, den zehn Jahre jüngeren Klitschko, der seine Gegner fein säuberlich zerlegt hatte, nie mehr geben.
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Als Zerlege-Meister (Vorsicht, Kalauer!) glich ihm nur einer. Damit zu Schalke, das positive Schlagzeilen schreibt. Auf den Wirtschaftsseiten. Schalke-Boss und Fleisch-Mogul Clemens Tönnies hat die jahrelangen familieninternen Streitigkeiten beigelegt und sein vom Zerlegen bedrohtes Imperium gerettet. Tönnies war einmal deutscher Zerlegemeister, er beinte sechs Schweineschultern in 65 Sekunden aus. Von daher weiß er: Zerlegen ist einfacher, als Zerlegtes wieder zusammenzufügen. Was ihm jetzt gelungen ist. Ein spätes Meisterstück, für die Fachwelt überraschender, als ein solches der Schalker auf dem Rasen sein könnte.
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Ganz anderes Thema, ein ernstes, daher ohne bemüht witzigen Übergang: Dr. Sylvia Börgens, Diplom-Psychologin aus Wölfersheim, gehört zum Kern jener Leser, die den »Anstoß« seit Jahren mit klugen Kommentaren begleiten. In ihrer Reaktion auf den »Sport-Stammtisch« vom Samstag widerspricht sie »ausdrücklich Ihrer Auffassung, dass wir in immer empathieloseren Zeiten leben. Mitgefühl mit anderen war in der gesamten Menschheitsgeschichte beschränkt auf das unmittelbare soziale Umfeld. Wie heißt es bei Goethes ›Osterspaziergang‹ in Faust I: »…wenn hinten weit in der Türkei die Völker aufeinander schlagen‹ – dann ging der brave Frankfurter nach Hause und trank zufrieden sein Gläschen, das alles ging ihn gar nichts an.« (komplette Mail in »Sport, Gott & die Welt«)
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Vielleicht wird die Welt nicht empathieloser, sondern es gibt in ihr nur immer mehr Möglichkeiten, Gefühllosigkeit zur Schau zu stellen. Durch Mobbing via Facebook und Co., durch Handyfotos von Mord- bis Verkehrsopfern und sonstigen Schrecklichkeiten. Bleibt noch meine Vermutung, dass nicht zuletzt auch durch die alltäglichen Ballerspiele grausamster Art das Mitgefühl abstumpft. Auch der BVB-Attentäter soll ja durch ein Videospiel zu seiner irrsinnigen Tat inspiriert worden sein.
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Stichwort Habgier. Sie ist auch eine Gier, und die »Gier« gehört zu den grundsätzlichen Charakter-Forderungen jedes Trainers und gilt als eines der höchsten Güter in der Bundesliga. Und nicht nur dort. Wenn nun mancher nach dem irrsinnigen Habgier-Anschlag die Gier nicht mehr als hohes Gut ansähe, sondern aus seinem Wortschatz und Kopf striche, wäre dies ein kleiner positiver Nebeneffekt des immer noch unfassbaren Irrsinns. Aber das ist ein anderes Thema und hat zwar mit Fußball zu tun, aber mehr noch mit uns allen. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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