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Sport-Stammtisch (vom 22. April)

Trotz Tragik, Pech und Beschiss bleibt der Fakt: Das Halbfinale geht ohne deutsche Beteiligung über die große Bühne. Das sollte uns trotz berechtigter und manchmal bloß jämmerlicher Jammerei zu denken geben. Auch wenn wir noch so intensiv auf den eigenen Nabel schauen: Er ist nicht der Nabel der Fußballwelt.
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Natürlich warfen Fehlentscheidungen die Bayern aus der Bahn. Aber in der Gesamtschau beider Begegnungen hat Real verdient gewonnen. Und das in einer zweiten Partie, deren Niveau noch kein WM-Finale hatte, an das ich mich erinnern kann.
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Die Zeitenwende für die Bayern, sie ist also da, und das letzte Hurra dieser Generation war ein ganz großes. Respekt. Ob Ancelotti der richtige Mann für den Umbruch ist … ach was, ich will meine liebste Zielgruppe nicht auch noch mit all dem langweilen, zu dem alle schon alles gesagt haben. Da beschäftige ich mich und Sie lieber mit einer hessischen Freizeit-Dichterin, Eloise, Händel, empathielosen Algorithmen, dem Koschnickern und einem Gold-Käse, der nicht zum Bahnhof gerollt wurde, sondern vielleicht zu …
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… aber erst zu Rummenigges »Wutrede«. Eher eine im doppelten Wortsinn aufgesetzte Pflichtübung: Wüt’ it like Kalle. Er täuschte sich dann auch noch, als er mit einer Kalenderweisheit schloss. Redner-Pech: Das Zitat stammt nicht von Hugo von Hofmannsthal, sondern vom ehemaligen britischen Premierminister David Lloyd George. Doch solchen Kummer ist Rummenigge gewohnt. Einst ehrte er auf einer Bayern-Generalversammlung seinen Kaiser Franz mit diesen unvergänglichen Zeilen: »Ich danke Dir, danke Dir ganz doll, weiß gar nicht, was ich sagen soll.« Klingt in seiner sperrigen Unbeholfenheit nach einem echten Kalle, war aber aus dem Internet geklaut, bei einer Gebrauchs-Lyrikerin (aus Hessen! Das tut weh!), die ihre Reime gegen Entgelt anbot.
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Apropos Kaiser Franz. Was macht eigentlich Franz Beckenbauer? Auch bei Sky sieht man ihn nicht mehr. Stattdessen höre ich dort eine Hymne, eine gewaltige der Pop-Historie, die fast verschollen war, jedenfalls auf keiner mir bekannten Oldie-Sammlung auftaucht. Damit meine ich natürlich nicht die Champions-League-Hymne der UEFA, obwohl Händels »Zadok« ebenfalls zur (Klassik-)Pop-Historie zählt, sondern »Eloise« von Barry Ryan. Leider immer nur kurz angespielt, als Überleitung zur Werbung. Bei Youtube ganz und noch gut anzuhören. Eine bombastische Ballade.
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Bomb… und damit zum Ernst des heutigen Lebens. Der Bomben-Anschlag auf die BVB-Spieler war also offensichtlich kein islamistischer Terrorakt, aber ebenfalls ein Menetekel unserer Zeit des wachsenden Wahnsinns in einer immer empathieloseren Welt. Wie krank muss ein Hirn sein, dass solch eine irrwitzige Idee in die Tat umsetzt, dabei höchst professionell und zugleich dilettantisch vorgeht, aber keinen Gedanken daran verschwendet, was er bei seinen Opfern anrichtet?
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Auch die allgegenwärtigen Algorithmen sind empathielos, aber bei denen gehört es zum Geschäftsmodell. Sie sind es wohl auch, die im Internet Werbung aufploppen lassen, wenn in  Texten Wörter auftauchen, die zur Werbung zu passen scheinen. Wie gestern bei Bild online. Ich klicke den Artikel zum Bombenanschlag auf den BVB an … und schon ploppt die Werbung eines Börsen-Beraters auf: »Diese Aktien explodieren durch Trumps Präsidentschaft.«
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Zu ernst? Das können wir ändern. Thomas Müller: »Wir haben Männerfußball gespielt.« Wenn das mal keinen Ärger bringt! Man sollte alle Geschlechtsbenennungen aus dem Wortschatz tilgen, um in kein Fettnäpfchen zu treten. An der Uni gibt es schon keine Studenten mehr, nur noch Studierende, in Altenheimen leben Wohnende, und wir alle werden demnächst »Bürgernde«. Womit aber immer noch nicht die Rekordkürze erreicht ist, mit der Hans Koschnick (SPD/2016†) die »Bürgerinnen und Bürger« zu »Bürnn« einzudampfen pflegte. – Das Neutrum ist übrigens keine Alternative. Denn jeder Hesse weiß, welches Geschlecht gemeint ist, wenn über »das Mensch« geschimpft wird.
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Schwierigere Frage: Wer hat denn den Gold-Käse zum … na ja, sicher nicht zum Bahnhof gerollt. Die aus einem Berliner Museum gestohlene 100-Kilo-Goldmünze ist immer noch nicht aufgetaucht. Wie klaut man so eine Münze, wie macht man sie zu Geld, wie kriegt man sie klein? Die Süddeutsche Zeitung hat Prof. Dr. Dr. Dipl.-Ing. Gerhard Sperl befragt, und der Experte für Gold und Metallgießerei gibt eine verblüffende Antwort: »Notfalls sägt man sie halt in der Mitte durch. Gold ist ganz weich.«
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Sägen? Und schon klingelt’s bei mir. Sachdienlicher Hinweis an alle Polizeidienststellen: In Deutschland boomt eine neue Sportart, das Sportholzfällen, genannt »Timbersports«. Die deutsche Meisterin kommt aus Niddatal, ihre Spezialdisziplin heißt »Single Buck«, und der Frankfurter Rundschau verrät sie: »Da arbeiten wir mit einer zwei Meter langen Handsäge, die man so ähnlich von Hochzeitsspielen kennt.« Also, liebe Fahnder, jetzt wisst ihr, wo der Zugriff erfolgen muss. Damit Gold-Sägen keinen Geld-Segen bringt.
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Aber was sind denn das bitte für Hochzeitsspiele?! Ich kenne so etwas nur als Schwiegermutterspiel von Adolf Tegtmeier alias Jürgen von Manger: »Dann hab ich sie gesägt.«

Also äääärlich! (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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