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Dr. Sylvia Börgens: Empathie und Psychopathie

Ich widerspreche ausdrücklich Ihrer Auffassung, dass wir in immer empathieloseren Zeiten leben. Mitgefühl mit anderen war in der gesamten Menschheitsgeschichte beschränkt auf das unmittelbare soziale Umfeld, die Sippe, den Clan, später das Volk. Wie heißt es bei Goethes “Osterspaziergang” in Faust I: “…wenn hinten weit in der Türkei die Völker aufeinander schlagen” – dann ging der brave Frankfurter nach Hause und trank zufrieden sein Gläschen, das alles ging ihn gar nichts an.
Gut möglich, dass unsere Empathiefähigkeit heute überfordert wird, indem uns die Schreckensmeldungen der ganzen Welt unmittelbar ins Haus geliefert werden. Aber die Fähigkeit zum Mitleiden, zum Sich-Einfühlen in die Befindlichkeit anderer hat sich eher erhöht, wie z.B. die große Spendenbereitschaft bei Katastrophen weltweit zeigt. Ivanka Trumps Empathie mit den Chemie-Angriffsopfern in Syrien hat dazu geführt, dass ihr Papa eine völlige Kehrtwende seiner Nahost-Ideen vollzogen hat (“Strategie” will man es wohl nicht nennen).
Der Dortmund-Attentäter ist wahrscheinlich eine psychopathische Persönlichkeit, u.a. also zur Empathie unfähig. So etwas hat es immer gegeben. Eine ganz gute Beschreibung bietet dieser Artikel: http://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/psychologie/krankheitenstoerungen/wenn-der-mensch-zum-monster-wird-so-erkennen-sie-einen-psychopathen_id_2734734.html
Ich sehe in der Perfidie seines Planes eher einen Auswuchs unseres kapitalistischen Wirtschaftssystems. Aber ist das etwas grundsätzlich Anderes, als dass der Aktienkurs einer Firma in die Höhe geht, wenn die Geschäftsleitung “Freisetzungen” von Personal ankündigt?

Um jedes Missverständnis auszuschließen: Die Tat als solche ist unfassbar. Dass jemand nur aus Geldgier den Tod vieler Menschen verursachen will, also ganz kalt agiert, ist wirklich zum Schaudern. (Dr. Sylvia Börgens/Wölfersheim)

Baumhausbeichte - Novelle